595 Quadratkilometer mit neuem Leben erfüllt

Teil 5 des Reiseblogs von Pressesprecherin Silvia Holten aus Äthiopien

Die sechsstündige Fahrt ins Antsokia-Tal, nördlich von Addis Abeba war recht angenehm. Die Straße war erstaunlich gut ausgebaut. Unterwegs begegneten uns immer wieder Menschen, die ihre Kuh- und Ziegenherden vor sich her trieben. Manche Frauen trugen riesige Bündel Holz und Äste auf ihrem Rücken. Leider ist die Abholzung der Wälder ein großes Problem in Äthiopien. In den Dörfern, die wir durchquerten, lagen teilweise Berge von Holz für den Hausbau oder zum Kochen am Straßenrand. Viele Menschen verdienen mit der Herstellung von Holzkohle hier ihr Geld. Anfang des 20. Jahrhunderts war Äthiopien noch zu 40% mit Wäldern bewachsen, im Jahr 2000 waren es nur noch etwa 4%. Im letzten Jahrzehnt wurden allerdings Millionen Bäume gepflanzt, so dass sich die Waldfläche nach Regierungsangaben verdreifacht hat.

Auf dem ganzen Weg ins Tal sah man neue Strommasten und als es dunkler wurde, waren auch einige Dörfer und Städte mit Straßenlaternen beleuchtet. Viele Häuser waren auch ans Stromnetz angeschlossen.

Die Ankunft im Antsokia Tal war beeindruckend. Überall war es grün. Auf fruchtbaren Feldern arbeiteten Bauern. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es 1984 zur großen Hungersnot hier ausgesehen hat. Im Büro von World Vision erklärten uns unsere Kollegen, was damals passierte und wie sich das Tal, das etwa 595 Quadratkilometer groß ist, entwickelt hat. Fast 86.000 Menschen leben heute in der Region. Mein Kollege Desalegn war damals etwa 11 Jahre alt und lebte in einer Stadt am Rande des Tals. Die Städte in der Gegend hatten offenbar immer noch etwas zu essen, doch im Tal gab es nichts mehr. Die Felder waren ausgetrocknet und die Menschen starben einfach auf den Wegen. Täglich 15 – 20 Personen verhungerten damals jeden Tag. Man merkte Desalegn an, dass es ihm schwer viel, über diese Zeit zu sprechen. Problematisch war damals auch, dass es keine Straßen gab, über die die Menschen in der Gegend mit Hilfsgütern versorgt werden konnten. Erst als ein BBC Reporter über diese Katastrophe berichtete, erfuhr die Weltöffentlichkeit davon. World Vision brachte mit Hubschraubern Essen und sauberes Wasser in das Tal. Später startete die Organisation Projekte der langfristigen Zusammenarbeit. Brücken und Straßen wurden gebaut, die Menschen unterrichtet, wie sie ihre Äcker bewirtschaften können, Brunnen wurden gebaut und Bewässerungssysteme errichtet. Außerdem verteilte World Vision Nutztiere und Samen, sowie Dünger. Frauen wurden unterrichtet, mit welchen Maßnahmen sie sich selbst ein kleines Einkommen erwirtschaften können, Schulen und Gesundheitszentren errichtet.

Am späten Nachmittag hatten wir Gelegenheit, mit einer Frau zu sprechen, die die damalige Hungersnot als Kind erlebte. Tegnane ist heute 35 Jahre alt und sie hat 3 Kinder im Alter von 15 und 5 Jahren und 13 Monaten. Ihre Mutter versorgte damals die Familie, da der Vater sehr krank war. Tegnane hatte 2 Brüder und eine Schwester. Doch irgendwann hatte auch ihre Mutter keine Kraft mehr. Beide Eltern starben am gleichen Tag. Die Großmutter machte sich mit den vier Kindern auf den Weg ins Hilfszentrum von World Vision. Dort wurden die Kinder versorgt. Dennoch waren zwei der Kinder offenbar so entkräftet, dass sie ebenfalls nach einigen Tagen starben. Auch die Großmutter überlebte die Anstrengungen nicht. Somit war Tegnane mit ihrem Bruder allein. Nachdem die Kinder wieder zu Kräften gekommen waren, nahm eine Tante sie auf.

Heute lebt Tegnane mit ihrem Mann Geletau und ihren drei Kindern in einem Steinhaus. Sie besitzen zwei Ochsen und Geletau hat 2 Hektar Land gepachtet, auf dem er Teff (äthiopische Getreide) und Sorghum (eine Hirseart) anbaut. Tegnane stellt außerdem Getränke und Holzkohle her und verkauft diese Produkte auf dem örtlichen Markt. Die älteste Tochter Belay geht zur Schule und möchte einmal Ärztin oder Lehrerin werden.

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