Sklavenarbeit ist kein Mythos

In Deutschland wird weiter über das Thema Mindestlohn gestritten – zu Recht. Doch in anderen Teilen der Welt werden Kinder und junge Menschen in einem schwer zu durchschauenden Handelsnetz geradezu verschachert und arbeiten unter Bedingungen, die wir keinem Arbeitstier zumuten würden.  Meine KollegInnen in Asien haben sich die Mühe gemacht, zum Welttag gegen ausbeuterische Kinderarbeit einige wenig bekannte Tatsachen zu dem Thema zusammen zu stellen.


Geschätzt etwa 800.000 Menschen werden jährlich geschmuggelt, u.a. weil sie als billige Arbeitskräfte in den verschiedensten Industrien eingesetzt werden. An Landwirtschaft und Fischerei denkt man dabei eher nicht, aber gerade in Orangen, Kaffee und billigen Baumwoll-Shirts kann Kinderarbeit und Menschenhandel stecken.

Am meisten in den Medien verbreitet sind Berichte über den Verkauf von minderjährigen Mädchen in Bordelle. Dies ist eine Seite der Medaille, aber genauso oft werden Mädchen, aber auch Jungen für andere Zwecke verkauft und ausgebeutet. Menschen werden mit Versprechungen auf ein besseres Leben in die Fremde gelockt und dann in Fabriken, der Fischerei-Industrie, in der Landwirtschaft, auf Baustellen und in Privat-Häusern eingesetzt. Manchmal bezahlen die Betroffenen ihre Reisekosten sogar selbst .

Besonders anfällig sind Menschen, die illegal in einem Land leben und verzweifelt auf der Suche nach jeder Art von Arbeit sind. Eltern verkaufen ihre Kinder, weil sie denken, sie würden anschließend ein besseres Leben haben. Arme und ungebildete Menschen sind besonders im Visier der Menschenhändler.

Nicht auf Rosen gebettet

Als Mya Islam sieben war, wurde sie von ihrer Mutter an einen Menschenhändler für weniger als 100 US $ verkauft. Sie sollte nach Bangkok geschickt werden, um Rosen in einer schicken Bar in Ekamai zu verkaufen, einem der beliebtesten Nachtclubs. „Mein erstes Thai Wort war Yee Sip Baht (umgerechnet ca. 42 Cent). Mein Chef hat mir das beigebracht für die Kunden in der Bar“, sagt Mya. Myas Angehörige waren illegale Migranten aus Myanmar, die in der Grenzstadt Mae Sot lebten. Ihre Mutter erklärte sich damit einverstanden, sie zu verkaufen, weil ihr versprochen wurde, dass man ihr 200 US $ im Vierteljahr schicken würde.

Aber als Mya in Bangkok ankam, sagte ihr neuer Arbeitgeber, dass sie zuerst die Schulden zurückzahlen müsste, weil es 1000 Baht (ca. 214 Euro) gekostet hätte, sie nach Bangkok zu transportieren. Jede Nacht arbeitete sie von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens mit 100 Rosen im Arm, die sie für 20 Baht pro Stück verkaufte.

Am Anfang weinte Mya viel. „Ich wollte nach Hause gehen. Ich habe meine Eltern sehr vermisst“, sagt sie. Nach vier Jahren wurde Mya von der Polizei in Bangkok verhaftet. Sie wurde zunächst ins Gefängnis der Stadt gebracht und dann ins Kinderschutzzentrum. Dort nahmen World Vision Mitarbeiter Kontakt zu ihr auf und brachten sie zu ihren Eltern zurück. Paweena Chanseni, World Vision Mitarbeitern, zuständig für das Thema Menschenhandel, erläutert: „Ich musste den Eltern lange erklären, dass Kinder keine Handelsware sind und was mit ihren Kindern in der Fremde passiert.“ Heute besucht Mya eine Schule in Thailand. Stolz zeigt sie ihren ersten Ausweis.

Menschenhandel ist sichtbar und wird akzeptiert

Die Grenzen zwischen legaler und ausbeuterischer Arbeit sind oft verschwommen. Besonders in asiatischen Ländern und auch arabischen Ländern ist es üblich, Hausangestellte zu haben. Doch manchmal arbeiten diese Tag und Nacht, ohne Bezahlung und sind oft jahrelang eingesperrt. Sexuelle Ausbeutung durch die Arbeitgeber ist nicht unüblich.

Wenn Kinder beispielsweise zum Betteln und anderen Straßentätigkeiten eingesetzt werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie kriminell ausgebeutet werden.

In vielen asiatischen Ländern gibt es Industrien, die für ihre schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhne bekannt sind. Diese Unternehmen bekommen daher keine freiwilligen Angestellten und darum versorgen sich die Besitzer mit illegalen Arbeitskräften über den Menschenhandel. Entweder mit Gewalt, indem die Opfer angekettet und bewacht werden oder mit psychologischen Tricks und durch Einschüchterung oder Drohungen machen sich die Unterdrücker ihre Opfer gefügig. Durch die Isolierung und mangelhafte Sprachkenntnisse können sich die Opfer ihrer Umgebung nicht mitteilen und befinden sich somit oft in einer aussichtslosen Lage, aus der sie sich selbst nicht befreien können.

Jungen und junge Männer sind auch von Menschenhandel betroffen

Wenn von Menschenhandel gesprochen wird, hat man zumeist Mädchen und junge Frauen im Blick. Doch auch Jungen und junge Männer sind von Verschleppung und Zwangsarbeit betroffen.

Die Fischerei-Industrie ist ein Hauptauftraggeber für Händler, die mit Jungen handeln. Die Boote gehen selten an Land. Dadurch sind die Arbeiter leicht zu kontrollieren und können nicht fliehen. Zudem werden bewaffnete Wächter auf diesen Schiffen eingesetzt.

Nons Gutgläubigkeit macht ihn zum leichten Opfer

Non aus Süd-Laos konnte kaum lesen und schreiben und arbeitete in einem Sägewerk an der Grenze zu Thailand. Eines Tages traf er einen jungen Mann, der ihm von einem gut bezahlten Job in einer Bekleidungsfabrik in Thailand erzählte. Non folgte dem Mann und hoffte auf ein besseres Leben. Nachts überquerten sie einen Fluss und wurden von einem Van abgeholt, dessen Türen aber von innen nicht geöffnet werden konnten. Erst am Ziel angekommen, wurde der Wagen von bewaffneten Männern von außen geöffnet.

Sie zwangen Non, auf einem Fischtrawler zu arbeiten. Zwei Jahre arbeitete er Tag und Nacht, aß und schlief sehr wenig. Das Deck war völlig überfüllt. Alle Arbeiter wurden regelmäßig geschlagen, manchmal bis sie ohnmächtig wurden.

In sechs Monaten legte das Boot nur einmal an, um Vorräte aufzufüllen. Bei einer dieser Gelegenheiten schaffte Non es, zu fliehen. Tagelang irrte er durch den Dschungel, weil er sich nicht traute, die Straße entlang zu gehen aus Angst, seine Peiniger könnten ihn finden.

Aber Non hatte Glück und landete bei einer gutmütigen Frau, die ihm half, wieder in sein Land zurück zu kehren. Dort wurde er von World Vision Mitarbeitern empfangen und betreut. Heute erzählt Non den Bewohnern seiner Region von seinen Erlebnissen und versucht, gerade bei jungen Menschen Bewusstsein zu wecken, damit sie Betrüger durchschauen und nicht leichtfertig auf Versprechungen hereinfallen.

Alle Akteure im Bereich Menschenhandel müssen bestraft werden

Eine Person zählt nach der UNO-Definition auch dann als Opfer von Menschenhandel, wenn sie zu den oben genannten Vorgängen ihre Zustimmung gegeben hat.

Es muss möglich sein, alle Akteure, Komplizen und Verbündete auf allen Etappen des Menschenhandels strafrechtlich zu verfolgen, den Menschenhändler, den Schleuser, dern korrupten Migrationsbeamten oder den käuflichen Grenzsoldat, das Gemeindemitglied, das bei diesem Handel hilft, und der Empfänger.

Die einzigen, die nicht als Kriminelle gelten dürfen, sind die Opfer.

Auch wir sind gefordert

Sicher gibt es in Deutschland auch Missstände. Doch im Vergleich zu den Verhältnissen in anderen Ländern leben wir in relativer Sicherheit. Wir haben eine gute Bildung genossen, es gibt genug Ärzte und Krankenpersonal. Wir haben genug zu essen, sauberes Trinkwasser und können kulturelle Veranstaltungen besuchen.

Doch wir sollten mehr darüber nachdenken, ob wir vielleicht mit unserem Verhalten auch Menschenhandel und Zwangsarbeit befördern. Woher kommt der Fisch, den ich heute essen möchte? Wo wurde das T-Shirt hergestellt, das mir so gut gefällt?

Auch wir als Konsumenten tragen eine Verantwortung für das Leben in dieser Welt.

Publikation “Ten Things you need to know about Labour Trafficking” zum Download

1 Kommentar

  1. hemp, 25. Juni 2011

    Es entstehen eine kriminelle Schlepperindustrie und eine wachsende Schattenwirtschaft in der illegale Einwanderer der Ausbeutung ausgesetzt sind wo Arbeitsgesetze verletzt und Steuern nicht bezahlt werden. Fluchtlinge werden misshandelt um diejenigen abzuschrecken die ab dem Zeitpunkt da sie um Asyl ansuchen arbeiten mochten…Diese Probleme ergeben sich nicht wegen der Einwanderer sondern aufgrund von Einwanderungskontrollen die nicht nur kostspielig und grausam sondern auch ineffektiv und kontraproduktiv sind. Unsere alternden und zunehmend wohlhabenden Gesellschaften sind darauf angewiesen dass diese Jobs verrichtet werden die jedoch von zunehmend gut ausgebildeten und bequem lebenden Burgern nicht mehr angenommen werden…Viele Dienstleistungen konnen nicht einfach automatisiert oder importiert werden die Pflege alter Menschen kann nicht einem Roboter uberlassen werden oder vom Ausland aus erfolgen.

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