Ausbeutung in Urlaubsländern: Touristen können Kindern helfen

Ein in Kambodscha aufgeführtes Puppenspiel zeigt einen Touristen, der ein Kind anspricht. World Vision nutzt in seinen Projekten verschiedenste Medien, um die sexuelle Ausbeutung von Kindern zu bekämpfen.

Ich liebe Asien und würde am liebsten jedes Mal im Urlaub in ein asiatisches Land fahren. Ich mag die Menschen, das Klima, das Essen, die Natur….fast alles. Was ich nicht mag und was mich immer wieder traurig stimmt, sind die vielen Straßenkinder und jungen Mütter, die mit ihren Babys auf der Straße sitzen und mich flehend mit traurigen Augen ansehen. Ja, ich habe auch hin und wieder ein kleines Geschenk gegeben oder etwas Geld. Im Vergleich zu diesen Menschen bin ich unsagbar reich. Ich habe jeden Tag zu essen, ich habe eine saubere und warme Wohnung und eine gesunde Familie.

Straßenkinder leben gefährlich und sind leichte Beute für Pädophile

Ein von World Vision geschulter Teenager leistet Straßenkindern Erste Hilfe. Die Kinder leben gefährlich und ziehen sich oft Verletzungen zu.

Angesichts des Welt-Tourismus-Tages musste ich mich jetzt von meinen Kollegen aus Thailand belehren lassen, dass diese Verhaltensweise genau falsch ist. Indem ich Geld und Geschenke gebe, unterstütze ich das System. Etwa 150 Millionen Straßenkinder soll es weltweit geben. Sie versuchen mit Betteln oder kleinen Arbeiten, z.B. dem Verkauf von Rosen an Touristen, etwas Geld zu verdienen, aber dabei müssten sie in der Schule sitzen oder in der Obhut ihrer Familien sein. Das Problem wird weiter zunehmen, wenn nicht alle an einem Strang ziehen – auch und insbesondere wir Touristen. Und die Kleinen sind leichte Beute für Pädophile aus den reichen Ländern.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und Straftat und die Täter werden auch in vielen Herkunftsländern verfolgt. Die Tourismus-Industrie hat in Thailand im ersten Halbjahr dieses Jahres um 26% zugenommen. Mehr als 11 Millionen Menschen aus dem Ausland besuchten das asiatische Land. Fünf Millionen Touristen bereisten Vietnam, 2,5 Millionen Besucher kamen nach Laos, genauso viele nach Kambodscha.

Joshua Pepall arbeitet in Kambodscha im Trauma-Projekt von World Vision und erklärt: „Kinder-Sex-Tourismus ist hier in Kambodscha ein riesiges Problem. Keiner kennt die genauen Zahlen, aber es gibt Schätzungen, dass etwa 100.000 Menschen in unserem Land in der Sex-Industrie arbeiten.“ Insbesondere Kinder sind sehr gefragt. „Je jünger sie sind, desto mehr kann man mit ihnen machen. Sie sind leichter zu manipulieren und zu kontrollieren“, so Pepall. Sie gelten als sauberer und viele Pädophile glauben, sie wären gesund, hätten z.B. kein AIDS.

Bordell-Besitzer verdienen gut an diesen Kindern.

Aus dem Kreislauf der Prostitution können nur wenige ausbrechen

Auch Ka (Name geändert) landete in einem Bordell. Sie wuchs in einer extrem armen Familie auf. Als junges Mädchen musste sie auf der Straße Geld verdienen und landete irgendwann in der Prostitution. „Meine Eltern waren so arm. Als ich klein war, hatten wir nicht mal ein Haus. Wir schliefen oft auf der Straße, manchmal neben einem Grab oder manchmal unter einer Pagode“, sagt Ka. Ka hat noch drei weitere Geschwister. Aber statt mit fünf Jahren zur Schule zu gehen, half sie ihren Geschwistern beim Betteln oder Weiterverkauf von Müll. „Wenn es z.B. eine Hochzeit gab, bin ich mit meiner Mutter dort hingegangen und habe um die Flaschen gebettelt, damit wir sie weiterverkaufen können“, sagt Ka. Ihre Geschwister verließen nach und nach die Familie und versuchten in diversen Jobs Fuß zu fassen. Ihre Eltern konnten sie nicht mehr unterstützen. Ka fühlte sich verpflichtet, mehr für ihre Eltern zu tun. Als sie 16 Jahre alt war, erzählte ihr jemand, dass man in Thailand viel Geld verdienen könne. Zunächst arbeitete sie in Karaoke Bars, die oft als Kulisse für Bordelle genutzt werden. Ka wusste zunächst nicht, was wirklich vor sich ging. „Ich habe zunächst Bier verkauft. Manchmal wollten mich Männer küssen oder berühren“, sagt Ka beschämt und senkt den Kopf.

Ka's Ahnungslosigkeit und Armut wurde von Bordellbeseitzern schamlos ausgenutzt.

Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und flüchtete. Sie begann eine Arbeit in einem anderen Club, doch auch dort war es nicht besser. Als Ka eines Tages wieder auf der Straße stand, wurde sie von einer älteren Frau angesprochen, ob sie Arbeit brauche. Ka sagte erfreut zu in der Hoffnung, dass sie diesmal einen guten Job gefunden hätte. Zunächst war die Frau sehr freundlich und kaufte ihr schöne neue Kleider. Als Ka erkannte, dass sie in einem Bordell gelandet war, war es zu spät. Sie schuldete dem Besitzer umgerechnet 6 US-Dollar, zu viel Geld für Ka. Der Besitzer zwang sie fortan, den Kunden für alle Wünsche zur Verfügung zu stehen. Zwei Jahre lang musste Ka jede Nacht fünf bis zehn Kunden bedienen. Verzweifelt versuchte sie, ihre Schulden zurück zu zahlen, doch da sie von dem Geld der Kunden nie einen Cent sah, gelang ihr dies nicht. Erst als die Polizei nach einer Razzia das Bordell schloss, konnte sie ihren Peinigern entkommen. Allerdings wurde die Situation nicht besser. Zum wiederholten Mal fand sich Ka auf der Straße wieder. „Ich hatte nichts gelernt und konnte daher keine anständige Arbeit bekommen“, sagt sie, „daher musste ich wieder in einem Bordell anfangen.“ Doch diesmal war es noch schlimmer. Die Mädchen durften das Haus nicht verlassen und wurden regelmäßig geschlagen. Als sie schwanger war, zwang der Besitzer sie, einen Abbruch vornehmen zu lassen. „Es war schrecklich und hat furchtbar weh getan“, so Ka. Zwei Wochen später wurde sie wieder geschlagen. Ka’s Hoffnungen auf eine Verbesserung der Situation schwanden. Sie dachte nur noch an den Tod. Egal wie hart Ka und die Mädchen arbeiteten, sie konnten ihre Schulden niemals abarbeiten. Die Besitzer gaben ihnen Drogen, da sie sich sonst weigerten, mit den Männern zu schlafen. Eines Tages gelang es Ka, in den Besitz eines Mobiltelefons zu gelangen und die Polizei zu informieren. Diesmal brachte die Polizei die Mädchen in das World Vision Trauma Zentrum.

Ka ist eine von mehr als 800 Mädchen und jungen Frauen, die das Trauma Zentrum von World Vision durchlaufen haben. Sie wurde medizinisch und psychologisch behandelt und bekam eine Ausbildung als Näherin. „Ich möchte eine Familie haben und anderen Mädchen beibringen, was ich gelernt habe“, sagt Ka und lächelt.

Ka konnte dem Kreislauf der Prostitution entkommen, aber den meisten Mädchen und jungen Frauen gelingt das nicht.

 

Was Touristen tun können

Anlässlich des Welt-Tourismus-Tages appelliert die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision an Touristen, sich ihrer Verantwortung auch im Hinblick auf Straßenkinder bewusst zu sein. So sollten Touristen niemals Geld an Kinder oder Erwachsene geben, die mit Kindern betteln. „Unterstützen Sie eine Organisation ihres Vertrauens, die sich um Straßenkinder kümmert“, erläutert Aarti Kapoor, die bei World Vision für das Thema „Kinder sicherer Tourismus“ verantwortlich ist. Auch sollten ungewöhnliche Vorfälle entweder der Botschaft, dem Reiseveranstalter, Hotel oder der Polizei gemeldet werden. Gespräche mit Hotel- oder Restaurantbesitzern, die alleinstehenden Kindern nachts erlauben, Dinge vor oder in ihren Gebäuden zu verkaufen, sind sehr hilfreich. „Dadurch kann auch in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Problematik aufgebaut werden“, so Kapoor. „Wir brauchen eine weltweite Bewegung, um das Problem in den Griff zu bekommen. Touristen sind ein sehr wichtiger Teil und können mit ihrem Verhalten helfen, Dinge zu ändern.“

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