Sabine Kuegler in Swasiland – mein “Held” ist ein kleiner Junge

Qhawe ist mein Patenkind in Swasiland. Sein Name bedeutet „Held“. Ein kleiner Junge, der mit seinen 4 Jahren mehr Leid erlebt hat als die meisten Erwachsenen in Deutschland.

Ich hatte mich nie so richtig für Patenschaften interessiert, wusste auch wenig darüber und hatte einige Vorurteile. Doch dann traf ich den kleinen Held.

Schon vor seiner Geburt war sein Leben von Armut und Tragik gekennzeichnet. Seine Eltern lebten in einem der am stärksten von Dürre betroffenen Gebiete in Swasiland. Die Familie ist arm und wohnt in einer traditionellen Hütte am Rande der Provinz Matsanjeni. Als seine Mutter im achten Monat mit Qhawe schwanger war, starb sein Vater. Kurz nach der Geburt verließ seine Mutter ihn und seine älteren Schwester und zog weg, um Arbeit zu suchen. In dieser Gegend gibt es fast keine Infrastruktur und keine Industrie. Jetzt leben Qhawe und sein Schwester bei den Großeltern und es geht ihnen, den Umständen entsprechend, gut. Ihr Großvater war fleißig und versorgte die Familie so, dass sie wenigstens nicht hungern mussten. Doch als Qhawe acht Monate alt war, starb auch sein Großvater und hinterließ die Hinterbliebenen in schrecklicher Armut. Qhawes Großmutter Siphiwe, eine kleine, zierliche Frau, muss sich jetzt alleine um drei Kinder kümmern, denn nicht nur Qhawe und seine Schwester Notwando leben bei ihr, sondern auch Lindohuhle, sein Cousin, der seine Eltern sehr früh verloren hatte.

Es ist früh am Nachmittag, als wir endlich ankommen. Wir waren fast drei Stunden unterwegs, um dieses abgelegene Gebiet zu erreichen. Immer wieder durchqueren wir ausgetrocknete Landschaften und dicker Staub liegt in der Luft. Die einzigen Pflanzen, die sich hier wohl zu fühlen scheinen, sind Kakteen, die wie stolze Soldaten die Felder schmücken. Bald biegen wir von der Straße ab und folgen einem fast nicht erkennbaren Feldweg. Kurze Zeit später steigen wir aus, denn wir kommen mit dem Auto nicht mehr weiter und müssen den Rest des Weges laufen.
Dornen kratzen an unseren Beinen, verdorrte Blätter und Äste rascheln unter unseren Füßen und Staub wirbelt bei jedem Schritt auf. Wir gehen durch ein kleines Tor – ein altes Aluminiumblech, das mit gebundenen Ästen zusammen gehalten wird. Dann stehen wir auf einem Grundstück mit drei Hütten, die so aussehen, als ob sie bald in sich zusammenfallen würden. Eine ältere Dame kommt auf uns zu und mit ihr ein kleiner Junge, mein kleiner Held.

Wir setzten uns auf geflochtene Matten im Schatten einer der Hütten. Qhawe ist schüchtern und scheint sich unwohl mit der ganzen Aufmerksamkeit zu fühlen. Also packe ich ein paar Spielzeugautos aus, die ich mitgebracht habe, und gebe sie ihm. Seine Augen leuchten auf und langsam verliert er seine Schüchternheit. Seine Großmutter Siphiwe strahlt und erzählt, dass er Autos liebt und aus alten Blechdosen versucht hatte, selbst welche zu basteln.

Sabine Kügler mit ihrem Patenkind Qhawe

Sabine Kügler mit ihrem Patenkind Qhawe

Ich unterhalte mich mit Siphiwe und sie erzählt mir ein wenig aus ihrem Leben und Alltag. Es ist kein schönes Leben und es mangelt an allem. Manchmal gehen sie hungrig ins Bett, erzählt sie mir. Qhawes Schwester musste sie zu Verwandten geben, denn sie konnte nicht alle drei Kinder ernähren. Die Dürre hat ihren Garten zerstört, und jetzt ist sie auf Nahrungsmittelverteilungen durch NGOs angewiesen. Doch diese seien nicht regelmäßig und so versucht sie, wo sie nur kann, Essen zu bekommen. „Ich weiß nicht, wie ich ohne das NCP (Neighborhood Care Point )überlebt hätte“, sagt sie mir und schaut ihren Enkelsohn an, der noch immer am Boden sitzt und mit den Autos spielt.

Es ist in diesem Moment, dass ich zum ersten Mal wirklich verstehe, um was es bei einer Patenschaft geht. Ich hatte die Patenschaft für Qhawe übernommen, jedoch bis jetzt nicht realisiert, wie überlebenswichtig sie für ihn sein würde. Denn Patenschaft bedeutet nicht, Geld in die Hand von einer Familie zu geben, sondern ist eine Investition für die ganze Gemeinschaft, in der das Patenkind lebt. Wie zum Beispiel eine NCP (Neighborhood Care Point) Einrichtung. NCP ist eine Form von Vorschule, wo Kinder bis 6 Jahre betreut werden und eine warme Mahlzeit bekommen, was viele Familie sich nicht leisten können. NCPs fördern auch ein soziales Miteinander und geben gleichzeitig den Eltern die Möglichkeit, einer Tätigkeit zum Lebensunterhalt nachzugehen, während die Kinder in guter Aufsicht sind. Für Qhawe war es die Rettung, denn seine Großmutter kann nicht arbeiten und die Teilnahme bei der NCP sichert ihm eine Mahlzeit, die er ansonsten nicht bekommen hätte.

Ich frage Siphiwe, warum sie keinen Garten anlegt. Sie nimmt mich mit und zeigt mir den Garten – er ist völlig ausgetrocknet und verdorrt. „Früher musste ich eine Stunde laufen, um Wasser zu holen“, erzählt sie mir, „aber dank dem NCP hat sich das geändert“. Denn nachhaltige Entwicklungshilfe bedeutet nicht nur in einem Bereich helfen, sondern auch für Lebensgrundlagen wie sauberes Wasser zu sorgen. In der Nähe von Qhawes Hütte wurde durch Patenschaftsbeiträge ein Brunnen gebaut. Das veränderte das Leben von Qhawe und seiner Familie. Sie bekommen jetzt sauberes Wasser zu trinken und werden weniger krank. Seine Großmutter muss nicht mehr eine Stunde laufen um Wasser zu holen und kann jetzt wieder ihren Garten anlegen.

Obwohl das Leben für Qhawe nicht auf demselben Lebensstandard sein wird, wie für ein deutsches Kind, hat die Patenschaft ihm einen Weg eröffnet, eines Tages aus der Armut heraus zu kommen. Durch die Patenschaft werden nicht nur seine Schulkosten gedeckt, er bekommt auch regelmäßig Besuch von einer World Vision -Mitarbeiterin, die seine Gesundheit und sein Wohlergehen kontrolliert. Sollte es ihm eines Tages nicht gut gehen, wird ihm die Unterstützung gegeben, die er braucht, um zu einem gesunden und gebildeten Mann heranzuwachsen. Ob der kleine Held sein Glück im Leben findet, das liegt alleine an ihm, aber die Weichen dafür hat ihm diese Patenschaft gestellt.

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