Und immer dieses Gebrüll

Training in Hammelburg unter verschärften Bedingungen. Denn die Bedrohung soll möglichst real sein

Training in Hammelburg unter verschärften Bedingungen. Denn die Bedrohung soll möglichst real sein

Der nächste Teil unserer Serie über das Sicherheitstraining für Entwicklungshelfer in Hammelburg. Heute geht es schon erheblich härter an die Grenzen von Physis und Psyche, spürt Dirk Bathe an Tag 3:


Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins Rhönland. Genauer: in das fiktive, geteilte Rhönland, in dem ein Bürgerkrieg die Menschen aus dem Norden und Süden des Landes terrorisiert. Das ist das Szenario, das sich unsere Ausbilder ausgedacht haben, und das uns in den kommenden Tagen vor ungeahnte Herausforderungen stellen wird. Die UNO hat es zwar geschafft, eine entmilitarisierte Zone rund um die Grenzlinie der beiden Landesteile zu etablieren. Doch der „Frieden“ dort ist brüchig, Milizen sorgen für Angst und Schrecken und die Bevölkerung verarmt dramatisch. Perfekt konstruiert, denn so ähnlich sieht es tatsächlich in einigen Ländern aus: Elfenbeinküste, Sudan, ehemalige Sowjetrepubliken.
Mit drei Transportern der Bundeswehr fahren wir ins Gelände. Wir kommunizieren über Funkgeräte, oder besser: wir versuchen es. Denn kaum jemand hat seine Hausaufgaben gemacht und den NATO-Code für die Funksprache auswendig gelernt. Ich bin Alpha 3, soviel kann ich mir merken, aber heißt: WVBase jetzt Werner Vanille Base oder doch eher Whisky Victor? Wir stammeln uns einigermaßen warm, als plötzlich der Fahrer des ersten Transporters kurz hinter einer Kurve in die Eisen geht. Betonbarrieren auf der Fahrbahn, bewaffnete, uniformierte Männer. Wir müssen aussteigen, uns in eine Reihe stellen. Und ich erkenne an der Beflaggung des Postens, dass es sich um einen legalen Posten handelt. Puh! Das wird nicht allzu hart – glaube ich. Wir werden abgeführt in eine mit Stacheldraht umzäunte Ecke, müssen seltsame Fragen beantworten, unser Gepäck durchsuchen lassen. Unangenehm, aber alles noch im Rahmen. Unser Teamleader verhandelt mit dem Kommandanten, es geht ein bisschen lautstark zu, aber letztlich dürfen wir weiter. Da fallen Schüsse…
Terroristen überfallen den Checkpoint! Wir werfen uns auf den Boden (richtig, erst mal Deckung), einige flüchten in den Wald (falsch, da könnten Minen liegen), die Soldaten schießen um sich, ein Terrorist wird verwundet, ein Soldat auch. Der Lärm der Schüsse wird abgelöst vom Lärm der Schmerzensschreie. „Los, los, holt meinen Kameraden da weg!“ Wir zögern. Soll man ihm helfen, oder verschlechtert das unsere Lage? Dem Kommandanten wird es zu bunt. Er stößt uns mit dem Gewehrkolben zu dem Verwundeten, wir schleppen ihn aus der Gefahrenzone. Eine Trillerpfeife schrillt. Ende der Übung. Kurzes Nachgespräch, aber die Aktion wird noch Folgen haben. Viel später.
Es geht weiter. Durch den dichten Wald, auf schlammigen Pisten. Ich bin überdreht, starre zwischen die Bäume, glaube hinter jedem Stamm einen Heckenschützen zu sehen. Die echte Gefahr kommt zu plötzlich: Bewaffnete in Phantasie-Uniformen stoppen unseren Wagen. Keine Hoheitszeichen, dafür enorme Aggressivität. Wir sollen 5.000 Euro zahlen, sofort. Wir haben kein Geld, dafür jetzt schon das große Nervenflattern. Den Milizionären reicht es. Sie zerren uns aus den Wagen, drücken uns auf den Boden, auf die Knie, Hände in den Nacken, die Augen verbunden und ja kein Wort. Viel Gebrüll, immer wieder Nackenschläge, Stöße, Drohungen. So bleiben wir 15 Minuten. Die Beine fangen schon an zu zittern. Dann werde ich mit drei, vier Kollegen in eine Reihe gestellt, wieder auf den Knien. Wir müssen mit ausgestreckten Armen einen Baumstamm halten. Schwächelt einer, müssen die Anderen sich noch mehr anstrengen. Fünf Minuten, zehn Minuten, der Schweiß tropft in meine Augen, 20 Minuten, 25 Minuten, meine Arme zittern und immer wieder dieses Gebrüll. Da reißt mich einer Vermummten hoch, schleppt mich ins Zelt des Kommandanten. Der will verhandeln, aber erst mal soll ich trinken. Einer schüttet eine klare Flüssigkeit ins Wasserglas, ziemlich viel, und es ist tatsächlich Wodka. Nun denn, Klischees können durchaus willkommen sein…der Kommandant gibt sein Bestes. Er flüstert, er brüllt, er lächelt, er schaut mich mit Wut verzerrtem Gesicht an. Ich muss die ganze Zeit knien, Hände auf dem Tisch, und „ass up“. Noch einmal 45 Minuten. Ich bin fertig, körperlich, psychisch. Und verpasse die Gelegenheit: Der Kommandant und ich einigen uns darauf, dass ich mit einem seiner Männer zur World-Vision-Basis fahre und von dort das Geld hole. Die Chance zu sagen, dass ich dort erst anrufen muss und das Geld bereit stellen lasse. Dann hätten andere Mitarbeiter den Braten riechen können. Fällt mir aber leider nicht ein. Stattdessen werden mein Kollege Christoph Waffenschmidt und ich abgeführt. Wieder hin knien. Hinrichtung am Waldesrand? Nach weiteren fünf Minuten ein schriller Ton. Nie habe ich mich so über einen Trillerpfeifenpfiff gefreut. Endlich Ende. Endlich aufstehen. Endlich wieder alles auf Normal. Zumindest für heute.

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