Stolz auf das Erbe der Indus-Kultur, aber auch arm und unterernährt

Justin Byworth von World Vision in PakistanNach der Reise in den Norden habe ich die vergangenen Tage in Pakistans südlichster Provinz Sindh, an den Ufern des Indus gelegen, verbracht. Der Fluss hatte damals im August die Fluten aus dem Norden hierher gebracht. Hier im Süden ist es viel wärmer als in der nördlich gelegenen Gebirgsregion Khyber Pakhtunkhwa, wo ich in der vergangenen Woche war, aber verglichen mit den Temperaturen im Sommer von etwa 50 Grad Celsius noch relativ mild. Die Bewohner von Sindh sind ziemlich stolz auf die fünftausendjährige Geschichte und das Erbe der Indus-Zivilisation. Der Indus führt in jedem Jahr Hochwasser, aber für gewöhnlich reichen die Hochwasserschutzmaßnahmen entlang der Ufer aus.

Pakistan – 6 Monate nach der Flutkatastrophe – 2. Teil des Reiseberichts von Justin Byworth, bearbeitet und übersetzt von Dirk Bathe

Ich habe die Schutzanlagen gesehen und auch die Stellen, wo über zehn Meter hohe Fluten sich ihren Weg über die Anlagen bahnten. Erst vor wenigen Wochen ist das Wasser hier wieder zurückgewichen und die Schäden sind überall sichtbar: an Straßen, Brücken Feldern. Und natürlich sind tausende Menschen betroffen, die jetzt in das zurückkehren, was von ihren Häusern übriggeblieben ist und versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen.

Immer wieder bin ich betroffen von dem Gegensatz zwischen der Verletzlichkeit und dem Durchhaltewillen der Bevölkerung. Wer auf dem Land entlang des Indus lebt hat meist keinen rechtlichen Anspruch auf die Grundstücke, es fehlt die nötige Registrierung, und deswegen gehören diese Siedler zu den ärmsten und benachteiligten Menschen hier. Es gibt keine Schulen, keine Gesundheitsstationen und andere Basisversorgungen, denn die Regierung will niemanden ermutigen in den Hochwassergebieten zu leben. Das klingt logisch, aber dieses Land können die Familien bearbeiten und in normalen Jahren sind die Fluten eher nützlich für die Düngung. Das Land am Fluss ist ihre einzige Chance auf Einkommen, doch gerade diese Nähe machte sie zu den am härtesten Betroffenen. Es ist wie so oft: Die Armen leiden am meisten.

Wir betraten ein Dorf, mit dessen Bewohnern World Vision zusammenarbeitet. Gemeinsam hatten wir die erste Latrine in diesem Dorf überhaupt gebaut, die Wasserversorgung deutlich verbessert und ein Kinderzentrum zum Spielen und Lernen errichtet. Einige Jungs holten Fußbälle , die wir zur Verfügung gestellt haben und luden uns zum gemeinsamen Spiel ein. Ein großer Moment der Freude für Alle, obwohl ich persönlich Cricket bevorzuge!

Auf die Freude folgte schnell der Schock. Ich traf eine Mutter und ihren einjährigen Sohn Daim an einem mobilen Gesundheitsposten, den World Vision aufgestellt hatte. Er war so offensichtlich mangelernährt, sehr verstört und er schrie ohne Unterlass. Daim ist eins von sechs Kindern der sehr armen Familie, die erst 20 Kilometer wanderte, um den Fluten zu entkommen und dann vor einigen Wochen wieder zurück gekommen war. Dies war einer der schlimmsten Fälle von Mangelernährung, den ich in meinen 20 Jahren Arbeit für World Vision gesehen habe. Ich weiß, dass ich niemals den gehetzten Blick in Daims Gesicht vergessen werde und auch nicht die Qual im Gesicht seiner Mutter. Ich danke Gott und den Mitarbeitern von World Vision, dass sich Doktor Arbeela an diesem Gesundheitsposten um den Jungen kümmern konnte und entschieden hat, dass die normalen Notfallrationen in Fällen von Mangelernährung bei Daim nicht ausreichten und ihn ins Krankenhaus bringen ließ.

Im Gespräch mit Gesundheitsmitarbeitern wurde mir klar, dass Mangelernährung im Falle Pakistans mit einer mächtigen, von Armut bedingten Mixtur aus schlechter Ernährung, allgemeinen Krankheiten und dem Fehlen von Wissen und Geld zusammenhängt. Oder wie es Dr. Voinod sagte: „Das Problem sind nicht die Einrichtungen, das Fehlen von Doktoren oder des Geldes an sich. Es ist nur so, dass diese Dinge hier, wo es drauf ankommt, nicht da sind.“ Lösungen bieten nur das Einwirken auf Regierungen, den lokalen wie den nationalen und das Zusammenarbeiten mit lokalen Gemeinschaften, um Verhaltensweisen zu ändern und den Wissensstand zu erhöhen. World Vision kann das und wird es tun.

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