Fordernder Bürgermeister und Zivilcourage bei der Jugend

Wolfgang Niedecken auf dem Markt in Beni

Teil 7 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September wegen des neuen Rebound-Projekts im Ostkongo unterwegs ist.

Die Kritiker der Entwicklungshilfe haben in vielem Recht. Wenn sie darauf verweisen, dass Entwicklungshilfe den jeweiligen Verantwortlichen eben diese Verantwortung abnimmt, dass Staaten niemals funktionsfähig werden, wenn die Weißen immer die Feuerwehr spielen und die jeweiligen Politiker nur das Geld nehmen. Es ist ein weites Feld, diese Diskussion über Sinn und Unsinn von weißem Engagement im schwarzen Afrika. Den Bürgermeister von Oicha aber, hätten wir allen Kritikern gerne einmal vorgestellt.

Ouicha ist ein großes Dorf oder vielleicht auch eine kleine Stadt ein Dutzend Kilometer von Beni entfernt. Wir führten dort Interviews mit Kinderprostituierten, und um sicher zu gehen, dass weder diese Mädchen noch wir dafür in Schwierigkeiten geraten, sprachen wir beim Bürgermeister vor. Der hatte von Rebound natürlich schon gehört, das Projekt wäre ohne die Zustimmung der lokalen Behörden nicht entstanden, und beklagte sich zunächst, er fühle sich ein wenig übergangen. Zwar hörte er geduldig zu, als Wolfgang Niedecken ihm erzählte, nach den ersten Eindrücken vor Ort sei er mehr als zuvor noch davon überzeugt, dass man diesen Mädchen helfen müsse, doch dann kam er schnell auf weitere Kritik an der angeblich mangelnden Kooperation und eröffnete danach, er wolle gerne ein Jugendzentrum bauen, dafür brauche er 35.000 Dollar. Wolfgang Niedecken ging darauf nicht ein, sondern leitete zu Rebound zurück, woraufhin der Bürgermeister sagte, 10.000 Dollar täten es für den Anfang auch. Soviel also zur Verantwortlichkeit staatlicher Lenker und Denker im Kongo.

Heute soll Schönes berichtet werden. Im Rebound-Zentrum fand ein Konzert statt. Es trat auf der Hope Children‘s Choir und natürlich BAPs Meistersänger. Den Kinder war Text und Inhalt egal, sie ließen sich von der Musik von den Stühlen reißen, es wehte kühler Wind und Regen fiel, aber wie diese Mädchen und Jungen, die wir bis dahin nur verschüchtert erlebt hatten, tanzten, lachten, klatschten, das war- gibt es ein Wort? Wrwärmend. Beglückend. Ein paar Takte nur, und alles traurige, verhuschte, bedrückte war wie fortgefegt, die Stimmung war unglaublich, und wenn es auf dieser Reise entlang der Bruchkanten und Abgründe einen euphorischen und mit allem versöhnenden Moment gab, dann war es dieser. Ein paar jugendliche Tänzer, der Kinderchor, ein 12jÄhriger, der unglaublich trommeln konnte, ein paar minderjährige Mädchen, die – ihre eigenen Kinder im Arm- begeistert mit den Hüften schwangen – für einen Abend lang waren wir angekommen und die Lichtjahre, die zwischen unserer Wirklichkeit und der der Kinder liegen, lösten sich in einem globalen Gefühl der Freude auf. Welch ein Unterschied Musik und Fröhlichkeit machen kann, und das obwohl auch des Meistersängers so geliebter „Redemption Song“ hier in Beni ein unbekanntes Lied ist. Mehr als einen Refrain aber brauchten die Kinder nicht, um den nächsten mitsingen zu können. Wahrlich, ein Augenblick des vollkommenen Glücks für alle, und er hätte noch länger andauern dürfen, doch dann wurde es dunkel und in begleiteten Gruppen brachen die Mädchen auf, um rechtzeitig in ihren Gastfamilien zu sein, bevor es Nacht wird und die Gewalt wieder freie Bahn hat. Ein schnelles und von der eben erlebten Fröhlichkeit noch atemloses Gute Nacht, dann klatschten die nackten Füße die Straße entlang und fort waren sie.

Und dann trafen wir noch Erick und Christelle, zwei Mitglieder des Kinderparlaments in Beni. Vieles in Afrika entspringt der Illusion, vieles ist einer falschen Hoffnung geschuldet, und der skeptische und linear denkende Europäer wird das meiste davon mit einem Achselzucken bedenken, mit einer Handbewegung fortwischen. Wird ja doch nichts! Fast nirgends wird so viel über Kinderrechte und Menschlichkeit geredet, wie in Afrika – und fast nirgends wird so wenig davon in die Wirklichkeit umgesetzt. Der Kongo ist eines der schlimmeren, wenn nicht fast das schlimmste Beispiel dafür, dass alle öffentlichen Bekundungen zu Kinderrechten in der Wirklichkeit wenig wert sind.

Das Kinderparlament, dem Erick und Christelle angehören, hat gut 50 Mitglieder, die sich für ein menschenwürdiges Kinderleben einsetzten: Gegen sexuelle Ausbeutung, Kinderarbeit, Manipulation, Gewalt, Vergewaltigung, all diese Dinge eben, die einem kongolesischen Kind blühen. Die nötige finanzielle Unterstützung dafür bekommen sie von World Vision. Sie gehen in Schulen, sie nehmen an internationalen Konferenzen teil, sie sprechen im Radio, sie bringen örtliche Politiker zusammen und tragen ihnen die Nöte der Kinder vor. Erick bildet in anderen ostafrikanischen Ländern Jugendliche aus, eigene Kinderparlamente ins Leben zu rufen, Christelle hat schon vor den Mitgliedern der UN gesprochen. Unabhängig davon, ob irgendeine dieser Maßnahmen Erfolg hat und wie groß dieser ist, sind diese beiden jungen Menschen ein Beispiel für Zivilcourage, Intellekt, Visionen. Beide wollen Jura studieren, Anwälte für Menschenrecht werden. Wie sie da vor uns saßen, wohlerzogen und bescheiden, wie sie aber doch mit Eloquenz und Klarheit über ihre Arbeit erzählten, waren sie der kleine Wegweiser in eine hellere Zukunft, nach dem wir so gesucht hatten. Ob er an einen Tag glaube, an dem die Kinder des Ostkongos, des gesamten Kongos ein Leben ohne Gewalt und Konflikte leben würden, will ich von Erick wissen und er schaut mich lange schweigend an, trinkt dann entschlossen den letzten Schluck aus seiner Colaflasche und lehnt sich zurück: Wenn er nicht daran glaube, dass Zeit der Heiler aller Wunden und aller Ungerechtigkeiten sei, was für ein hoffnungsloses Leben müsse er dann leben.

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