Bei Mädchen im Bordell wird Niedecken stumm

Teil 6 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Grace lief von zuhause fort, um den Prügeleien ihrer Stiefmutter zu entkommen. Chantelle floh aus ihrem Dorf, weil Rebellen einfielen und plünderten und brandschatzten. Carole wurde von ihren Verwandten fortgejagt, nachdem ihre Eltern starben. Alle drei Mädchen kamen nach Beni, in der Hoffnung, dort in der Stadt auf irgendeine Art Hilfe zu erhalten. Aber die Hilfe gab es nicht. Sie waren hungrig, sie hatten kein Zuhause mehr. In Deutschland gäbe es vielleicht Optionen. Im Kongo nicht.

Arbeitsangebot entpuppte sich als Falle

Grace fand eine „Freundin“, die ihr ein Dach bot. Chantelle erhielt das Angebot, in einer „Bar“ zu arbeiten. Carole wurde von einer Frau angesprochen. „Du bist mir willkommen“, sagte die Frau, „du kannst bei mir wohnen“. Alle drei Mädchen fanden sich in einem Bordell wieder.

Wir konnten es uns nicht vorstellen, wie ein Bordell in Beni aussieht. Wo wir heute landeten, waren bescheidene Lehmhütten mit kargen Räumen, in denen ein schmutziges Bett steht. Bier verkaufen die Mädchen tatsächlich, doch wenn die Kunden es wollen, auch ihre Körper.

Wie interviewt man Mädchen, noch halbe Kinder, die in ihrem Leben mehr Schmutz gesehen, mehr Demütigungen erlebt haben, als wir uns vorstellen können? Wie kommt man ihnen nah, nimmt ihnen das Gefühl der Scham, ohne ihnen zu nahe zu treten? Wie viele Fragen und welche Fragen darf man stellen, ohne sie noch weiter zu beschämen und ihnen die Würde zu nehmen?

Chantelle flüstert ihr Elend heraus, wir schweigen

Schwangeres Mädchen in Ouicha

Wir hatten gute und sensible Dolmetscher. Wir schwiegen zwischendrin, aus Erschütterung, aus Respekt vor dem Mut dieser Mädchen, uns Rede und Antwort zu stehen. Und doch kam der Punkt, an dem wir nicht mehr weiter fragen mochten, an dem die Verwundbarkeit und Verletzlichkeit dieser Mädchen so offensichtlich wurde, dass es uns die Worte nahm. Chantelle, 15 Jahre, zart und zerbrechlich, flüsterte, sie sei schwanger. Im dritten Monat. Der Vater über alle Berge. Der Sex, den sie mit den Männern hat, ohnehin ungeschützt, Nicht, weil Chantelle es nicht besser weiß, sondern weil die Kunden zahlen und es so wollen. „Sie haben das Geld, sie bestimmen, wie es gehen soll“, sagte Chantelle. Ob sie noch HIV-negativ ist, sie weiß es nicht. Welche Perspektive sie dem Kind bieten soll, wovon sie leben will, wenn sie hochschwanger ist, auch das weiß sie nicht. Sie sitzt vor uns, verschüchtert, verschreckt und schließlich, nachdem sie ihr Elend formuliert hat, verstummt. Auch wir haben angesichts dieses Elends keine Worte mehr. Das Projektionspotential ist hoch, Wolfgang Niedecken, ich, wir haben Töchter in dem Alter. Unvorstellbar, sie an solchem Ort zu wissen.

Grace war noch Jungfrau, als sie im Bordell landete. Der erste Sex mit einem Mann, der ihr fünf Dollar bot und dann ohne zu zahlen, wieder ging. Die nächsten Männer nicht besser. „Ich kann das nicht jeden Tag“, sagt Grace. „Ich möchte von hier fliehen, ich habe einen Onkel in einer anderen Stadt, aber ich brauche erst das Geld für den Bus.“

Angst vor den bekifften Männern

Carole hat keine Fluchtgedanken mehr. Seit zwei Jahren arbeitet die 17jährige im Bordell, verkauft dort auch Bier – und Cannabis. Ihre Kunden: Betrunken und bekifft. Wenn sie Glück hat, zahlen sie die 5 Dollar, wenn nicht – und meist hat sie kein Glück – wird sie geschlagen statt belohnt. „Die Angst vor den Männern ist das schlimmste“, sagt sie. Carole ist dünn und klein, Cannabis ist auch ihr Mittel, dem Selbstekel und dem Ekel vor den Männern zu entkommen.

Drei, von schätzungsweise ein paar Tausend minderjährigen Mädchen, die aus ihren Familien gerissen wurden und sich ihren Lebensunterhalt in Bordellen verdienen. Grace haben wir gefragt, ob es nicht besser wäre, wieder nach Hause zu gehen, sich irgendwie mit der Stiefmutter zu arrangieren. Sie sagte, sie schäme sich zu sehr. Chantelle fragt jeden, von dem sie hört, er sei in ihrem Dorf gewesen, ob er wisse, wo ihre Eltern sind, aber niemand hat eine Antwort.

Versuchsweise ins Gefängnis

Rebound ist das einzige Projekt hier in Beni, das den Mädchen einen Ausstieg bietet. Der kongolesische Staat, der zuständig wäre für dieses Problem, kümmert sich nicht. Benis Bürgermeister würde am liebsten alle Bordelle schließen lassen und täte es auch, wenn er wüsste, wohin mit den Kindern, die dann auf der Straße säßen. Einige Bordelle ließ er vor einigen Monaten versuchsweise schließen, die Mädchen aus Mangel an anderen Lösungen ins Gefängnis bringen. Auf unsere Frage, was er zu tun gedenke, antwortete er mit der Bitte um Geld, weil er ein eigenes Jugendprojekt aufbauen wolle.

80 Kinder durch Rebound in Gastfamilien untergebracht

Dass in allem Schrecken auch Hoffnung sein kann, begriffen wir am Nachmittag. World Vision hat für die 80 Kinder, die bislang im Rebound-Projekt untergebracht sind, Gastfamilien gefunden. Wir besuchten die Gastfamilie von Charles, einem der Jungen aus dem Projekt. Der 15jährige wurde zweimal von Rebellen entführt, war insgesamt zwei Jahre lang Kindersoldat und lernte das Töten. Dann befreiten ihn die Blauhelmtruppen im Kongo und kurz darauf kam er zu Rebound. Jetzt wird er zum Automechaniker ausgebildet und hofft, eines Tages sich selber ernähren können. In sein Dorf kann er nicht zurück, weil dort noch immer Rebellen sind, und was entflohenen Kindersoldaten droht, die wieder in die Rebellenhände geraten, das mag Charles nur andeuten, nicht aussprechen. Er fand eine Familie, die ihn aus Überzeugung aufnahm: Menschen, denen Mitleid und Barmherzigkeit wichtig sind. Nun hat er fünf Brüder und zwei Schwester. „Sie behandeln mich wie einen eigenen Sohn“, sagt er. Wir fragen ihn, wie er seine Gastmutter nennt und er schüttelt verwundert den Kopf. „Mama, natürlich“.

Mehr zum Projekt Rebound und Unterstützungsmöglichkeiten

6 Kommentare

  1. Renate Seifert, 16. September 2011

    einfach nur schrecklich….
    danke für die Berichte
    Renate

  2. Peter Renkl, 16. September 2011

    Ein erschütternder und zugleich bewegender Bericht. Ich finde es großartig, dass Sie sich auf die Mädchen eingestellt und ihnen zugehört haben. Das ist schon sehr viel. Außerdem finde ich das Projekt hoffnungsvoll. Und Wolfgang Niedecken finde ich sowieso gut, ich habe ihn vor vielen Jahren mal live mit Bap erlebt. Weiter so, viel Erfolg und Gottes Segen! Peter Renkl

  3. Claudia Beelenherm, 18. September 2011

    Wie Kinder in der Heutigen Zeit leben müssen treibt mir die Tränen in die Augen!!
    Es macht mich so traurig unser klagen hier auf hohem Niveau jeder der hier klagt sollte mal einen Tag mit Diesen Menschen tauschen!!!
    Ich bin seid 20 Jahren Bap Fan ich mag Ihre Musik aber ich habe auch einen Mega Respekt vor dem Engagement von Wolfgang es sollte mehr Menschen wie Euch geben vielleicht wird die Welt dann ein Stück friedlicher!! Danke!!

  4. Edda Jung, 18. September 2011

    erschütternd…ich konnte nicht mehr weiterlesen…wo die würde eines menschen verschwindet, verschwindet einfach alles….

  5. evelyn, 27. Dezember 2011

    Es ist ein Elend dass das überhaupt gibt. Dennoch bemerkenswert, das es ebenso Menschen gibt, die helfen wollen. Das Projekt ist super und gibt den Mädchen wenigstens die Chance da rauskommen

  6. Gerd Buhrow, 3. Januar 2012

    Wir haben z. Zeit drei Patenkinder.
    2 davon haben wir kürzlch angenommen.
    Mary Joe haben wir mitBriefkontakt seid über 8 Jahre betreutund sind Stolz,
    denn sie besucht in ihrem Heimatlandein Gymnasium mit festenberuflichen
    Zielen. Somit haben mit ihr viel Freude erfahren.
    Mit unserer eigenen Stiftung 2005 gegründet und von der Caritas betreut,
    versorgen wir Weltweit behindert Kinder Empfehlenswert.

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