Warum ausgerechnet Kindersoldaten helfen?

 

Teil 3 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Warum braucht es ein Projekt, um Kindersoldaten zu helfen? Wenn ich von Reisen zurückkehre und Freunden von dem Phänomen der Kindersoldaten erzähle, dann ist die erste Reaktion Mitleid. Ich zeige Bilder, darauf stehen unterernährte, zerlumpte, schmutzige Jungen. „Die Armen“, sagen die Freunde. Dann sage ich, diese Jungen haben gemordet. Sie waren bis zum Scheitel mit Drogen voll gestopft, sie waren bewaffnet mit Maschinengewehren, Messern, Macheten, Knüppeln und sie sind von Dorf zu Dorf gezogen und haben ein Blutbad anrichteten. Was für Monster, sagen die Freunde.

Ein Kindersoldat im Kongo. Foto: Sönke C. Weiß

Kindersoldaten sind Opfer. Und Täter zugleich. Eine Art Januskopf. Sie töten, um nicht getötet zu werden. Sie sind bar des Mitleids, um ihr eigenes Leid nicht zu spüren. Ihr Lebensalltag wird durch Krieg, Gewalt und Zerstörung geprägt. Manche werden von den bewaffneten Gruppen als Soldaten zwangsrekrutiert und entführt. Andere werden mit falschen Versprechungen und einem geringen Sold gelockt. In Afghanistan zum Beispiel warben die Taliban vor einigen Jahren, als das Land wirtschaftlich vollkommen am Ende war, junge Männer mit dem Versprechen auf eine warme Mahlzeit täglich. Eltern gaben ihre Söhne nur zu gerne, weil sie dann wenigstens ein Kind mit Nahrung versorgt wussten. Es gibt nur wenige Kindersoldaten, die aus religiöser oder politischer Überzeugung mitkämpfen. Die große Masse hat andere Motive: Angst vor Übergriffen des Gegners, Angst vor Strafen und Misshandlungen durch eine Kriegspartei. Oder die Hoffnung auf Schutz, Sicherheit und Versorgung. Für die meisten Kriege gilt: Je länger er dauert, desto mehr Kinder werden rekrutiert. Je mehr Kinder rekrutiert werden, umso jünger werden die Opfer dieser Praxis. Nicht selten kommt es zum »Wettlauf« der Kriegsparteien bei der (Zwangs-) Rekrutierung von Kindern. Niemand weiß genau, wie viele Kinder heute unter Waffen stehen oder als Träger, als Koch, Handlanger, Prostituierte in Armeen dienen. Man schätzt, es sind 250 000, eventuell 300 000. Niemand vertritt ihre Rechte. Sie sind Freiwild, austauschbare Masse, leicht zu manipulieren, leicht zu handhaben, schnell zu töten und durch neue Kinder zu ersetzen. Kinder kämpfen in Angola, in Äthiopien, in Sri Lanka, in Sierra Leone, Liberia, im Irak, in Palästina, in Afghanistan, im Kongo, Uganda und im Sudan – diese Liste ist lange nicht vollständig. Im Kongo sind zurzeit schätzungsweise 160.000 Kinder bewaffnet.

Seit dem 12. Februar 2002 ist gemäß der UN-Kinderrechtskonvention der Missbrauch von Kindern als Soldaten verboten. Die UN-Kinderrechtsresolution ist von den Mitgliedern fast aller Staaten der Welt erstellt worden. Sie alle haben ihre Unterschrift darunter gesetzt, sie alle haben zugestimmt, dass der Einsatz von Kindern in Kriegen einen Missbrauch darstellt. Und doch ist die Kinderrechtskonvention nicht das Papier wert, auf dem sie steht. In der Wirklichkeit des Jahres 2011 rekrutieren 86 der unterzeichnenden Staaten Kinder für militärische Zwecke. In der Wirklichkeit unterstützen westliche zivile, demokratische Regierungen Regime und Rebellen, die gegen diese Konvention verstoßen.

Jene Kinder, die ihrer Kindheit und Jugend beraubt in regulären und in Rebellenarmeen dienen, sind zwischen 8 und 18 Jahren. Sie sind fester Bestandteil der militärischen Struktur und müssen die gleichen Aufgaben bewältigen wie erwachsene Soldaten. Sie müssen lange Märsche mit schwerem Gepäck hinter sich bringen, Dschungel- und Buschgelände durchqueren, auf Essen, Trinken und Schlaf verzichten, Kälte, Regen und Moskitos standhalten, im Freien übernachten. Dabei sind die Kinder wesentlich schlechter als die Soldaten ausgerüstet. Sie haben keine Uniformen, keine Schuhe, schlechte Waffen. Weil sie billig und ersetzbar sind, werden sie über Minenfelder geschickt und müssen unübersichtliches Gelände erkunden. Wenn Kinder im Kampf sterben, holt man sich eben neue aus dem nächsten Dorf. Erst im Jahr 2002 wurde der Begriff Kindersoldaten im UN-Protokoll zur Kinderrechtsituation offiziell geprägt. In dieser Konvention wird gefordert, dass niemand, der das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, in regulären Streitkräften oder in nicht regulären bewaffneten Gruppen rekrutiert werden darf. Erst mit diesem Zusatz war es möglich, Verstöße international zu ahnden.

Das einzelne Kind aber, das dem Horror entkommt, hat davon wenig. Zurückgekehrt, wird es von der Gesellschaft nur ungern wieder aufgenommen. Es hat gemordet, Blut an den Händen. Es hat keine Schule besucht. Es kennt nur noch das Soldatenleben, nicht mehr den zivilen Alltag. Es ist traumatisiert, versehrt, isoliert. Es hat eine Vergangenheit, die es verfolgt. Eine Gegenwart, in der es nicht erwünscht ist. Keine Zukunft. Manche Kinder gehen zurück in den Busch zu den Soldaten. Manche bringen sich um. Die meisten schlagen sich durch, irgendwie. Kein Projekt kann ihre Schmerzen heilen. Aber ihnen die Schulbildung geben, die sie als Kinder nicht bekamen, ihnen einen Beruf geben, mit dem sie Geld verdienen können, ihnen das Gefühl geben, sie sind nicht allein – das ist möglich. Die Triebfeder des Kriegs ist die Verzweiflung, bemerkte einst die französische Philosophin Simone Weil. Selbes gilt für Gewalt schlechthin.

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