Probleme der Flüchtlinge bekämpfen – nicht die Flüchtlinge

Von Silvia Holten . – Meiner Familie und mir geht es gut. Wir sind gesund, haben jeden Tag genug zu essen und es bleibt noch was übrig, um sich mal was leisten zu können. Mein Mann und ich sind noch jung genug, so dass wir niemals das Geräusch von Kampfflugzeugen hören mussten, die nachts Bomben über unserem Haus abwerfen. Aber mein Vater und meine Mutter berichteten mir von dem Brummen der Bomber und dem Sirren der abgeworfenen Sprengkörper und den Ängsten, die sie als Kinder während des 2. Weltkriegs durchstehen mussten. Viele Millionen Menschen aus Europa verließen damals den Kontinent und suchten Zuflucht in anderen Erdteilen.


Als Pressesprecherin von World Vision konnte ich schon einige Länder in Afrika besuchen, in denen noch vor kurzem Krieg herrschte oder Kleinkinder vor Hunger sterben müssen.
Auch ich würde alles tun, um meinen Kindern solch ein Schicksal zu ersparen und ich kann jeden Menschen verstehen, der alles daran setzt, seiner Familie zu helfen. Menschen verlassen nicht freiwillig ihre Heimat. Wenn es geschieht, werden sie oft verfolgt oder leben in unbeschreiblicher Armut. Sie hoffen auf ein besseres Leben in der Fremde. Nach der „Genfer Flüchtlingskonvention“ haben Flüchtlinge das Recht auf Schutz.
Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag und das Bündnis „Gemeinsam für Afrika“, in dem World Vision auch Mitglied ist, lud aus diesem Anlass zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Entwicklungs- und Migrationspolitik. Anwesend war auch Bundespräsident Christian Wulff. In seiner Eröffnungsrede betonte er, dass Deutschland sich seiner Verantwortung bewusst sei und letztlich ein Afrika-Konzept entwickelt habe. Die Europäische Union müsse ein Gesamtkonzept zum Thema Migration und Asyl entwickeln. Gleichzeitig mahnte der Bundespräsident jedoch an, dass mehr getan werden müsse, um die Probleme in den Heimatländern der Flüchtlinge zu bekämpfen und hierbei sollten die afrikanischen Länder selbst mehr Verantwortung übernehmen. Dennoch betonte Wulff, dass Migration zur menschlichen Entwicklung gehöre. Länder, die sich öffneten, hätten eine Zukunft. Viele Zuwanderer verfügten über enormes Potential und würden somit zum Erfolg einer Gesellschaft beitragen.

In der anschließenden Diskussionsrunde, die von Dr. Margot Käßmann moderiert wurde, kritisierte die Herausgeberin des Magazins „Africa Positive“, Veye Tatah, die Berichterstattung über Afrika. Es gäbe viel mehr über Afrika zu berichten, als nur Probleme und Krisen. Auch über Migranten würde zu einseitig berichtet. Absolventen aus Afrika würden auf dem deutschen Arbeitsmarkt immer noch benachteiligt. Dabei hätte Deutschland in manchen Berufen große Nachwuchsprobleme „Wir sind da“, betonte Tatah. „Afrikanische Arbeitnehmer sind da.“
Kerstin Müller, außenpolitische Sprecherin der Grünen, berichtete von ihrem Besuch in den nordafrikanischen Ländern. So zeigten sich die Menschen in Tunesien sehr enttäuscht von der europäischen Haltung. In Tunesien hätte man etwa 850.000 Flüchtlinge aus Libyen aufgenommen. In Europa seien bisher etwa 40.000 angekommen. Müller betonte, dass es in der EU auch Möglichkeiten der temporären Aufnahme gäbe und dass erheblich mehr Flüchtlinge aufgenommen werden müssten.

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