Judith Rakers in Ostafrika – Tag 5

Die Tagesschau-Sprecherin hat mit World Vision ihr Patenkind und Hilfsprojekte in Tansania besucht.

Wir sind gestern Abend noch nach Arusha gefahren – wieder 5 Stunden im Jeep. Und nach wenigen Stunden Schlaf geht es jetzt direkt weiter. Noch einmal  2,5 Stunden Autofahrt. Wir werden abgeholt und in ein Hilfsgebiet an der kenianischen Grenze gefahren. Hier kümmert sich World Vision Kanada zusammen mit den tansanischen Kollegen seit zwei Jahren um die Menschen. Die Region liegt nahe dem Horn von Afrika und ist deshalb von der Dürrekatastrophe betroffen. Und tatsächlich: die Landschaft hat sich stark verändert. Sie ist nicht mehr grün und bergig, sondern schroff und trocken. Die „bumpy roads“ allerdings gibt es auch hier. Wir fahren vorbei an verdorrten Bäumen und Dornenbüschen und sehen immer wieder junge Massai, die mit ihren Ziegenherden durch die karge Landschaft ziehen.

Judith Rakers und Christoph Waffenschmidt im Gespräch

An einem Wasserloch beobachten wir, wie eine Kuhherde sich um die letzte Pfütze tummelt, die an der einst großzügigen  Wasserstelle übrig geblieben ist. Mir schwant, was wir gleich erleben werden. Und tatsächlich: Wir treffen auf eine Massai-Mutter, die kraftlos vor ihrer Hütte sitzt. Auf dem Schoß zwei Babys, die zwar wohlgenährt aussehen, aber geistig abwesend. Wir erfahren, dass es seit zwei Jahren nicht mehr geregnet hat in dieser Region und dass deshalb alle Tiere der Familie verendeten. Dann hungerte die Familie – so drastisch, dass die Babys in Ohnmacht fielen – achtzig Stunden lang. Als World Vision die Familie entdeckte und mit Soforthilfe reagierte, waren die Gehirne der beiden Babys bereits dauerhaft geschädigt. World Vision versorgt die Familie nun mit Mais und die Babys mit Zusatznahrung – doch die Augen der Mutter strahlen nicht mehr. Sie blickt ins Leere. Die Stimmung ist zum ersten Mal auf dieser Reise so bedrückend, dass ich kaum atmen kann.

Shamamai, die alte Massai-Frau hat schon viel gesehen, so eine Dürre aber nicht

Eine halbe Stunde Autofahrt weiter ist die Stimmung eine andere: auch hier Massai. Doch in guter Kondition, denn das Dorf liegt direkt neben dem von Kanada aus geförderten World Vision Office, das hier seit knapp zwei Jahren aktiv ist. Die etwa einhundertjährige Massai-Frau Shamamai erklärt uns, warum die aktuelle Dürre den Massai hier so sehr zusetzt. Es habe schon oft regenlose Zeiten gegeben, sagt sie. Doch die Abstände zwischen diesen Perioden seien seit neuestem so kurz, dass ihr Volk nicht mehr vorsorgen könne. Von den World Vision Mitarbeitern erfahren wir einen weiteren Grund: Für die Massai ist die Anzahl der Tiere, die sie besitzen, ein Statussymbol. Wenn eine Dürre kommt, verkaufen sie die Tiere nicht, sondern versuchen jedes einzelne durchzubringen – bis am Ende alle sterben und die Existenzgrundlage vollends zerstört ist. Neben den Hilfslieferungen, die jetzt konkret den Hunger bekämpfen sollen, arbeitet World Vision daher auch an einer Veränderung eben dieser Einstellung. Denn: Es soll sich langfristig etwas ändern.

Bei einem gemeinsamen Spaziergang durchs Dorf erfahren wir aber noch mehr: nämlich wie sich die Massai mit den Zweigen eines bestimmten Baumes die Zähne putzen (was ich sogleich ausprobiere), dass die Frauen in Gruppen zusammensitzen und Perlenschmuck herstellen und dass die Kinder ganz versessen darauf sind, mit meinem iphone zu spielen. Während ich immer wieder Fotos und Videos von ihnen mache, um sie ihnen danach unter großem Gelächter vorzuspielen, beginnen die Kinder, meine glatten Haare zu streicheln. Da dieses Dorf nicht von Touristen besucht wird, sind lange, blonde und vor allem glatte Haare für sie eine kleine Attraktion.

Als wir das Dorf verlassen und dann auch noch Zebras und Giraffen unseren Weg kreuzen, ist mein Gefühlschaos perfekt. Vor allem ein Gespräch ist mir in Erinnerung geblieben an diesem Tag. Das Gespräch mit der etwa hundertjährigen Massai, die mir sagte, ihr Reichtum seien ihre Kinder. 14 habe sie geboren, viele seien mittlerweile gestorben, weil sie alt gewesen seien. Als ich ihr daraufhin erzählte, dass ich mit 35 Jahren noch keine Kinder habe, schaute sie mich so ungläubig an, dass ich tatsächlich zu zweifeln begann an unserem westlichen Lebensentwurf, der so sehr auf Karriere fixiert ist.

Als ich an diesem Abend ins Bett gehe, empfinde ich auch Abschiedsschmerz. Denn dieser Tag war unser letzter im World Vision Hilfsgebiet. Morgen geht es über den Kilimandscharo Airport zurück nach Hause, denke ich, als ich die Augen schließe. Im Gepäck so viele Erlebnisse und ein unsichtbares Band, das sichtbar geworden ist: Das zu Mariamu. Ich verlasse Tansania also mit Erinnerungen und Erfahrungen, die unbezahlbar sind und die mir wieder vor Augen geführt haben, was wirklich wichtig ist.

8 Kommentare

  1. Kira, 11. Oktober 2011

    Unglaublich schön geschrieben. Dieser Artikel wird allen Lesern vor Augen geführt haben, was wirklich wichtig ist..

  2. Karl Wurm, 20. Oktober 2011

    Es wäre in meinen Augen richtiger und sinnvoller, (hiflreicher), wenn Frau Judith Rakers diese 5000€ Kosten diese Reise für Hilfszwecke eingesetzt hätte als sich wieder nur medienwirksam in Szene zu setzen, oder hat “Wolrd Vision” diese Action bezahlt ?
    Ich habe auch ein Patenkind, zahle diese 30 € monatlich auch gerne, würde aber anstatt nach Afrika fliegen, wenn ich das nötige Geld hätte, erst dieses Geld weitergeben zur Hilfe, die dort wirklich nötig ist.
    Das Leid und Elend ist allerorts bekannt, nur TUN – tut keiner etwas verfünftiges, so sind wir Menschen- oder denken Sie anders darüber

  3. Christian Kage, 20. Oktober 2011

    Sehr geehrter Herr Wurm.
    Zunächst einmal: Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Unterstützung durch eine Patenschaft bei World Vision. Sie und und über 160.000 weitere Paten machen unsere Arbeit vor Ort erst möglich – ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass eben doch viele Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas tun, um Leid und Elend zu bekämpfen. Um möglichst viele Menschen auf die Situation in Entwicklungsländern aufmerksam zu machen, ist es sehr hilfreich, die Medien in unsere Arbeit einzubinden. Bekannte Persönlichkeiten, wie Judith Rakers, bilden hier eine ideale Brücke. Leser, Zuschauer und Hörer finden oftmals erst durch das Engagement von “Promis” Zugang zu diesen Themen – und engagieren sich in der Folge ebenfalls. Nur allzu oft finden positive Beispiele von Entwicklungsarbeit keinen Eingang in die Berichterstattung – jedoch können mit Hilfe prominenter Personen Medien auch für Erfolgsgeschichten gewonnen werden. Geschichten wie die von Patenkindern aus Tansania, die unter schwierigsten Bedingungen erfolgreich ihr Leben gestalten. Oder aus dem äthiopischen Antsokia-Tal, wo nach einer verheerenden Dürre in den 1980er Jahren die Menschen durch anschließende langfristige Entwicklungsarbeit nun in der Lage sind, ähnlichen Dürren erfolgreich zu begegnen (siehe auch Blog-Beitrag: “Aus dem Tal des Todes wurde ein Paradies”)
    Ihnen, Herr Wurm, noch einmal Dank für Ihr Interesse und Ihr Engagement.

  4. Sofie, 7. Juli 2013

    Ein wirklich ganz, ganz toller Artikel!!! :)

  5. Christian Kage, 10. Juli 2013

    Vielen Dank!

  6. Anja Werner, 10. Juli 2013

    >Ein klasse Artikel. Es ist schön zu lesen. toll, dass es Prominente gibt die andere aufmerksam machen. Macht weiter so.

  7. Hoffmann, 14. November 2013

    Wenn man sich die Web Seite von World Vision anschaut, kommen einem Gedanken, dass die Organisation nur aus gut bezahlten Mitarbeitern besteht: Vom Abteilungsleiter über werbegrafiker bis hin zur Controlerin.

  8. Walter Gross, 30. Juni 2014

    Hallo,
    ich finde den Artikel sehr gut geschrieben und konnte mich fast, aber nur fast in die Frau Rakel reinversetzen. Es war sicher ein großes, aber auch schwierieges Abenteuer für sie. Interessant war es aber allemal zu lesen unter welch schwieriegen Bedingungen die Menschen leben.
    Eine Bekannte sprach mich erst kürzlich an und meinte warum ich ein Patenkind bei WV hätte. Hier bei uns in Deutschland gäbe es doch genug arme Kinder. Ihre Aufregung wurde aber schon ruhiger als ich ihr sagte, dass unsere Kinder aber sauberes Wasser zu trinken haben, von guten Ärzten versorgt werden, Bildung und Nahrung erhalten, was in diesen Ländern wo WV arbeitet nur durch Paten erreicht werden kann.
    Aufklärung, Gesundheitsvorsorge, Nahrung und etwas Bildung, was bei uns selbstverständlich ist, ist in diesen Ländern Luxus.
    Ich bin schon überzeugt das Frau Rakel ihre Reise bezahlt hat und finde es sollte jedem selber überlassen sein, was er mit seinem Geld macht. Herrn Hoffmann möchte ich noch mit auf den Weg geben, dass er sich gerne ehrenasmtlich für WV arrangieren kann.

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