Sabine Kuegler in Swasiland – zu Besuch bei Tulimanse

Ich treffe Tulimanse an einem Wegrand in Gilgal, ungefähr eine Stunde von Manzini entfernt.  Ihre Haare sind mit einem Tuch bedeckt, und sie ist mit einem langen Rock und einer bunte Bluse bekleidet. Auf ihrem Rücken, eingewickelt in alte Decken, trägt sie ihren drei Wochen alten Sohn. Als Mutter von vier Kindern will ich mir dieses kleine Lebewesen näher anschauen. 

Wie klein er doch ist, und wie wunderschön er aussieht, schlafend und zufrieden, ungeachtet dessen, was um ihn herum passiert. Seine Mutter spricht auf mich ein, doch ich verstehe sie nicht – sie spricht die Landessprache Siswati. Da sie nie eine Schule besucht hatte, kann sie kein Englisch. Ich winke Mandla, einen einheimischen World Vision-Mitarbeiter der uns begleitet, zu uns und bitte ihn, zu übersetzen. Wie alt sie ist, will ich wissen. Sie lacht ein wenig verlegen. Ihr genaues Alter kennt sie nicht, aber man hat sie auf Mitte vierzig geschätzt. Als sie mich zu sich nach Hause einlädt, nehme ich mit Freude an. Ich fühle, dass sie mir etwas sagen oder zeigen will, oder vielleicht auf etwas hofft.

Wir spazieren einen staubigen Weg hinunter. Es ist gerade Winter in Swasiland und seit langer Zeit hat es hier nicht mehr geregnet. Die Felder um uns herum sind bedeckt mit ausgetrocknetem Gras. Die mageren Bäume, die ein wenig Schatten in der öden Landschaft spenden, scheinen um Wasser zu flehen. Kleine Staubwolken wirbeln bei jedem unserer Schritte auf und bald sind unsere Beine mit einer dünnen Schicht orangefarbenem Staub bedeckt. Die untergehende Sonne umgibt uns mit einem warmen Licht und die Welt scheint idyllisch. Tulimanse biegt schließlich vom Weg ab und wir betreten durch ein Tor aus zusammengebundenen Brettern ihr Grundstuck. Drei runde traditionelle Hütten stehen in der Mitte des Geländes. Für einen Augenblick sieht alles sehr romantisch aus – die kleinen Hütten, mit Lehmwänden und Strohdächern und ein paar Hühner, die herumspazieren und nach Nahrung suchen. Doch es sollte sich bald als alles anders als romantisch entpuppen.

Wie sieht es im Inneren der Hütten aus?, erkundige ich mich. Tulimanse nimmt mich mit in die Hütte, in der sie schläft. Zwei Betten passen hier hinein, nicht mehr. Sie sind mit alten Decken überzogen, eine Leine ist über uns gespannt, an der einige Kleidung hängt. Eine kleine Holzkiste steht zwischen den Betten, auf der eine Kerze und einige kleinere Gegenstände liegen.  Es gibt keine Fenster, und mit der Dunkelheit entfliehen auch alle romantischen Gedanken und die Realität kommt langsam zum Vorschein. Welche schreckliche Armut hier herrscht!

Wir setzen uns aufs Bett und ich frage, ob ich ihren Sohn halten dürfe. Mit einem stolzen Lächeln, wickele sie ihren Sohn aus und gibt ihn mir. Er ist komplett durchnässt und im ersten Moment denke ich, er habe in den Decken geschwitzt. Doch bald wurde mir klar, dass es nicht Schweiß ist. Das Baby trägt keine Windeln, denn Tulimanse kann sich keine leisten Es liegt in seinem eignen Urin. Tulimanses Mann ist arbeitslos und fort gegangen, um in anderen Provinzen des Landes einen Job zu suchen. Ob sie noch andere Kinder hat, frage ich. Ja, sie hat noch drei Kinder zur Welt gebracht. Ihr ältester Sohn lebt in einer anderen Gegend des Landes um dort eine Schule zu besuchen. Ihre Tochter ist 13 Jahre alt und lebt bei ihrer Großmutter. Sie ist schwanger und hat die Schule abgebrochen.  „Ich kann sie nicht mehr ernähren“, erzählt mir Tulimanse. Und dann sei da noch ein Sohn gewesen, er war sieben Jahre alt, als er starb. „An was starb er?“, frage ich. „Ich vermute an Aids“, antwortet sie und ihre Stimme füllt sich plötzlich mit Schmerz. Ich setze mich neben Tulimanse und lege meine Arme um sie. Tränen laufen ihre Wangen hinunter, jedoch sind es nicht Tränen der Trauer, sondern Tränen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

In diesem Augenblick begreife ich die Ausmaße ihrer Geschichte. Sie teilt das Schicksal vieler, die in diesem Land leben. HIV hat ihre Familie auseinandergerissen, ihren Sohn von ihr genommen, ihre älteren Kinder vertrieben und ihren Mann dazu gebracht, die Realität zu verleugnen. Er weigert sich, einen HIV-Test zu machen. Tulimanse ist anders – Sie machte einen Test und als ihr Ergebnis positiv war, nahm sie regelmäßig Medikamente, um die Krankheit einzugrenzen. Wie sehr hatte sie sich auf dieses neue Baby gefreut! Wie sehr hatte sie sich Mühe gegeben, alle Anweisungen des Arztes zu befolgen, um nicht diesem neue Leben gleich bei der Geburt das Todesurteil mitzugeben. Wie stolz war sie, dass ihr Sohn trotz Frühgeburt überlebte. Und doch weint sie jetzt weiter, denn wir beide kennen die schreckliche Wahrheit: So wie Tulimanse sich keine Windeln leisten kann, kann sie auch keine Babynahrung kaufen. Und somit hat sie keine andere Wahl, als ihr Kind zu stillen. Aber mit der Muttermilch kann auch die Krankheit übertragen werden.

Was sagt man in einer solchen Situation? Es wird alles schon besser werden, mach dir keine Sorgen, das Leben geht weiter? Mir fehlen in diesem Moment die Worte, und außer Tulimanse fest in den Armen zu halten, weiß ich nicht, was ich machen soll. Es sind Geschichten wie diese, die mich sehr treffen und manchmal auch verzweifeln lassen. Doch eines habe ich im Leben gelernt: Aufgeben ist keine Lösung. Es gibt noch viele ungeborene Kinder, die gerettet werden können. Für viele wird es zu spät sein, so wie für Tulimanse und ihren Sohn. Aber genau um solche Geschichten zu verhindern, ist es wichtig, dass wir alle einen Beitrag leisten, dass wir nicht unsere Augen schließen und uns wegdrehen. Ich werde meinen Beitrag leisten, ich werde mich weiter gegen Armut und Ungerechtigkeit einsetzten, und wenn ich mich wieder in Deutschland befinde und im Trubel des Alltags verliere, dann werde ich innehalten und an Tulimanse und ihrem Sohn denken. Denn genau so wie der kleine Pfirsichbaum Hoffnung in die ausgetrocknete Landschaft brachte, kann jeder Erfolg, jeder Beitrag, jede Spende, so klein sie auch sein mag, Hoffnung geben, dass wir eines Tages in einer besseren und gerechteren Welt leben werden.
Ich habe noch eine letzte Frage an Tulimanse. Wie lautet der Name ihres Sohnes?
Er heißt Bhekisisa.

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