Rote Zone – bei den Rebound-Kindern in Beni

Teil 5 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Dass die 20 Kilo, die man auf den Flügen der Vereinten Nationen mitnehmen darf, inklusive Handgepäck gelten, mussten wir am frühen Morgen lernen. Allein Wolfgang Niedeckens Gitarre wog sieben Kilo, die Filmausrüstung, die wir dabei haben, mehr als zehn. Vom Flughafenpersonal recht unfreundlich herum kommandiert, packten wir in aller Eile aus, was wir nicht brauchten und kletterten schließlich mit nicht viel mehr als einer Handvoll frischer T-Shirts in den Flieger.

Nach einer idyllischen Fahrt durch das schöne Ruanda hatten wir am Sonntagnachmittag die Grenze zum Kongo erreicht. Grenzformalitäten ohne Schwierigkeiten, noch vor Einbruch der Dunkelheit waren wir im schon vom letzten Jahr bekannten Hotel Ihusi, eines der wenigen Hotel, die Goma zu bieten hat. Im Morgengrauen dann zum Flughafen von Goma, wo wir den erwähnten Flug mit den UN nach Beni nahmen. Spektakuläre Aussicht auf Vulkankegel und endlose Waldflächen, manchmal ein Fluss, manchmal ein Dorf. Nach einer Stunde Flug dann endlich in Beni.

In der Nähe gab es Überfälle auf Hilfsorganisationen

Nach Goma scheint einem alles schön, doch Beni, eingebettet in eine Landschaft, die alle verfügbaren Grüntöne präsentiert, wirkt friedlich und freundlich. Und tatsächlich ist die Situation recht ruhig, die Sicherheitsstufe allerdings auf 4 von 5 möglichen Stufen. Rote Zone, also. Entsprechend detailliert wurden wir mit den Sicherheitsmaßnahmen und den Rebellenbewegungen in der Umgebung vertraut gemacht. Etliche Kilometer entfernt, aber doch vom Gefühl her zu nahe, hat es in den vergangenen Wochen Überfälle auf Wagen von Hilfsorganisationen gegeben, unter anderem die Entführung von lokalen Mitarbeitern einer deutschen Hilfsorganisation. Wir versprachen Vorsicht und Vernunft.

Dann endlich waren wir im neuen Rebound-Projekt . Rebound 2, der Name, wurde noch mit letzten Pinselstrichen in fröhlichen Farben an die Wand gepinselt. Untergebracht ist das Projekt in einem großen Gebäude, das von einem großen Garten und etlichen Nebengebäuden umgeben ist. Obwohl erst vor wenigen Wochen angelaufen, haben im Projekt schon 80 Kinder Aufnahme gefunden. 50 Mädchen, 30 Jungen. Die Mäddchen werden im Schneidern und Sticken, die Jungen im Schreinern, Tischlern und zu Automechanikern ausgebildet. Rebound stellt das Gebäude, die Lehrer und das Material für diese Ausbildungen. Zudem werden die Kinder psychologisch betreut, dreimal wöchentlich von ausgebildeten Therapeuten ihrer seelischen Heilung zugeführt.

Man muss ein paar Schritte zurückgehen, wenn man erklären will, was die Rebound-Kinder so aus ihrem Leben warf, dass sie schon in jungen Jahren traurig und zerstört sind. Seit vielen Jahren wird der Ostkongo von kriegerischen Konflikten erschüttert, liefern sich verschiedene Rebellenfaraktionen untereinander und mit der kongolesischen Armee Gefechte. Die Zivilbevölkerung flieht mal hierhin, mal dorthin, manche haben auf der Flucht lange alles verloren: nicht nur Haus und Hof, auch persönliche Habe und jede Aussicht auf eine Möglichkeit, sich selber zu ernähren. Eine ganze Kindergerneration ist inzwischen mit dieser Gewalt aufgewachsen, viele Kinder haben ihr Zuhause und ihre Eltern verloren. Alle militärischen Gruppen rekrutieren Kinder für ihre Armee: als Träger, Sexsklaven und als Soldaten. Die Mädchen werden vergewaltigt, die Jungen zum Töten gezwungen.

Selbst nach ihrer Befreiung oder nach einer gelungenen Flucht, tut sich für diese Kinder keine neue Hoffnung auf. Oft finden sie ihre Familien nicht wieder und jene, die noch ein Zuhause haben, in das sie zurückkehren können, sind alles andere als willkommen. Sie haben getötet; das stigmatisiert sie. Oft werden sie von ihren Familien nicht wieder aufgenommen. Sie haben keine abgeschlossene Schulbildung, sie leiden unter den schrecklichen Dingen, die sie erlebt und selber getan haben. Verwundet an Körper und Seele, heimatlos,  gibt es für diese Kinder kaum eine Zukunft.

Die meisten Mädchen, die dem Kindersoldaten-Dasein entkommen, haben keine andere Wahl, als sich als Prostituierte zu verdingen. Geschätzte 365 Bordelle gibt es alleine in der Stadt Beni: heruntergekommen, unhygienische Schuppen, in denen die Mädchen derselben Gewalt begegnen, die schon ihr Soldatenleben prägte und oft für nicht viel mehr als Essen und ein Dach über dem Kopf sich verkaufen müssen. 80 Prozent dieser jungen Prostituierten sind unter 18 Jahre, viele gerade mal 13 Jahre alt. Etliche haben selber schon Kinder von ihren Vergewaltigern.

Auch die Jungen haben keine Möglichkeit, nach der Flucht ein neues Leben zu beginnen. Manche wählen die Rückkehr zum Soldatenleben, um wenigstens Essen zu haben.

Dies ist die Ausgangssituation, die im vergangenen Jahr zum Plan führte, nach dem Erfolg mit Rebound 1 in Norduganda, Rebound 2 im Ostkongo zu etablieren. World Vision wurde wie schon in Norduganda Partner für die Umsetzung der Ideen. Von Anfang an war klar, die Situation im Ostkongo ist aufgrund der schwierigeren Sicherheitslage eine kompliziertere als in Norduganda, wo weitgehend Frieden und Sicherheit herrscht. Korruption und staatliche Verantwortungslosigkeit sind in Beni die Haupthindernisse gewesen, die zu bewältigen waren, bevor das Rebound-Haus die ersten Kinder aufnehmen konnte.

So gut es ist, nun tatsächlich an Ort und Stelle zu sein, so klar war sofort, sich kaum vorstellen zu können, was die Mädchen und Jungen durchgemacht haben, die uns mit Liedern empfingen und bereitwillig zeigten, was sie bislang produziert haben, brav Antworten auf die Frage nach ihrem bisherigen Leben gaben. Es ist stets eine bedrückende Situation, ein paar Stunden mit diesen Kindern zusammen zu sein und dann wieder zu gehen, sich wieder dem eigenen sicheren und behüteten Leben zuzuwenden. Wir bleiben fremd, sie bleiben uns fremd, weil keine unserer Lebenserfahrungen dafür taugt, zu erfassen, was die Kinder durchgemacht haben.

Morgen wollen wir einige der Bordelle besuchen und mit Familien reden, die die heimatlosen Kinder als Gastkinder aufgenommen haben. Vielleicht verstehen wir danach ein wenig mehr von dem Weg, den die Rebound-Kinder bisher gegangen sind.

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