Ein Nachmittag in Beni

Mitarbeiter von World Vision mit drei demobilisierten Kindersoldaten

World Vision Mitarbeiter Crispin mit drei demobilisierten Kindersoldaten

Es ist Sonntagnachmittag, die Sonne scheint heiß über Beni, einer Kleinstadt im Nordosten Kongos, etwa 50 km von der Grenze zu Uganda entfernt. Die letzten zwei Tage war ich in den umliegenden Dörfern unterwegs, um ein neues Projekt aufzubauen zur besseren Versorgung mit Trinkwasser für eine Gegend, in der Kriegsvertriebene in ihre Dörfer zurückkehren. Doch meine Begegnungen des heutigen Sonntags in Beni werden mich wahrscheinlich noch lange beschäftigen.

Zusammen mit einer lokalen Partnerorganisation fahren wir mit einem Jeep über die ruckeligen Sandpisten in ein Randgebiet von Beni. Vorbei an den landesüblichen kleinen Hütten, deren Gerüst aus Bambusstäben bestehen und die aufgefüllt sind mit Lehm. An einer jener Hütten halten wir an und steigen aus dem Jeep. Vor dem Haus sitzen ein paar Männer auf kleinen Holzbänken. Als sie uns sehen, verlassen sie das Gelände. Dieses Haus, das aussieht wie jedes andere des Quartiers, ist dennoch anders: Es ist ein Bordell, in dem junge Mädchen sich prostituieren. „Quartier General“ nennt man diese Häuser, deren Zahl allein in Beni auf über 200 geschätzt wird.
Ein großer, muskulöser Mann mit einem strahlenden Lächeln kommt auf uns zu, begrüßt uns und bittet uns hinein. In der Hütte gibt es 2 kleine, dunkle Räume ohne Fenster. Aus dem größeren der beiden kommt uns ein penetranter Geruch von Bier entgegen, wie man ihn aus schlecht gelüfteten Kneipen kennt. An den grauen Wänden hängen Poster von Fußballstars, Bollywood Filmen und ein paar Fetzen von Frisurmodellen.

drei Mädchen, die in einem Bordell im Ostkongo arbeiten

Mädchen aus der Prostitution zu befreien ist eines der Ziele des Rebound-Projekts.

Auf ein paar zusammengeschusterten Stühlen sitzen 5 junge Mädchen und 3 junge Männer, die ihre Arme um die Mädchen geschlungen haben und jeder hält eine Flasche Bier in der Hand. Als einer meiner Kollegen die Männer bittet, den Raum zu verlassen, weil wir uns mit den Mädchen unterhalten möchten, grummeln sie in einem betrunkenen Swahili (= Lokalsprache), torkeln schließlich aber aus dem Raum.

Kinder mit unglaublichen Geschichten

Vor uns sitzen Aimée (14), Tissa (15), Charlotte (16), Irène (18) und Joelle (15). Wir sagen Ihnen, dass wir Crispin und Anna von World Vision sind und gerne ihre Geschichten hören möchten. Was wir dann hören, zeigt uns die tiefen Abgründe der Armut in dieser längst vergessenen Region der Welt.

Aimée kommt aus einem kleinen Dorf in Rutshuru, etwa 500km von Beni entfernt. Als sie 12 Jahre alt war, nahm ihr Vater, ein Soldat, sie mit „auf eine Reise“ nach Beni. Dort angekommen, setzte er sie im „Quartier General“ ab. Ihren Vater hat sie seitdem nicht wieder gesehen. Auf die Frage, was sie im „Quartier General“ mache, antwortet sie: „Ich helfe Bernard (der Bordellbesitzer), Bier zu verkaufen.“ Als Lohn erhält sie eine Mahlzeit am Tag und einen Platz auf einer zerbröselten Matratze auf dem Boden, die sie sich mit 2 anderen Mädchen teilt.

„Schützt ihr Euch vor Aids?“ wollen wir von den Mädchen wissen. Aids kennen sie nicht. Kondome kennen sie zwar „Das ist doch mein Job!“ sagt die vorlaute Irène kichernd. Aber verwenden tut sie sie nicht immer. „Wenn ein Mann öfter kommt und gut zu mir ist, oder wenn er mir etwas schenkt, dann benutze ich kein Kondom. Bei den anderen manchmal, wenn ich das Geld habe, mir welche zu kaufen.“ Später erfahren wir, dass Irène schon 3 Abtreibungen hinter sich hat, nach einer von ihnen wäre sie um ein Haar verblutet.

Die Männer, die zu Bernard ins „Quartier General“ kommen, sind Soldaten, Händler, Nachbarn. Sie trinken ein, zwei oder drei Mützing, das lokale Bier, und gehen mit einem der Mädchen ins Nachbarzimmer. Joelle sagt, wenn sie Glück hat, bekommt sie schon mal 5 Dollar dafür. Dann geht sie auf den Markt und kauft sich etwas zum Anziehen.

Tissa kam zu Bernard ins „Quartier General“, nachdem ihr Vater ihre Mutter verlassen hatte. Als ihre Mutter einen neuen Mann heiratete, schlug er Tissa und ihre 5 Geschwister, woraufhin Tissa das Weite suchte und durch eine Freundin bei Bernard landete. Auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft außerhalb des „Quartier Generals“ vorstelle, hat sie keine Antwort. Sie schaut verlegen an die Decke. Sie möchte Geld verdienen, sagt sie, aber womit, das wisse sie nicht. Zur Schule ist sie nie gegangen.

Aimée würde gerne zu ihrer Mutter zurückkehren. Aber ein Busticket dafür kostet 50 Dollar, so viel Geld hat sie noch nie besessen. Aber Frisörin wäre sie gerne, wenn sie damit Geld verdienen könnte. Ich hoffe, dass wir ihr den Wunsch durch das neue “Rebound”-Projekt erfüllen können.

Kindersoldaten brauchen dringend Therapie und eine Ausbildung

Nach unserem Besuch bei den Mädchen im „Quartier General“ fahren wir weiter in ein anderes Stadtviertel und halten an einer weiteren Hütte an. Sobald das Auto anhält, kommen von allen Seiten kleine Kinder auf uns zugerannt. Vor der Hütte sitzt eine junge Frau und kocht Foufou, das kongolesische Nationalgericht, zubereitet aus Maniok.

Mein Kollege stellt uns vor, woraufhin Marguerite in die Hütte geht und mit 3 jungen Männern zurückkommt. Es sind Manuel (18), Patrick (17) und César (17). Alle 3 sind ehemalige Kindersoldaten und wurden dank der Vermittlung von World Vision vorübergehend von Marguerite und ihrer Familie aufgenommen.

Es ist dieser stumpfe, leere Blick in den Augen der jungen Männer, der mich stark irritiert. Manuel stottert ein bisschen, als er beginnt, uns seine Geschichte zu erzählen. „Ich komme aus Butembo. Ich habe 7 Geschwister. Meine Eltern sind Landwirte. Wir hatten immer genügend zu essen. Eines Tages, als ich 8 Jahre alt war, ging ich mit meinen Freunden aus dem Dorf zum Fußballspielen an den Rand des Waldes. Wir waren nicht ganz am Platz angekommen, als plötzlich ein paar Männer mit Gewehren aus dem Wald kamen, auf uns zu rannten und uns zwangen, mit ihnen zu kommen.“

Diese Männer waren Mai-Mai Milizen. Das ist eine der für ihre extreme Brutalität und Skrupellosigkeit bekannten Rebellengruppen, die sich derzeit in den Wäldern des Ostkongo aufhält. Mai-Mai Milizen glauben, dass sie bessere Krieger sind, nachdem sie eine Frau vergewaltigt haben. Sie glauben, dass sie dadurch unverwundbar werden.

Manuel blieb 6 Jahre lang bei den Mai-Mai. Einmal gelang es ihm, auszubrechen und zu seiner Familie zurückzukehren. Aber ein paar Monate später des Nachts kamen die Männer zurück und holten ihn wieder.

Sein zweiter Ausbruch liegt einige Monate zurück. In Beni traf er durch Zufall auf eine lokale Organisation, die mit der Unterstützung von World Vision eine Gastfamilie für Manuel suchte, wo er bis heute ist. In sein Heimatdorf, zu seiner Familie, kann er nicht zurückkehren – zu groß ist die Angst, wieder „in den Wald“ zu müssen.

Manuel, Patrick und César sind nie zur Schule gegangen. Was sie erlebt haben, ist für uns wahrscheinlich unvorstellbar. Sie sind stark traumatisiert und orientierungslos. Sie träumen davon, eine Arbeit zu haben. „Ich möchte gerne Landwirt sein. Aber ich habe weder Land, noch Material, noch das nötige Know How.“ sagt Manuel. César wäre gerne Mechaniker oder Motorradtaxifahrer. Aber auch dazu fehlen ihm die Mittel. Alles, was ihnen im Moment bleibt, ist ihr Glaube und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Zum Hintergrund: Anna Fenten führte die Gespräche im Rahmen der Vorbereitungen für das 2. Rebound-Projekt, das World Vision gemeinsam mit Wolfgang Niedecken und dem Unternehmen Jack Wolfskin im Kongo durchführt. In der ersten Phase des Projekts sollen 80 Jugendliche eine Therapie und Ausbildung erhalten. Weitere Infos unter www.worldvision.de/rebound

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