Anflug auf Sierra Leone – Vizepräsident an Bord

Gestern Abend bin ich nun endlich nach langer Zeit der Vorfreude in Sierra Leone angekommen. Nach einem Zwischenstopp in Brüssel und in Dakar ist das Flugzeug nach 14 Stunden Reisezeit am Lungi International Airport gelandet. Der Flughafen liegt auf einer kleinen Halbinsel vor Freetown und man kann entweder mit dem Boot oder mit dem Hubschrauber in die Hauptstadt gelangen.

Ich habe mich für den Hubschrauberflug entschieden, der sich aber noch etwas verzögern sollte. Schon im Flug von Brüssel nach Dakar berichtete mit mein Sitznachbar George – ein in Miami lebender, ursprünglich aus dem Kono-Distrikt stammender Sierra Leoner – dass der Vizepräsident an Bord sei und zeigte auf einen Anzug tragenden Afrikaner einige Sitzreihen hinter mir. Auch anderen Mitreisenden war der prominente Gast aufgefallen, der sich mitten in der Economy-Class befand.

Der Vizepräsident wurde die neun Flugstunden lang wie ein ganz normaler Fluggast behandelt. Erst als wir in Lungi ankamen, wurde er separat mit dem Helikopter nach Freetown befördert während wir anderen eine halbe Stunde warten mussten.

Noch heute morgen bin ich total erstaunt, wenn ich darüber nachdenke, dass der Vizepräsident von Sierra Leone auf einem Langstreckenflug Economy fliegt. Behaupten nicht die westlichen Medien oft, dass afrikanische Staaten ihre Gelder für unnützen Luxus ausgeben? Kommt nicht oft genug die Kritik, dass man ja auch – bevor wir mehr Entwicklungsgelder zahlen – genau hinschauen müsse, in welche Kanäle das Geld vor Ort fließe? Käme es in europäischen Ländern vor, dass der Vizepräsident auch nur für eine Kurzstrecke Economy fliegt?

Eine erste positive Überraschung. Natürlich mag es eine Ausnahme gewesen sein; trotz allem gibt es mir ein gutes Gefühl. Ich bin froh, eine Geschichte erlebt zu haben, die mit Vorurteilen aufräumt und die ich weitergeben kann, um mit Vorurteilen aufzuräumen.

Obwohl ich noch auf dem Weg zu meiner „richtigen“ Geschichte bin, habe ich das Gefühl, auf dem Weg viele Geschichten mitnehmen zu können.

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