Zurück zu Mama Masika und “ihren” Mädchen

Portrait von Mama Masika

Die Begegnung mit Mama Masika und "ihren" Mädchen, lauter vergewaltigten jungen Frauen, hinterließ bei Wolfgang Niedecken und seinen Begleitern bei der letzten Ostkongo-Reise einen starken Eindruck. Sie kämpft dafür, dass ihre Gesellschaft sexuelle gewalt nicht toleriert und Opfer eine Lebensperspektive bekommen.

 Teil 1 des Reiseblogs von Journalistin Andrea Jeska, die gemeinsam mit BAP-Sänder Wolfgang Niedecken und World Vision Mitarbeitern vom 10. bis 18. September im Ostkongo unterwegs ist. Ihr Ziel ist das neue Rebound-Projekt zur Rehabilitation von Kindersoldaten und missbrauchten Mädchen.

Die Visa sind da. Das ist eine der guten Nachrichten in diesen Tagen in denen wir uns bereit machen, in den Kongo zu reisen. Die schlechten Nachrichten beschränken sich auf organisatorische Dinge, nichts wirklich dramatisches, sondern nur Unannehmlichkeiten, die unter „wir haben da ein kleines kongolesisches Problem“ abgehandelt werden und mit Humor genommen werden. Noch. Schließlich fliegen wir ja nicht in ein Pauschalreiseland, sondern nach Beni in die Provinz Nordkivu, die im Osten des riesigen Landes liegt. Ein Land, in dem die Infrastruktur ein Witz ist, die Straßen Schlaglöcher, so groß wie Autos haben. oder es gar nicht erst Straßen gibt.

Wir, das sind BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, ohne den es diese Reise gar nicht gäbe. Niedeckens Sohn, Erstreisender in diese Gegend, Eva Martin, Mitarbeiterin von World Vision und Organisationstalent, und ich. Wir wollen uns in Beni ansehen, wie das dortige Rebound-Projekt, ein Hilfsprojekt zur gesellschaftlichen und sozialen Reintegration von ehemaligen Kindersoldaten und Kindersoldatinnen eingeschlagen ist.

Im vergangenen Jahr waren wir schon einmal dort. Damals in Goma, der Provinzhauptstadt Nordkivus. Nicht gerade eine Schönheit, eher ein Durcheinander aus allem möglichen: Schlammlöcher und schiefe Hütten, hässliche Betonbauten, zusammenbrechende Autos, schrille Mofas, Müll, tote Tiere am Straßenrand, dazu die erkaltete schwarze Lava, die der Nyiragongo, einer der Virunga-Vulkane, 2002 über die Stadt spuckte – vielleicht aus Abscheu. Ein Teil von Gomas Bewohnern sind aus Goma, ein Teil sind Flüchtlinge aus anderen Gebieten der Provinz, die von verschiedenen Rebellengruppen mal hierhin, mal dorthin gejagt wurden und es dann endlich nach Goma schafften, wo Hilfsorganisationen sie versorgten. Viele blieben, weil es nichts mehr gibt, wohin sie zurück können: Ihre Häuser verbrannt, ihr Land gestohlen, ihre Familien ermordet. Und ein Teil der Bewohner sind Kriminelle, Rebellen, Waffenhändler, Massenvergewaltiger. Goma ist Sodom, Gomorra und die Pechmarie zugleich.

In Goma trafen wir Mama Masika und „ihre“ Mädchen. Masika ist eine der vielfach vergewaltigten Frauen und ihre Mädchen waren andere Frauen, um die sie sich kümmerte. Das Problem der Vergewaltigungen wird gerne als Folge der kongolesischen Kriege gesehen. Es ist eine perverse Logik, die vermeintlich dahinter steckt: Seelisch verwundete, ihrer Würde und ihres Selbstwertgefühls beraubte Frauen mit schweren Verwundungen im Genitalbereich eignen sich nicht mehr als Trägerin und Hüterin einer Familie. Doch diese Massenvergewaltigungen, die mit einer unbegreiflichen Brutalität ausgeübt werden, als reine Kriegswaffe zu sehen, ist schon so etwas wie eine Absolution und deshalb eine umstrittene These. Ärzte und Menschenrechtler betrachten die Bestialitäten gegen Frauen eher als Verrohung einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten nichts anderes als Unterdrückung, Gewalt und Aggressionen, als Hunger, Vertreibung und Hoffnungslosigkeit kennen gelernt hat. Die Täter sind zunehmend junge Männer, die nichts mehr wissen vom Wert einer Familie und denen jegliches Gespür für soziale Strukturen fehlt, weil es ihnen nicht beigebracht wurde.

Mama Masika erzählte uns im vergangenen Jahr ihre Geschichte, die so grausam ist, dass wir sie zunächst bezweifelten. Nicht, weil diese Frau unglaubwürdig war, sondern aus reinem Selbstschutz. Es schien uns nicht möglich, dass ein Mensch so etwas ertragen kann und weiterlebt. Nicht nur das, sondern auch noch die Kraft und die Menschlichkeit findet, anderen zu helfen, es schafft, Wut und Schmerz soweit unter Kontrolle zu bekommen, der Hoffnung einen Raum zu geben.

Mama Masika machte auf dieser ersten Kongoreise klar, wo die Prioritäten von Rebound liegen sollten: In der Hilfe für die Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch, für die Kinder, die von den verschiedenen Rebellenfraktionen verschleppt und ihrer Kindheit beraubt wurden. Die jungen Männer ohne Arbeit und Bildung. Die jungen Frauen, die in der Prostitution landen, weil sie kein Geld, keine Familie und keinen anderen Ausweg mehr haben. Sie sollen eine Ausbildung und damit eine Chance erhalten.

Die Visa sind da. Am Samstag fliegen wir zum 2. Mal in den Ostkongo. Das erste Mal hörten wir nur Geschichten, in denen Verzweiflung und Gewalt vorherrschend waren. Diesmal hoffen wir auf Geschichten, in denen es auch Hoffnung und Zukunft gibt.

Informationen zum Rebound-Projekt (pdf-Datei)

Blogbeitrag von Projektbetreuerin Anna Fenten zur Entstehung des Projekts

1 Kommentar

  1. Kathryn Carr, 5. Mai 2012

    How can I contribute toward the work of Mama Masika?

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