Erste Eindrücke aus Pakistan – sechs Monate nach der Flutkatastrophe

Justin Byworth von World Vision in PakistanVor gut einem halben Jahr versanken große Teile Pakistans in den Fluten eines katastrophalen Monsunregens. 21 Millionen Menschen wurden zeitweise obdachlos; viele von ihnen verloren dauerhaft Haus und Acker und damit ihre Lebensgrundlage. World-Vision-Unterstützer haben weltweit über 24 Millionen US-Dollar gespendet und es uns damit ermöglicht mehr als 900.000 Menschen zu helfen. Unser britischer Kollege Justin Byworth, Direktor von World Vision UK, ist nach Pakistan gereist um in Erfahrung zu bringen, was sich in dem halben Jahr seit Beginn der Flutkatastrophe in dem Land getan hat. Hier ist der erste (übersetzte) Teil seines Reiseberichts.

28. Januar – erste Eindrücke

Gestern bin ich in Pakistan angekommen. Und schon im Transit, in Lahore, erreicht mich die e-mail eines pakistanischen Kollegen, in der er mir neben weiteren Hinweisen auch Tipps für meine Sicherheit gibt. Sicherheit ist ein großes Thema hier in Pakistan. Und deswegen wollen wir auch so unauffällig wie möglich sein. Keine Hinweise auf World Vision an den Fassaden unserer Gebäude, kein Logo an den Autos. Morgen werde ich sogar meinen World-Vision-Kugelschreiber in der Tasche stecken lassen! Es hat etwas von James Bond, aber die Sorge um unsere Sicherheit ist nicht übertrieben angesichts der Angriffe auf unser Büro im vergangenen März. Damals starben sieben unserer Kollegen. Ihre Bilder hängen jetzt in den Fluren unseres Büros in Islamabad – eine intensive Erinnerung an ihre Hingabe und Opferbereitschaft. Doch auch die gewöhnlicheren Sicherheitsrisiken sind nicht weniger brutal – allein in den vergangenen Wochen kamen zwei Mitarbeiter bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Meinen allerersten Eindruck von Pakistan fasste ein lokaler Kollege von mir mit diesen Worten aufs Beste zusammen: „Ein kompliziertes Land mit einer unbeugsamen Bevölkerung.“ Wir sehen uns zwei Herausforderungen gegenübergestellt:

1. Die wirtschaftlichen Belastungen: durch die direkten und indirekten Folgen der Flut, die ein reduziertes Nahrungs- und Güterangebot bewirkten und einen Anstieg der Transportkosten, ebenso wie breitere wirtschaftliche Nöte: Die Inflation ist drastisch gestiegen und etwa 70 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von zwei US-Dollar am Tag.

2. Der Ausschluss von Frauen und Kindern: Möglicherweise bis zu 20 Prozent sind vermisst oder auf keiner Liste mehr vermerkt – was ihren Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, Ausbildung und anderen Dienstleistungen erschwert.

In einem überfüllten Raum mit 40, 50 pakistanischen Kollegen zu sitzen ist aufregend – ihre Leidenschaft, Hingabe und ihr Können sind beeindruckend. Mit Nachdruck wurde in dem Gespräch klar gemacht, wie nötig es für uns ist, die Gemeinschaften dabei zu unterstützen, für ihre Rechte und Bedürfnisse einzutreten. Auch die Notwendigkeit guter Regierungsführung wurde betont, ebenso wie die Bedeutung der Vereinbarung von Glaube und Entwicklung für unsere christlichen und muslimischen Mitarbeiter. So wie es eine muslimische Mitarbeiterin sagte: „Ich schätze es sehr, dass der Glaube hier respektiert wird und wir uns nicht auf die Unterschiede zwischen uns konzentrieren.“

Eine Woche werde ich in Pakistan sein. Morgen geht es in den Norden, in die rauhen Berge der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Eine der relativ unsicheren Regionen des Landes. Dort wollen wir Fluthilfe- und Gesundheitsprojekte besuchen. Nach meinen heutigen Erfahrungen glaube ich, dass der Besuch inspirierend und herausfordernd zugleich sein wird – Adjektive, die unsere Arbeit in Pakistan scheinbar genau umschreiben.

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