Befriedung von Nord- und Süd-Sudan ist Herkulesaufgabe

 

Ekkehard Forberg von World Vision und Wolff-Christian Paes vom BICC (3. v.re.) eröffneten das Gespräch mit der Delegation aus Nord- und Südsudan.

Im Krieg geboren, im Krieg aufgewachsen, im Krieg gestorben…fast 50 Jahre Krieg haben die beiden sudanesischen Staaten, die seit Juli getrennt sind, hinter sich – für mich unvorstellbar. Was geht in Menschen vor, die niemals Frieden erlebt haben und wie kann Entwaffnung in solch einem Kontext funktionieren? Um diese Fragen drehten sich die Beiträge der sechs Politiker aus dem Nord- und Süd-Sudan, die sich diese Woche (7.9.) im World Vision Büro von Berlin der Presse stellten. Die Einladung erfolgte durch das Bonner Internationale Konversionszentrum (BICC), Crisis Action, Böll-Stiftung, Stiftung Wissenschaft und Politik, Pax Christi und World Vision. Den Organisationen war es ein Bedürfnis, Vertretern aus beiden Ländern eine Plattform zu geben, um in einer neutralen Umgebung miteinander zu reden.

Entwaffnung ist der Schlüssel

Entwaffnung sei das erste und dringlichste Problem, insbesondere der Kinder, forderte Ekkehard Forberg, Experte für Friedensförderung von World Vision Deutschland zum Auftakt der Veranstaltung. Auch das Friedensabkommen (Comprehensive Peace Agreement, CPA) von 2005 benennt die Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration (DDR: Disarmament, Demobilization and Reintegration) von tausenden Ex-Kombattanten als zentrale Aufgabe. Insgesamt sollen 180.000 Soldaten demobilisiert werden – je zur Hälfte in Süd-Sudan und in Nord-Sudan. Viele Sudanesen haben in den verschiedensten Milizen gekämpft und verdienen nach ihrer Integration in die Armee im Vergleich zur Normal-Bevölkerung sehr gut. Wie bekommt man die Soldaten dazu, ihre Waffen nieder zu legen, zumal die meisten nichts anderes gelernt haben, als zu kämpfen?

Wolf-Christian Paes, BICC Entwaffnungsexperte, beklagte, dass bisher nur ein Teil des geplanten Entwaffnungsprogramms umgesetzt worden sei und es in beiden Ländern in jüngster Zeit schwere bewaffnete Konflikte gegeben habe. Dennoch sei auch viel Positives erreicht worden. So sei in beiden Staaten der feste Wille erkennbar, die beiden Länder in eine friedliche Zukunft zu führen.

Erklärten nacheinander die Fortschritte und Probleme im Prozess der Befriedung der beiden sudanesischen Staaten: Sulafeldeen Salih Mohammed, Generaldirektor der nord-sudanesischen Demobilisierungskommission (2.v.re) und William Deng Deng, Vorsitzender der süd-sudanesischen Demobilisierungskommission (re. im Bild).

Sulafeldeen Salih Mohammed, Generaldirektor der nord-sudanesischen Demobilisierungs-kommission, ging auf die Problematik ein. Man habe im Norden die Trennung akzeptiert, dennoch gebe es nach wie vor Konflikte. Die Menschen hätten Angst vor neuen bewaffneten Auseinandersetzungen, daher sei viel Aufklärung nötig, viele wollten ihre Waffen nicht abgeben. Immer wieder müsse man den Menschen in den Dörfern erklären, dass der Krieg vorbei sei. Dies sei sicher ein langanhaltender Prozess. Der feste politische Wille sei jedoch vorhanden, das Land in eine friedliche politische Zukunft zu führen. Ausdrücklich forderte Sulafeldeen die Zivilgesellschaft auf, sich an dem Prozess zu beteiligen. Er sehe mit guter Hoffnung und optimistisch in die Zukunft. Der nordsudanesische Politiker betonte jedoch, dass man den Menschen eine Perspektive geben müsse, Gesundheitssysteme sollten aufgebaut werden. Die Wirtschaft solle gefördert und das Bankensystem reformiert werden. Derzeit sei man auch dabei, die lokale Administration zu stärken. Den Menschen ein Gefühl der Sicherheit zu geben, sei insbesondere in Bezug auf die Demobilisierung zentral. Er forderte die deutsche Politik auf, seinem Land bei der Entwicklung zum Frieden zu helfen.

Kein Frieden ohne Entwicklung – Grundbedürfnisse der Bevölkerung müssen befriedigt werden

William Deng Deng, Vorsitzender der süd-sudanesischen Demobilisierungskommission, erläuterte für den Süd-Sudan, dass sein Land sich nun, nach der Teilung, um die geplante Entwaffnung der 90.000 Soldaten selbst kümmern könne. Jeder Soldat erhielte eine finanzielle Entschädigung, um sich eine eigene Existenz aufbauen zu können. Deng Deng betonte, man werde keine Kinder mehr rekrutieren.

Daniel Deng Lwal, Vorsitzender des Büros für Gemeindesicherheit und Kleinwaffenkontrolle, betonte noch einmal die Wichtigkeit, den Menschen eine Zukunftsperspektive geben zu können. Viele hätten nie etwas anderes gelernt als zu kämpfen. Daher sei Bildung sehr wichtig, aber auch Sicherheit und Friedensförderung. Die Menschen müssten wieder lernen, friedlich miteinander zu leben. „Wir hatten fast 50 Jahre Krieg, daher gibt es eine Kultur der Bewaffnung“, so Daniel Deng Lwal. Süd-Sudan sei der Kriegsschauplatz für viele Jahrzehnte gewesen, fast jeder Mensch in seinem Land habe eine Waffe. Entwaffnung müsse einhergehen mit wirtschaftlicher Entwicklung. Deng Lwal gab auch zu bedenken, dass Süd-Sudan an viele Länder grenze, in denen immer noch bewaffnete Konflikte herrschten. Auch die Grenze zum Norden sei etwa 2200 km lang und viele Familien seien durch die Grenzziehung nun getrennt. Ein Großteil der südsudanesischen Bevölkerung lebe entlang dieser Grenze. Es sei darum bedeutend, diese Region zu stabilisieren.

Sulafeldeen Salih Mohammed unterstrich zum Ende, dass man hoffnungsvoll sei, dass die Entwaffnung funktioniere. Man wolle sich noch mehr anstrengen, um dieses Ziel zu erreichen.

Daniel Deng Lwal bedankte sich für die Unterstützung aus Deutschland und auch für das Engagement der vielen NGOs im Süd-Sudan. Entwaffnung müsse einhergehen mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit.

Alle Politiker betonten, dass beide Länder großes Potential hätten und luden Unternehmen, Politiker und NGOs ein, sich in ihren Ländern zu engagieren. Dann könne eine friedliche Zukunft Realität werden.

World Vision engagiert sich in beiden Ländern schon seit vielen Jahren mit Programmen der humanitären Hilfe, Reintegrationshilfen und lokaler Friedensförderung.

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