Verstörte Jungen und Mädchen aus der Ohnmacht befreit – die Anfänge von “Rebound”

Teil 2 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Rebound hat eine lange Vorgeschichte, in der es um ein kleines Mädchen, ein Versprechen und eine Männerfreundschaft geht. Das kleine Mädchen zupfte vor vielen Jahren im World Vision-Auffanglager für entflohene Kindersoldaten den BAP-Sänger Wolfgang Niedecken am Ärmel und bat ihn, er möge nicht vergessen, was er gerade gehört hatte: die Erzählungen der Kinder über Entführungen und Folterungen, Misshandlungen und Krieg.

Die Kleine war eine von jenen Kindersoldatinnen, die in Norduganda den Fängen von Joseph Kony entkommen waren. Kony, der unter religiösen Wahnvorstellungen leidet, verbreitete damals in den Dörfern von Norduganda Angst und Schrecken. So sehr, dass Tausende von Kindern abends ihre Dörfer verließen und in die Stadt Gulu gingen, wo sie sich beschützt fühlten.

Kony hatte sich seine Armee aus einigen erwachsenen Offizieren und einigen tausend minderjährigen Kindern zusammen gestellt, die er mit Drogen und Gewalt gefügig machte und dann Dörfer überfallen, rauben, morden, brandschatzen ließ. Er schickte die Kinder vor, wenn Truppen der Regierungsarmee ihn angriffen, und sie liefen willig ins Feuer, denn Kony hatte ihnen erzählt, sie seien durch seinen Zauber unverwundbar. Hunderte starben im Gefecht, weitere hunderte auf den anstrengenden Märschen von einem Ort zu anderen. Wer zu erschöpft war, um weiter zu gehen, wurde erschossen, wer versuchte, zu fliehen, wurde erschossen, wer krank wurde, wurde erschossen.

Manche Kinder entkamen aus eigener Kraft, andere befreite die Armee. Sie alle kamen zunächst in Auffanglager, wo sie untersucht wurden, aufgepäppelt, psychologisch betreut, solange, bis ihre Familien gefunden waren.

Damals herrschte in diesen Auffanglagern ein reges Kommen und Gehen. Norduganda als Katastrophengebiet stand im Fokus der Medien. Journalisten, Psychologen, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen kamen, hörten die Geschichten der Kinder, und gingen wieder, zuviel Geschichten waren es, um das Einzelschicksal zu behalten. „Mister, don’t forget“, vergiss nicht, bat die Kleine eindringlich und Niedecken, Vater eigener Kinder, sah in dem Kindergesicht auch seine eigene Tochter.

Wieder in Köln, erzählte er seinem Freund Manfred Hell, damals Geschäftsführer von Jack Wolfskin, von seinem Erlebnis und seinem Entsetzen über das, was den Kindern widerfahren war. Und Hell sagte so etwas wie: Da müssen wir doch etwas tun! 2007 reisten die beiden Männer gemeinsam nach Norduganda und konzipierten anschließend Rebound. Seither setzt World Vision die Zielvorgaben vor Ort um, kümmern sich World-Vision-Mitarbeiter um die Betreuung der Rebound-Kinder.

Ehemalige Kindersoldaten lernen das Schreiner-Handwerk. Foto: Danuser

Drei Jahre lang blieb Rebound auf Norduganda beschränkt. Hell und Niedecken wollten vorsichtig sein. Die Angst, Fehler zu machen und den Kindern am Ende mehr zu schaden, nicht mit Absicht, sondern aus Unerfahrenheit, Unwissenheit, war groß. Wichtig war von Anfang an, dass nicht einige wenige profitieren und alle anderen nicht. Deshalb wurden existierende Ausbildungsprojekte unterstützt, wurden Dinge hergestellt, die der Gemeinschaft nützen. Jedes Jahr fuhr Niedecken danach nach Norduganda und erkundigte sich vor Ort nach den Fortschritten der Kinder, dem Fortschreiten des Projekts.

Auch als wir zum ersten mal in den Kongo fuhren, kamen wir aus dem Norden von Uganda, wo Wolfgang Niedecken noch einmal in Paders Girls School saß, deren Schlafsäale und Mehrzweckhalle durch Rebound finanziert worden war, und sich von fröhlichen Mädchen umtanzen ließ. Es war einer der schönsten Momente jener Reise, denn diese tanzenden Mädchen waren der Hölle entkommen, waren vergewaltigt und geschwängert worden, hatten Kinder, aber keine Zukunft. An der Girls’ School lernten sie nähen, kochen und backen, holten ihre Schulbildung und in der behüteten Gemeinschaft auch ein wenig ihre Kindheit nach. Und wir sprachen mit Absolventen der Berufsschulen für Jungen, die sich inzwischen selbständig gemacht hatten, eigene kleine Tischlereien hatten. Auch wenn diese bescheiden waren, das Angebot der Möglichkeiten aus Bett, Tisch und Kommode bestand, so hatten diese Möglichkeiten die Jungen doch aus der Ohnmacht befreit, die sie nach ihrem Entkommen fühlten. Sie waren, wenn auch noch immer arm, in gewissem Umfang wieder Herren ihres Schicksals. Diese Jungen, als wir sie Jahre zuvor kennen gelernt hatten, waren schüchtern, verstört und verängstigt gewesen. Im Buschkrieg war ihnen Kindheit und Seele geraubt worden, dann kamen sie zurück in ihre Dörfer, wo sie niemand wollte und niemand Mitleid mit den „Mördern“ hatte. Ohne Schulbildung, versehrt an Geist und Körper, hätte es ohne Rebound für sie keine Zukunft gegeben. Und nun standen sie uns als Männer gegenüber, noch immer schüchtern, aber mit weniger kranken Augen, wacheren Gesichtern. Für Niedecken gab es einen Stuhl als Gastgeschenk, den wir fortan abwechselnd mal stolz, mal belustigt, mal fluchend durch unsere weitere Reise trugen.

Die schönste Erfolgsgeschichte, die wir in Uganda erlebten, war die von Christine, einer 21jährige Absolventin der Mädchenschule, die ihr eigenes Restaurant eröffnet hatte. Ein bescheidenes Etablissement, das wohl, aber es gab der jungen Frau finanzielle Freiheit und Selbstbewusstsein. Wie Christine den ganzen Vormittag für uns mit Hilfe ihrer zwei Schwestern in einer heißen, winzigen Hütte im Garten ihres Restaurants für uns kochte, wie über dem wirklich, wirklich heißen Feuer alles gebraten und geschmort wurde, wie die Frauen riesige Töpfe wuchteten und in Windeseile noch Brot buken, wie sie all das erledigten und zwischendrin lachten und Albernheiten machten, das war so fröhlich, dass auch wir ganz fröhlich wurden.

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