Ich möchte nicht von mir gerettet werden

"Don`t move! Don`t talk! Don`t smile!"

"Don`t move! Don`t talk! Don`t smile!"

Die Nerven liegen blank und das Ende naht: Tag 5 in unserer Serie über das Sicherheitstraining für Entwicklungshelfer in Hammelburg. Dirk Bathe ist heute auf der Flucht, unter Stress und sitzt im Dunkeln:

MG-Feuer rattert, Granaten explodieren. Irgendwo in der Umgebung und das Geräusch kommt näher. Es ist fünf Uhr morgens und alle sind wach. Aber die Stimmung ist diffus. Ein paar von uns werden hektisch, andere sind noch schlaftrunken, und ich bin in diesem Moment sehr, sehr deutsch: Ich rolle erst mal meinen Schlafsack ordentlich zusammen. Geht ja nicht an, da wird man erschossen, die Rebellen plündern unsere Zimmer und dann liegt da so ein Schlafsack unordentlich auf dem Feldbett rum.

Wir sitzen in der Falle

Dann aber steigt das Adrenalin wieder. Wir flüchten in einen Kellerraum, horchen auf das Geballere draußen, schmieden Pläne. Nach langem Zögern nutzen wir eine Feuerpause und flüchten aus dem Haus in Richtung Evakuierungspunkt, wo uns die UNO retten soll. Alles richtig gemacht? Nein, alles falsch. Der Kellerraum wäre eine tödliche Falle gewesen. Eine Granate und der Rettungshubschrauber der Uno hätte keinen von uns mehr mitnehmen müssen. Und viel zu lange hat alles gedauert, und viel zu langsam waren wir unterwegs. Kein guter Einstieg in den letzten Tag unserer Übungswoche.

Bedröppelt laufen wir zu unserem Transporter zurück. Die nächste Übung soll überraschend kommen, keine Order, keine Hinweise. Wir fahren wieder durch den Wald, einen Abhang hinunter, sehen Qualm aufsteigen und schon stehen wir vor einer schrecklichen Unfallszenerie: Ein World-Vision-Fahrzeug ist eine Prozession gerast.
Mehrere Verletzte, sie jammern, Priester ziehen Weihrauch schwenkend umher, die Angehörigen schlagen auf den Fahrer ein und schreien uns an: „Helft uns, helft uns!“ OK. Wo ist das Erste-Hilfe-Set? Wie lege ich noch einmal eine Blutsperre an? Eine Schiene? Haben wir doch erst vorgestern gelernt! Wenn ich mal einen Unfall habe möchte ich nicht von mir gerettet werden, das wird mir schnell klar.

Es macht Piff, es macht Paff

Einer der Verletzten ist eine Puppe, ihr lege ich ein Zweiglein als Schiene an, das selbst einem Spatz für den Nestbau zu filigran gewesen wäre. Die trauernde Witwe mit (Plastik)-Baby im Arm ignoriere ich erfolgreich. Einer meiner Kollegen rennt vor lauter Aufregung in ein Minenfeld, es macht Piff, es macht Paff und eine weitere Kollegin schnappt sich das Plastikbaby, springt in den Transporter und düst mit Fahrer und Baby davon. Warum? Wohin? Wir wissen es nicht.
Die Nachbesprechung fällt entsprechend aus. Beim zweiten Versuch klappt es deutlich besser. Organisierter, klarer.
Ich sehne trotzdem das Ende des Tages und damit das Ende des Trainings herbei.

Eine letzte Übung. Noch einmal sollen wir eine Hilfsgüter-Verteilung organisieren. Misstrauen steigt in mir auf. Das haben wir doch schon reichlich geübt. Und die Order ist ein bisschen, na ja, schlampig – im Vergleich zu den detaillierten Anweisungen der Vortage. Sei`s drum, wir steigen alle zusammen in einen Bus und fahren wieder durch den Wald. Alle. Zusammen. In einem Bus. Im Wald.
Richtig: Eine Horde Bewaffneter stoppt uns, reißt uns aus dem Bus und jetzt ist klar: wir werden entführt. Die Milizen gehen grob zur Sache, stülpen schwarze Gummibrillen über unsere Augen, legen Handschellen an, schleppen uns in etwas, dass vermutlich ein Gebäude ist. Wir müssen knien, kriegen Nummern als Namen und müssen die drei Regeln des „Gefängnisses“ lernen: 1. Don`t move! 2. Don`t talk! 3. Don`t smile!

Persischer Suffigesang versetzt in Trance

Ich bin Nummer 28. In den folgenden fast fünf Stunden werden wir mit einem persischen Suffigesang beschallt. Ein Sieben-Minuten-Loop, der mich in Trance ähnliche Zustände versetzt, was ganz hilfreich ist in dieser Lage. Einmal nicke ich sogar ein paar Minuten ein. Immer wieder werden die drei Regeln abgefragt, und ich bin froh über mein noch funktionierendes Restgedächtnis.
Plötzlich reißen mich zwei Männer hoch. Se schleppen mich und Nummer 25 zu einem anderen Platz, zum Kommandanten, wie wir erfahren. Er ist kein freundlicher Mensch. Er ist sogar richtig sauer. Denn er hält eine Zeitung hoch und auf der sieht man ein Bild von uns World Vision Mitarbeitern, wie wir den Verletzten vom legalen Checkpoint behandeln. „Ihr seid keine Mitarbeiter einer Hilfsorganisation! Ihr seid Komplizen der Gegenseite! Diese Leute haben meine Frau vergewaltigt, meinen Bruder ermordet!“ Oha! Daher weht der Wind! Verständlich sein Ärger.

Am Ende unterschreibe ich alles

Nummer 25 und ich versuchen, die Sache zu klären. Mit einer Pistole am Kopf, in kniender Haltung und nach da schon etwa drei Stunden Geiselhaft gelingt uns das eher mäßig gut. Schließlich muss ich einen Zettel unterschreiben. Auf dem steht, dass wir, kurz gesagt, Diebe und Mörder und Komplizen der schlimmsten Rebellen sind. Wenn uns das das Leben rettet unterschreibe ich auch einen Kaufvertrag für ein Ferienwochenende in Rhönland.
Der Kommandant ist zufrieden, unsere Geiselhaft geht weiter. Ich will jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen. In der nächsten Stunde geht es unter anderem ums eigene Grab schaufeln, ums Halten von zwei Flaschen mit ausgestrecktem Arm bis die Muskeln versagen und um einen Wettbewerb, wer am lautesten die drei Gefängnisregeln brüllen kann (Don`t move, don`t….). Als endlich die Trillerpfeife ertönt bin ich so abgestumpft, dass mir fast alles egal ist. Aber endlich kann ich eine Zigarette rauchen!

Ich bin während dieser 5 Tage manchmal an meine Grenzen gestoßen. Und das ist auch Sinn der Veranstaltung: Sich der Gefahren bewusst werden, ihnen auszuweichen, und, wo das nicht mehr geht, sich so zu verhalten, dass das eigene Leben und das der Anderen nicht gefährdet wird. Den Ernstfall will ich nie erleben müssen. Aber besser darauf vorbereitet, das bin ich jetzt in jedem Fall.

Schreiben Sie einen Kommentar


+ fünf = 10