Glücklicherweise

Mindy Mizell von World Vision  schildert die Begegnung mit einem Jungen während ihres ersten Besuchs im Flüchtlingslager Dadaab
Übersetzung: Silvia Holten

Datum: 15.8.2011

Als ich klein war, hieß eines meiner Lieblingsbücher „Glücklicherweise, Unglücklicherweise“. Eine Passage daraus ging so:

 Glücklicherweise wurde Ned zu einer Überraschungsparty eingeladen.

Unglücklicherweise fand die Party 1000 Meilen weit weg statt
Glücklicherweise lud ein Freund Ned ein, mit zu der Party zu fliegen
Unglücklicherweise explodierte der Motor des Flugzeugs
Glücklicherweise war ein Fallschirm im Flugzeug
Unglücklicherweise hatte der Fallschirm ein Loch“.

 

Für mich als Kind waren die Geschichten in diesem Buch eine Art Schlüsselerlebnis. Sie dokumentierten, dass Erwachsene immer damit rechnen, dass sich ihr Leben schnell ändern könne. Es scheint, je älter wir werden, desto mehr lernen wir, dem Glück nicht mehr zu trauen. Wir rechnen immer damit, dass sich schnell alles zum Negativen entwickeln kann. Es ist offenbar ein Teil des Lebens.

Aber ich muss zugeben….als Kind wollte ich diese Denkweise des „Glücklicherweise / Unglücklicherweise“ nicht zulassen. Nach jedem „Unglücklicherweise“ suchte ich verzweifelt nach einem „Glücklicherweise“. Ich war mir sicher, es würde zwangsläufig kommen, denn es war immer da. Alle Kinderbücher endeten mit einem „Happy End“. Ich wusste, auch dieses Buch müsste mit einem „Glücklicherweise“ enden.

In der vergangenen Woche fuhr ich das erste Mal an die somalische Grenze in das Flüchlingscamp Dadaab, in dem mittlerweile 400.000 Menschen leben. Den größten Teil meiner Zeit verbrachte ich mit den Kindern. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache, aber Lächeln, Zwinkern oder Lachen wird in jeder Sprache verstanden. Ich hatte keine Probleme, neue „Freunde“ unter den somalischen Kindern kennen zu lernen. Sie alle waren sehr offen, neugierig und freundlich.

So lernte ich auch den 13jährigen Abdillahi, einen somalischen Jungen, kennen, der seit zwei Monaten in Dadaab lebte. Er lehrte mich wieder, dass Kinder das „Unglücklicherweise“ im Leben nicht zulassen und erinnerte mich an mein Kinderbuch.

Abdillahi war einer der wenigen Kinder, die fließend englisch sprachen. Ich konnte ihn sogar interviewen und er erzählte mir seine Geschichte. In Somalia besuchte er die Schule und lernte dort englisch. Seine Familie und er verließen die Heimat, weil sie sich auf die Suche nach Nahrung und Wasser machen und vor den Unruhen fliehen mussten. Ich fragte ihn, was World Vision und anderen NGOs für ihn tun könnten. Ich erwartete, dass er nach mehr Essen und Wasser, Kleidung oder vielleicht einen Fußball fragen würde. Doch Abdillahi erklärte mir, dass er wieder zur Schule gehen wolle. Minutenlang redete er eindringlich auf mich ein und erklärte mir, warum es wichtig für ihn und die anderen Kinder sei, die Schule wieder besuchen zu können. Nur dann können man eines Tages einen guten Job finden.

Während der ganzen Zeit, während ich Abdillahi besuchte, beschwerte er sich nicht ein einziges Mal über seine Lebensverhältnisse. Ich hätte es verstanden, wenn er sich über seine Situation und die „unglücklichen“ Umstände, in der er und die anderen Kinder lebten, beschwert hätte. Stattdessen betonte Abdillahi wie „glücklich“ er jetzt sein könne… er hätte was zu essen, zu trinken und er wäre froh, dass er jemanden von World Vision kennen gelernt habe.

Als ich Dadaab verließ, dachte ich, dass es gut sei, dass Kinder wie Abdillahi mit Optimismus und Hoffnung in die Zukunft sehen. Und „glücklicherweise“ konnte ich ihn treffen, um diese Geschichte zu erzählen.

Schreiben Sie einen Kommentar


sieben − = 3