ÄTHIOPIEN-Meine Reise zu den ärmsten fröhlichen Menschen der Welt

Auf einer Liste der Vereinten Nationen mit den 134 ärmsten Ländern der Erde, rangiert Äthiopien auf Platz 130. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei unter 50 Jahren. Die Analphabetenrate bei über 60%. Die Kindersterblichkeit bei ca. 11%. Diese Zahlen aus meinem Reiseführer gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin nervös, aber zugleich auch in gespannter Vorfreude, mein Patenkind – nach über sechs Jahren Patenschaft bei World Vision – endlich auch einmal in seinem Land besuchen zu können.

Im November besuchte Bettina Romberg zum ersten Mal ihr Patenkind und das von ihr unterstützte Entwicklungsprojekt EPHRATA in Äthiopien.
Wir danken ihr für ihren Bericht und wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen. Das World Vision Team

Reisevorbereitung
Fast ein Jahr intensiver Vorbereitung auf diesen Besuch liegt nun hinter mir. Die Reise ist gebucht. Das Moskitonetz ist eingepackt. Der Tropenarzt hat mich geimpft. Mein polizeiliches Führungszeugnis liegt World Vision vor. Die notwendigen Abstimmungen, sowohl mit World Vision Deutschland als auch mit den Kollegen in Addis Abeba, haben – Dank der sprichwörtlichen afrikanischen Gelassenheit – reibungslos geklappt. Jetzt kann es endlich losgehen.

Rundreise vor meinem Patenbesuch
Als Alleinreisende schließe ich mich zunächst einer christlichen Studienreisegruppe an, um erst einmal das Land und seine Menschen ein bisschen besser kennenzulernen. Mit d in Äthiopien.  Mit nüchternem europäischem Blick sehe ich natürlich sofort bei meiner Ankunft die einfachen strohgedeckten Lehmhütten ohne Strom oder fließend Wasser. Ich sehe auch die mageren Menschen. Die Männer, die das noch magerere Vieh vor sich hertreiben. Die Frauen, die vornübergebeugt viel zu schwere Lasten zu tragen haben und die vielen Kinder, die -häufig ohne Schuhe- über Geröll und spitze Steine laufen und springen.

Mit dem Herzen sieht man besser
Und dann schaue ich noch einmal hin – diesmal mit dem Herzen, mit dem man ja bekanntlich besser sieht. Und ich sehe dieselben Menschen, die nicht wissen, ob sie den Tag über genug zu essen haben werden, miteinander lachen und scherzen. Der eine steht mit einer Schüssel Wasser bereit und hilft einem anderen, sich mit dem Wasser die Haare zu waschen. Sie winken mir zu, gehen ein Stück des Weges mit mir, um sich mit mir zu unterhalten. Sie sind neugierig und interessiert, dabei aber nie aufdringlich. Wenn ich nicht allein unterwegs sein möchte, begleitet mich jemand, u.U. auch den ganzen Tag lang, und weicht nicht von meiner Seite. Dabei geht es ihm nicht nur um das Trinkgeld. Selten habe ich hilfsbereitere Menschen als hier in Äthiopien kennengelernt.

Nach 10 Tagen Rundreise durch das Land mit dem Besuch von Axum (Aufbewahrungsort der Bundeslade), der Wasserfälle des Blauen Nils, der Klosterinseln im Tana See, des Simien Nationalparks und von Lalibela mit den berühmten Felsenkirchen (UNESCO Weltkulturerbe), fliegt die Studienreisegruppe wieder nach Deutschland zurück.

Mein Abenteuer geht jetzt eigentlich erst richtig los
Pünktlich und wie vereinbart holt mich ein äthiopischer World Vision Mitarbeiter morgens von meinem Hotel in Addis Abeba ab und wir fahren zusammen die ca. 300km zum „Area Development Project EPHRATA“, zu dem mein Patenkind gehört. Da die Straßen in Äthiopien mit unseren nicht zu vergleichen sind und Mensch und Vieh hier immer die Vorfahrt haben, benötigen wir für die Strecke ca. 8 Stunden. Die World Vision Mitarbeiter leben und arbeiten in einem kleinen eingezäunten und bewachten Areal, das nun für zwei Nächte auch mein Zuhause wird. In meinem relativ großen Zimmer steht ein Bett mit Moskitonetz darüber, ein Schrank, ein Stuhl und ein Schreibtisch. Dusche und Toilette sind draußen.

Mit der Taschenlampe zum Abendessen
Strom wird über einen Generator geliefert und nur dann eingeschaltet, wenn es unbedingt notwendig ist. Meine Taschenlampe kann ich hier also gut gebrauchen. Im Gemeinschaftsraum sind ein paar Kerzen angezündet. Wir helfen uns gegenseitig, mittels unserer Taschenlampen, das äthiopische Abendessen zu beleuchten. Vor dem Essen beten wir gemeinsam. Mich überrascht das nicht, da ich Äthiopien als tief religiöses Land kennengelernt habe. Es gibt hier ca. 45% Moslems und 45% orthodoxe Christen, die von ihrer Liturgie her mit den Katholiken bei uns verwandt sind. Ich höre allerdings, dass die meisten World Vision Mitarbeiter hier der 5 prozentigen Minderheit äthiopisch-protestantischer Christen angehören.

Traditionelles Essen
Dass man sich mit einem Stück Injera , so wird das äthiopische Brot genannt, die anderen Sachen auf dem Teller greift und dann mit der rechten Hand in den Mund schiebt, wusste ich schon. Hier gibt es aber auch ein paar Gabeln und Löffel dazu und nach dem Essen natürlich die traditionelle Kaffeezeremonie. Auf dem Dorf laden sich die Frauen gegenseitig ein, um während der Kaffeezeremonie den täglichen Dorf- und Familientratsch auszutauschen. Dabei können sich die wenigsten Einheimischen den reinen und qualitativ hochwertigen Kaffee –Äthiopiens stärkstes Exportgut – überhaupt leisten, sondern mischen die Kaffeebohnen häufig mit Getreide.

Besichtigung der World Vision-Projekte
Nach einer wunderbar ruhigen Nacht, die wir Großstädter von zu Hause ja kaum noch kennen, fahren wir am nächsten Morgen ca. 60 km zu dem Dorf, wo mein Patenkind, Tadesse, wohnt. Endale Getachew, der „World-Vision Sponsor Facilitator“  – also der für uns deutsche Paten zuständige Ansprechpartner im EPHRATA Projekt – begleitet mich, übersetzt für mich und erklärt und zeigt mir voller Stolz, was World Vision mit dem Geld macht, das wir Paten für dieses Projekt – monatlich oder per so manch außerordentlicher Sonderspende – überweisen.

Ich sehe die Schul- und Health Centre-Gebäude, die mit Hilfe unseres Geldes entstanden sind. Ich sehe die Wasser-bzw. Brunnenvorrichtungen im Dorf, die dafür sorgen, dass die Menschen nicht mehr so lange Wege zu den häufig verdreckten Flüssen zurücklegen müssen, um an ihr Trinkwasser zu gelangen. Und ich sehe auch die Brücke, die aus zwei Dorfteilen ein Dorf macht, so dass die Kinder auch in der Regenzeit auf die andere Seite des Flusses kommen können, um dort in die Schule zu gehen.

Warum Geldspenden nicht direkt an das Patenkind gehen
Endale erklärt mir geduldig, warum die Geldspenden von uns Paten i.d.R. nicht direkt an das Patenkind oder seine Familie gehen dürfen. In einem Dorf oder einer Schulklasse, wo vielleicht nur einige wenige Kinder durch Patenschaften unterstützt werden, würde ansonsten nur unnötig Neid, Zwietracht und eventuell sogar Gewalt hervorgerufen werden. Darüber hinaus möchte World Vision keine Abhängigkeiten schaffen, sondern echte „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten Nach etwa 12-15 Jahren Projektzeit haben die Menschen dann die nötige Hilfe und Unterstützung erhalten, um selbständig weiterzugehen. Damit ist der Zeitpunkt gekommen, dass sich World Vision zuversichtlich zurückziehen kann, um neue Projekte in noch ärmeren Gebieten ins Leben zu rufen und den Menschen dort bei ihrem Kampf um das tägliche Überleben zu helfen.

Ich bin sehr beeindruckt, dieses World Vision Konzept so begeistert von Endale erklärt zu bekommen und sehe jetzt auch mit eigenen Augen, wo mein Geld zum Einsatz kommt und dass es nicht etwa irgendwo versandet. Aber ich bin noch viel gespannter darauf, endlich auch hautnah mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die ich seit nunmehr gut 6 Jahren begleite.

Erste Begegnung mit meinem Patenkind
Wir erreichen schließlich das Dorf, in dem Tadesse lebt, und gehen einen schmalen, staubigen Weg entlang zu seiner Hütte. Werde ich ihn überhaupt erkennen? Aber da sehe ich ihn schon – kein Zweifel, das ist er! Er ist groß geworden – ein hübscher, hochgewachsener, mittlerweile dreizehnjähriger, Bursche. Er lächelt und ist dabei ganz bescheiden und zurückhaltend. Ich glaube, er hat mich auch erkannt und freut sich genauso über unsere Begegnung wie ich. Vor der Hütte treffen wir auf seine Mutter und seine Geschwister. (Wie ich höre, hat der Vater die Familie verlassen und lebt mit einer anderen Frau zusammen.) Die Mutter schließe ich auf Anhieb in mein Herz, vielleicht auch, weil sie so traurig zu sein scheint.

Kleine Geschenke die Freude bringen
Ich habe ein paar Gastgeschenke bei mir. Mit dem Lidschatten und dem Lippenstift für die Mutter, kann ich ihr sogar ein kleines Lächeln entlocken, was mich sehr froh macht. Langsam aber sicher versammelt sich das ganze Dorf vor Tadesses Hütte. Für die vielen Frauen und Kinder aus der Nachbarschaft habe ich glücklicherweise genug Süßigkeiten mit (Gummibärchen) und wie ich feststelle, naschen die auch die Erwachsenen sehr gern.Für Tadesse habe ich einen Volleyball, einen Fußball und die dazugehörige Ballpumpe mitgebracht. Im Gegensatz zu mir, wusste er sofort, wie man mit der Pumpe umgeht, um eventuell auch einmal Luft aus den Bällen herauszulassen. Ich hatte diesbezüglich nämlich bereits die ein oder andere Diskussion mit den Sicherheitsleuten an den äthiopischen Inlandsflughäfen zu bestehen und war mir manchmal gar nicht mehr so sicher, ob es die Bälle letztlich überhaupt heil zu Tadesse schaffen würden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Einladung zum äthiopischen Kaffee
Ich werde in die karg eingerichtete Hütte eingeladen, in der es für 5 Menschen ein Bett und ein Regal gibt. Die Wände und der Boden der Hütte sind aus festgestampftem Lehm, das Dach ist strohgedeckt. Vor dem Hütteneingang steht ein kleiner Steinofen und es sind ein paar Ziegen dort angebunden. Während der gemeinsamen Kaffeezeremonie teilen wir Brot, Popcorn und Softdrinks. Fliegen schwirren um uns herum, die Nachbarn schauen zur Tür herein und Endale spricht ein Segensgebet über dieses sehr reichhaltige und für diese Menschen überaus luxuriöse Essen, das sie sich für meinen Besuch irgendwie zusammen gespart haben. Als ich aufgefordert werde, auch einmal den Kaffee aus ca. 50 cm Höhe in die kleinen Kaffeetassen zu gießen– wie bei der Kaffeezeremonie üblich –, versage ich kläglich – natürlich sehr zur Belustigung der Umstehenden. Tadesse kramt unter dem Bett all die Karten, Briefe und Fotos hervor, die ich ihm im Laufe der Jahre geschickt habe.

Gemeinsam Lachen und Spielen
Langsam werden die Kinder aber immer unruhiger und möchten endlich die mitgebrachten Bälle auch einmal ausprobieren. Endale ermahnt uns zwar, nicht Volleyball über die einzige Stromleitung des Dorfes zu spielen und eine der Ziegen bekommt leider einen Ball vor den Kopf, aber dennoch spielen alle begeistert mit – auch die Erwachsenen. Wir lachen und haben sehr viel Spaß zusammen.

Es fällt mir schwer, Abschied zu nehmen. Tadesse begleitet uns noch bis zum Auto. Wir winken einander zu und schon bald ist er aus dem Blickfeld verschwunden.

Gut, dass das Herz da so viel besser und weiter sieht
Dieses beeindruckende Land mit seinen armen, fröhlichen Menschen, die so gewissenhaft arbeitenden World-Vision-Mitarbeiter und vor allen Dingen diesen gutaussehenden Jungen, den ich mein Patenkind nennen darf, mit seiner traurigen Mutter, werde ich sicher mein Leben lang nicht mehr vergessen. Daher sage ich das eine Wort, das ich auch auf Amharisch kenne:
AMSEGNALLU – DANKE !

Tadesses und Nachbarschaft

Tadesses und Nachbarschaft