Judith Rakers in Ostafrika – Tag 3

Die Tagesschau-Sprecherin hat mit World Vision ihr Patenkind und Hilfsprojekte in Tansania besucht.

Unser erster Tag in den Hilfsgebieten beginnt früh. Wir fahren um 7.45 Uhr nach Kwemazandu Village. Die Fahrt führt uns heute nicht über die geteerten Straßen, die wir bisher kennengelernt haben, sondern über eine  „rough road“ mit so tiefen Schlaglöchern, das man weniger Angst um seine Bandscheiben, als vielmehr um die Fahrzeugachse bekommt. Doch die einheimischen Mitarbeiter von World Vision, die uns morgens im Hotel abholen, bringen uns und das Auto sicher ans Ziel.  Und das ist zunächst ein riesiges Feld. Die Bauern, die hier arbeiten, erwarten uns bereits und begrüßen uns freundlich und neugierig. Sie freuen sich und lachen, als ich meine ersten Versuche unternehme, mich in Swahili vorzustellen: „Jambo. Mimi Judy“, was soviel heißt, wie „Hallo. Mein Name ist Judith“. „Judy, Judy“, kichern sie und geben mir die Hand.

 Dann führen sie uns stolz über ihr Ackerland, auf dem vor allem Reis angebaut wird. Aber auch Mais und zum Beispiel Mangold. World Vision hat auf diesen Feldern geholfen, die Bewässerung zu perfektionieren: Vom nahegelegenen Fluss führt ein ausgeklügeltes Kanalsystem durch die Felder, die Ernte ist so unabhängiger vom Regen geworden und hat sich vervielfacht. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto von World Vision. Hier sehe ich zum ersten Mal, dass es funktioniert.

 

Als wir uns verabschieden, möchte uns jeder die Hand geben – vor allem die Frauen wollen sich von mir persönlich verabschieden. Und zwar ausdrücklich so:  zuerst die flache Hand, dann die Hände verschränken, dann nochmal die flache Hand. Was auf mich wirkt wie ein Rapper-Gruß aus LA, ist hier ganz normale Höflichkeitsform – wobei sich die Menschen schon sehr freuen, dass wir ihre Art der Begrüßung und Verabschiedung adaptieren. Winkend und „Judy, Judy“ rufend stehen Sie auf dem Feld, als wir mit dem Jeep wegfahren zur nächsten Station: Das ADP Office Magoma.

Das lokale World Vision Büro für die Region Magoma befindet sich in einem kleinen Dorf und wartet mit einem zentralen Freiluft-Treffpunkt, drei Plumpsklos und Büroräumen auf. Hühner laufen umher und versuchen in unbeobachteten Momenten nah genug an die Kochstelle zu kommen, um Heruntergefallenes aufzupicken. Im Nachbarhaus –  aus Steinen gebaut, aber ohne Fenstergläser – versucht jemand, seine Motorsäge zu starten. Die im Vorgarten angebundene Ziege springt erschreckt zur Seite, während wir an der Kochstelle einen Willkommens-Tee gereicht bekommen. Es sieht hier gar nicht so arm aus wie ich dachte, denke ich. Das Gebiet ist grün, überall sieht man relativ gut genährte Kühe, Ziegen und Hühner. Die Menschen scheinen zufrieden zu sein. Sie leben unter einfachen Verhältnissen, müssen das Wasser aus Brunnen schöpfen und nach Hause tragen, aber die Bilder von Dadaab sind schlimmer. Viel Zeit zum Beobachten und Nachdenken bleibt mir jedoch nicht, denn unser nächster Termin steht an: Die Besichtigung einer Biogasanlage.

Zwei Frauen und vier Kinder erwarten uns, als wir nach kurzer Fahrt durchs Dorf ein einfaches Haus erreichen. Dieses Mal aus Lehm gebaut, ohne Fenster, mit einem Kuhstall vor der Tür. Eigentlich läuft das Vieh – selbst die Kühe – in dieser Region frei durch die Gärten. Manchmal angebunden, aber in Ställen selten. Dastan Shemng`ombe jedoch ist stolze Betreiberin eines Pilotprojektes, für das sie sich beworben hat. World Vision hat ihr eine Biogasanlage zur Verfügung gestellt. Dastan sammelt die Ausscheidungen der Kühe (weshalb sie im Stall stehen) und füllt diese in einen unterirdischen Tank. Mit dem dabei entstehenden Gas betreibt sie ihre kleine Kochstelle und eine Gaslampe, die die fensterlose Hütte in sanftes Licht taucht. Während sie uns stolz ihre Technik vorführt, klingelt plötzlich ihr Handy.  Verkehrte Welt, denke ich. Wir sehen hier, wie eine Lehmhütte künstlich beleuchtet wird und gleichzeitig klingelt ein Mobiltelefon. Das Handy allerdings, wird uns auf unserer Reise noch öfter begegnen. Denn Tansania ist Handy-Land. Selbst viele Massai tragen ihr Mobiltelefon in kleinen Handytaschen stolz um den Hals.

Aber zurück zur Biogasanlage: Die Technik ermöglicht Dastan, in kürzerer Zeit zu kochen, die Zeit zum Holzsammeln spart sie sich komplett. Selbst die Kühe geben mehr Milch, seitdem sie im Stall stehen, erklärt uns Dastan, die es mittlerweile zu einem kleinen Business gebracht hat: Im Dorf betreibt sie einen Lebensmittel-Laden. Die Biogasanlage trägt also nicht nur zum Schutz der Umwelt bei, weil weniger Bäume abgeholzt werden, was wiederum trockenen Boden fördert, sondern hat bei Dastan konkret die Lebensbedingungen verändert. Eine Erfolgsgeschichte.

Ein warmes Mittagessen für die Schulkinder

Unser nächster Programmpunkt ist das „school feeding program“ in der „Makaburini Primary School“. Etwa 50 Kinder warten bereits mit ihrem Plastikteller unter einem großen Baum, damit unter Anwesenheit der Gäste aus Deutschland die Essensausgabe beginnen kann. Ich helfe kräftig mit beim Verteilen von Mais und Bohnen und erfahre dabei, dass viele Eltern ihre Kinder auch deshalb zur Schule schicken, weil sie dann Mahlzeiten sparen. Die Armut ist doch größer, als es auf den ersten Blick scheint in diesem Dorf, das so grün ist und so gar nicht wie ein Hungergebiet wirkt. Ich beginne meinen ersten Eindruck zu revidieren – was noch oft passieren wird auf dieser Reise.

 Die Kinder in der Schule übrigens sind eher schüchtern und finden es etwas merkwürdig, dass ich tatsächlich bei der Essensausgabe mithelfen will.  Auch als wir danach die Klassenräume besichtigen, sind sie eher abwartend distanziert. Neugierig schon, aber nicht überschwänglich. Erst als ich sie bitte, mit mir zusammen aus dem Geografie-Buch zu lesen – in Swaheli – fängt das Eis an zu brechen. Das ist schon lustig, wenn die blonde Frau versucht, in unserer Sprache zu lesen, finden sie. Als wir die Schule nach etwa einer Stunde verlassen, stehen alle am Fenster, winken und rufen. Eigentlich hätten wir noch länger bleiben müssen, denke ich. Wir wurden gerade so richtig warm. Doch die Zeit drängt, denn der Höhepunkt der Reise steht an: Der Besuch meines Patenkindes Mariamu in Kijango Village.

 

Endlich bei meinem Patenkind Mariamu

Ich bin aufgeregt, als wir aus dem Jeep steigen – wird Mariamu anfangs ähnlich reserviert sein wie die Kinder der Makaburini Primary School. Sie weiß, dass ihre Patin kommt, hat World Vision mir gesagt. Da ich in den vergangenen acht  Jahren zwar immer monatlich Geld, aber nie Briefe oder Fotos an Mariamu geschickt habe, bin ich unsicher, wie sie reagieren wird. Als wir auf das Schulgebäude zugehen, läuft sie mir allerdings schon entgegen: Sie strahlt und lacht und ist offensichtlich überglücklich, dass ich da bin. Ich kämpfe mit den Tränen, als ich meiner kleinen Mariamu zum ersten Mal die Hand gebe. Wir schauen uns in die Augen und wissen beide sofort, dass dies ein Tag wird, den wir so schnell nicht vergessen werden. Auch Mariamus Schulfreunde kommen nun aus dem Klassenzimmer und beäugen uns neugierig, während wir uns auf die Treppenstufen vor dem Schulgebäude setzen, um uns mit Händen und Füßen zu unterhalten. Ich zeige Mariamu die Fotos, die ich über die Jahre von ihr gesammelt habe, denn sie waren Bestandteil des  „Annual Reports“, den World Vision mir regelmäßig geschickt hat. In diesen Jahresberichten konnte ich auch lesen, dass Mariamu fünf Geschwister hat, die ich jetzt natürlich gern kennenlernen möchte. Da die Familie in direkter Nachbarschaft zur Schule wohnt, gehen wir zu Fuß dorthin.

Das Reich von Mariamus Familie besteht aus vier Lehmhütten, einigen Ziegen und einem angrenzenden Feld. Ein älterer Mann kommt auf uns zu – es ist Mariamus Vater. Er strahlt ebenfalls übers ganze Gesicht, als ich mich vorstelle. „Herzlich willkommen in unserer Familie“, sagt er. „Du gehörst jetzt auch dazu“. Ich bin froh, dass ein Mitarbeiter die Übersetzung übernimmt, denn jetzt wird ein richtiges Gespräch möglich. Ich erfahre, dass Mariamus Mutter im Krankenhaus ist, da ein Enkelkind eine schlimme Hautkrankheit hat. Was genau kann er mir nicht sagen, doch seine Augen füllen sich mit Tränen, als er davon erzählt. Auch ich habe nun Tränen in den Augen und frage, was ich tun kann. „Bete für uns“, sagt er und nimmt meine Hand. Es werden wunderbare zwei Stunden mit Mariamu, ihren Schwestern und ihrem Vater. Wir malen mit bunten Wachsmalstiften, spielen Flummi und Jojo – alles kleine Geschenke, die ich von Deutschland aus mitgebracht habe.

 Als ich aber dann die Hütten inspizieren darf, fällt mir auf, was die Familie eigentlich braucht: Das Nötigste. Moskitonetze, die hier in Tansania tatsächlich Leben retten können, eine Zahnbürste, da Mariamus aussieht, als sei sie mindestens 15 Jahre alt, ein Kopfkissen und für die Eltern eine Matratze. Während Mariamu sich mit ihrer Schwester eine Liege in einer dunklen Kammer hinter der Kochstelle teilt, schlafen ihre Eltern nämlich im Maislager auf dem nackten Boden. Beschämt denke ich daran, wie unwirtlich mir das „White Parrot“ vorgekommen ist und was für ein unvorstellbarer Luxus es für Mariamu und ihre Familie wäre, hier nächtigen zu dürfen. Und das wird nicht der letzte Moment auf dieser Reise sein, der vieles relativiert.

 Nach zwei Stunden fordern Christoph und Wolfgang mich auf, mich loszureißen. Am liebsten wäre ich viel länger geblieben, aber der nächste Termin wartet. Als ich mich verabschiede und Mariamu fest an mich drücke, gibt sie mir einen Kuss auf die Wange. Wir beide sind unendlich traurig, als der Jeep davonfährt und Mariamu zurückbleibt.

Mit Ochsen ackern

Eine knappe Stunde habe ich nun, das Erlebte zu verarbeiten. Schweigsam bin ich und nachdenklich. Erst als wir auf die nächsten Projektbewohner treffen, werde ich wieder kommunikativer. Wieder sind wir in einem Ackerbauprojekt von World Vision. In diesem lernen die Bauern, sich die Kraft von Ochsen beim Pflügen ihrer Felder zunutze zu machen.

Klassischerweise arbeiten die tansanischen Bauern ausschließlich mit Körperkraft und ihren Händen, doch durch World Vision lernen sie, dass sie doppelt so viel Ertrag in derselben Zeit erwirtschaften können, wenn sie mit Tieren auf dem Feld zusammenarbeiten. Wieder freuen sich alle, dass wir so viel Interesse zeigen an Ihnen und diesem Projekt zeigen. Natürlich müssen auch wir den Pflug ausprobieren, was wiederum zu viel Gelächter und Spaß führt. 

Als dieser erste Tag im Projektgebiet zu Ende geht, bin ich voller Eindrücke und Gedanken. Vor allem das Treffen mit Mariamu geht mir nicht mehr aus dem Kopf…

2 Kommentare

  1. Guido Bastian, 10. Oktober 2011

    fesselnd deine Berichte zu lesen und , wie bei jeder spannenden Geschichte, auf die Fortsetzung wartet :)

  2. Klaus Kropp, 21. Dezember 2011

    Hallo, ich bin beeindruckt von den Berichten. Irgendwann hoffe ich das ich auch vor Ort mal etwas leisten kann. Vielleicht können wir auch noch ein 3 Kind unterstützen. wir haben schon den Lasten in Malawi und Tia in Vietnam. Alleine die Post die wir bekommen ist bewegend- und manchmal weis ich gar nicht was ich da antworten soll. Euch allen eine besinnliche Weihnacht und eine guten Start ins neue Jahr!

    Klaus Krop

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