Starker Seegang und ein Fünkchen Leben

Auf Sierra Leone, das touristisch noch kaum erschlossene Land am Meer, war ich sehr gespannt. Es war ein bißchen riskant, zur Regenzeit dorthin zu reisen, aber ich wollte Politikern und Medien vor dem Milleniumsgipfel gerne mit frischen Eindrücken aus der Realität in Afrika verständlich machen, was es konkret für Kinder mit Namen bedeutet, ob die Welt sich ernsthaft mit der Beseitigung extremer Armut, vor allem auch der Mütter-und Kindersterblichkeit, befasst.

Von einem Kontinent zum anderen ist es heutzutage ja ein Katzensprung – aber dann läuft die Uhr doch ganz anders. Als wir am Sonntagabend auf dem Lungi Airport, der vom Festland getrennt ist, landeten, stellte sich als erstes heraus, dass der übliche Hubschrauber nicht flog und wir somit ein Schiff nehmen mussten. Wir fuhren also mit dem Bus zum Hafen, verluden uns und unser Gepäck aufs Schiff und der Kahn legte ab. Er kam bis zur Mitte des Sees. Dort begann er, sich im Kreis zu drehen. Eine Weiterfahrt war damit unmöglich. Leichte Panik machte sich unter den einheimischen Frauen breit. Die ersten begannen zu beten.

Starker Seegang und Panik an Bord

Ein australischer Passagier meinte, das sei ihm schon mal passiert – die nächsten zwei Stunden müssten wir wohl mit Warten verbringen, bevor ein anderes Schiff uns abholen würde. Diese Äußerung trug nicht unbedingt zur Beruhigung bei. Hilfe kam jedoch schneller als erwartet und die Matrosen versuchten, unser Boot seitlich ins Schlepptau zu nehmen. Da es jedoch ziemlich starken Seegang gab, knallten die beiden Schiffe immer wieder heftig aneinander und unser Boot schaukelte sich gefährlich auf. Nun gab es kein Halten mehr – die Passagiere im Schiff schrien durcheinander, einige Frauen bekamen einen Kreislaufkollaps, andere mussten sich übergeben. Panik überall. Ich muss gestehen, auch mir war nun nicht mehr wohl und ich überlegte schon, ob ich es schaffen könnten, ans Ufer zu schwimmen.

Neue Strategie bringt alle sicher ans Ufer

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, unser Boot abzuschleppen, überlegte sich die Schiffsbesatzung eine neue Strategie. Alle Passagieren mussten nun von einem auf das andere Boot überspringen. Mit der Hilfe aller, hier muss ich insbesondere unsere Journalisten loben, die tatkräftig mit anfassten, waren alle Passagiere sicher auf dem Hilfsboot und wenig später konnten wir im Hafen anlegen. Die einheimischen Frauen stimmten ein Dankgebet an. Inzwischen regnete es wie aus Eimern.

Nass wie die sprichwörtlichen Katzen gelangten wir in der Wartehalle des Schiffseigners an. Da unsere Koffer noch auf dem dahin dümpelnden Boot waren, mussten wir bis zum frühen Morgen auf unser Gepäck warten. Einige von uns waren dann gegen 4 Uhr morgens im Bett.

Besuch beim Gesundheitsminister von Sierra Leone

Am nächsten Morgen um 8:30 Uhr ging es weiter. Wir hatten einen Termin im World Vision Büro und beim amtierenden Gesundheitsminister. Müde, aber glücklich, dass alles gut ausgegangen war, stärkten wir uns im World Vision-Büro mit Kaffee und bekamen Informationen über die Arbeit in Sierra Leone.

Der Besuch beim Gesundheitsminister stellte sich im Nachhinein als sehr wichtig heraus. Die Kollegen bestätigten, dass es ihre Advocacy-Arbeit sehr nach vorn gebracht hätte. Jennifer Herold, die Direktorin, war auch in der Lage, die Studie zur Kampagne “Gesunde Kinder weltweit” zu übergeben und dem Gesundheitsminister zu erläutern, worum es ging. Offenbar wurde über unseren Besuch auch in den örtlichen Medien berichtet.

Kurze Erfrischung im Hotel mit afrikanischer Eimerdusche

Am frühen Nachmittag ging es weiter nach Bo, der zweitgrößten Stadt in Sierra Leone. Abends übernachteten wir in einem einfachen aber sauberem Hotel mit afrikanischer Eimerdusche – sehr erfrischend nach der staubigen und heißen Fahrt. Alle Zimmer wurden gründlich nach Spinnen und anderen Krabbeltieren abgesucht, da eine Journalistin unter einer Spinnenphobie litt. Na ja, ich war auch beruhigt, dass wir nichts gefunden hatten.

Am nächsten Morgen fuhren wir ins Projektgebiet – eine Fahrt von angeblich zwei Stunden, die sich später als sechs Stunden herausstellten. Ab da wurden die Entfernungen nur noch mit “Two Hours Plus” bezeichnet. Es regnete weiterhin in Strömen und manche Sandpisten hätten wir wahrscheinlich besser mit einem Boot befahren können. Unten und oben verwischten sich, es war einfach nur nass. Ich machte mir ernsthaft Sorgen, wie wir bei solch einem Wetter etwas filmen und fotografieren sollten.

Freundlicher Empfang im Projektgebiet

Doch im Projektgebiet angekommen, hörte der Regen auf und ab da schien die Sonne. Manchmal gab es einige kleine Wölkchen, die wir dankbar begrüßten. Duschen brauchten wir fortan nicht mehr, da wir alle bis auf die Haut ständig nass geschwitzt waren. Zur Begrüßung gab es ein großes Bohei. Der Dorfchef hatte sich extra schick gemacht mit einem Hut und einer Weste aus dickem geflochtenem Material und muss uns zuliebe höllisch geschwitzt haben. Nach dem Mittagessen, dass übrigens vorzüglich war – Reis mit Hühnchen – ging es weiter in das nächste Dorf.

Herausfordeungen im Bereich Gesundheit

Martin, der staatliche Arzthelfer, der im Projektgebiet gemeinsam mit einer Kollegin und drei Hebammen für die Gesundheit von etwa 6.500 Menschen verantwortlich ist, erklärte uns an einigen Fallbeispielen die Gesundheitsprobleme der Kleinkinder und Mütter. Ruhiatu, ein eineinhalbjähriges Mädchen, leidet unter schwerster Unterernährung. Sie wiegt nur noch 6 kg, normal wären 12 kg. Das Mädchen war kurz davor zu sterben, konnte aber gerettet werden, da sie mit vitamin- und mineralstoffreicher Zusatznahrung ernährt wurde. Ihre Mutter Amie war neun Monate nach der Geburt des Mädchens wieder schwanger geworden. Dadurch stoppte der Milchfluss und das Kind wurde fortan nur mit Kasawa ernährt. Kasawa wird von Kleinkindern jedoch nicht verdaut, ist zu einseitig und es fehlen Vitamine und Mineralstoffe für die gesunde Entwicklung der Kinder.

Langzeitfolgen von Mangelernährung

Es gab noch viele solcher Fälle. Ein kleiner Junge litt an Kwashiokor. Das ist eine Krankheit, die durch Fehl- und Mangelernährung entsteht. Das Problem ist, dass die Kinder trotzdem gut genährt aussehen können. Sie bleiben jedoch geistig und körperlich zurück. Die Langzeitfolgen sind gravierend, selbst wenn in späterem Alter vitaminreiche Zusatznahrung gegeben wird. Die Kinder können sich in der Schule nicht konzentrieren, bleiben ihr Leben lang anfällig für Krankheiten, die Zähne können ausfallen. Manchmal verfärben sich die Haare rot und der Bauch schwill schmerzhaft an. Untersuchungen zeigen, dass Länder, in denen viele unter- und mangelernährte Menschen leben, auch in ihrem Wirtschaftswachstum stark zurückbleiben können.

Frohe Nachricht zum Start in den Tag

Am nächsten Morgen kam Martin, der in unserem Projektgebiet die Gesundheitsstation betreibt, mit einer freudigen Nachricht. Eine junge Mutter hatte ein gesundes Baby geboren. Wir machten uns alle eilig auf den Weg, um das Neugeborene zu begrüßen. Es war wirklich allerliebst. Alle waren aus dem Häuschen.

Wenig später versammelten sich etwa 150 Frauen aus der Region – mache hatten einen Fußweg von 10 Kilometern und mehr hinter sich – und begannen ein Lied anzustimmen. Zuvor hatte eine Hebamme einige Dinge zum Thema Hygiene und Gesundheitsvorsorge in der Landessprache erklärt. “Wasch Dir die Hände, dann bleibst Du gesund. Halte Hygiene, dann bleibst Du gesund”, lautete der Refrain des Liedes.

Herstellung von Zusatznahrung – Wichtige Hilfe in der Not und Wirtschaftsquelle

Am Nachmittag fuhren wir in ein anderes Dorf. Dort stellt eine Frauenkooperative die Zusatznahrung her, mit denen die unterernährten Kinder aufgepeppelt werden. World Vision arbeitet auch hier eng mit der Kooperative zusammen. Das eingenommene Geld wird auf ein Bankkonto eingezahlt. Aus diesem Topf können die Frauen wiederum Kleinkredite bekomme, mit denen sie ein kleines Geschäft aufbauen können. Die Zusatznahrung besteht aus Reis, nährstoffreichen Bohnen und Sesam. Die Körner werden geröstet und fein zermahlen und anschließend mit heißem Wasser aufgekocht. Sie ist so nährstoffreich, dass selbst schwerst unterernährte Kinder innerhalb von zwei Wochen wieder zu Kräften kommen können.

Zurück in unserem Dorf erreichte uns eine schlechte Nachricht. Ein weitere Schwangere hatte ein Baby bekommen. Es war jedoch tot. Wir waren alle tieftraurig und schockiert. So nahe waren wir alle noch nicht mit Leben und Tod konfrontiert worden. Vielleicht wäre das Baby noch am leben, wenn man die Mutter rechtzeitig in ein Krankenhaus hätte bringen können. Doch das liegt zwei Stunden Fahrt über holprige Sandpisten entfernt.

Eindrücke aus dem Alltag des Arzthelfers

Wir luden Martin ein, an unserem Abendessen teilzunehmen. Er erzählte uns von seinem täglichen Leben und wir waren alle tief beeindruckt. Jeden Tag betreut er neben den normalen Krankheitsfällen etwa 150 Frauen mit ihren Kindern. Er arbeitet sieben Tage die Woche von morgens bis abends und manchmal klopfen auch nachts noch Kranke an seine Tür. Urlaub gibt es nicht. Weniger als 100 Euro bekommt er dafür. Dennoch liebt er seinen Job, aber er ist froh, dass World Vision ihn bei seiner Tätigkeit unterstützt und vor einem Jahr in der Gegend das Regionalentwicklungsprogramm Ngoyila gestartet hat.

Am nächsten Morgen machen wir uns langsam auf den Rückweg. Mit Wehmut nehmen wir Abschied von den Menschen, die keine Mühe gescheut haben, es uns so komfortabel wie möglich zu machen. Beschämt nehmen wir Geschenke entgegen – für jeden haben sie sich was ausgedacht. Auch wir lassen Geschenke dort und räumen unsere Medikamententaschen aus, da Martin immer zu wenig Medikamente hat. Er war sehr froh darüber.

Eigentlich könnte die Region wohlhabend sein. Die Natur ist fruchtbar, es gibt genügend Regen, aber die Reisfelder wurden wegen des Krieges seit Jahren nicht bestellt und es fehlen Maschinen.

Positive Bilanz im fortgeschrittenem Projektgebiet

Es geht weiter in ein Projektgebiet, dass etwa two hours plus entfernt ist, von World Vision UK unterstützt wird und schon seit fünf Jahren existiert. Man kann gravierende Unterschiede sehen. Es gibt ein Krankenhaus, das funktioniert und derzeit renoviert wird. Zusätzlich gibt es eine Gesundheitsstation, die regelmäßig Untersuchungen an Kleinkindern und Mütter durchführt und Schulungen veranstaltet. Es gibt eine funktionierende Agrarwirtschaft. Überall sieht man fruchtbare Reisfelder. Auf dem naheliegenden Markt werden die Produkte verkauft. Die Menschen wuseln hin und her. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Rückreise mit vielen neuen Eindrücken

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg nach Freetown. Wir schlafen kurz in dem Hotel mit der Eimerdusche. Um sechs Uhr morgens geht es weiter. Nach two hours plus kommen wir in Freetown an. Alle fliegen mit vielen Eindrücken nach Deutschland zurück. Zuhause angekommen, setze ich mich erst mal auf den Stuttgarter Platz in Berlin – ein schöner Platz mit vielen fröhlichen und gesunden Kindern und Müttern.

Sierra Leone wird immer in meinem Herzen bleiben.

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