Die Seele ist noch auf dem dunklen Meer

In Sri Lanka sind viele Menschen wegen ihrer Kriegserlebnisse selbstmordgefährdet – Anna Katharina Fenten betreut ein ungewöhnliches Hilfsprogramm und hat Betroffene besucht.

Über eine lange, mit Schlaglöchern übersehene Straße fahre ich zusammen mit meinen Kollegen von World Vision Sri Lanka nach Killinochchi, in den nördlichsten Zipfel Sri Lankas. An den Straßenrändern stehen viele rote Schilder, die vor Landminen warnen. Killinochchi war bis zum Ende des 30jährigen Bürgerkrieges, in dem die Rebellengruppe LTTE für die Unabhängigkeit des Nordens gekämpft hat, die Hauptstadt der LTTE. Die Sri Lankische Armee beendete diesen Krieg durch massive Luft- und Bodenangriffe im Frühjahr 2009 – seitdem existiert die LTTE offiziell nicht mehr und der Norden ist wieder gänzlich unter Kontrolle der Sri Lankischen Regierung. Killinochchi befindet sich im Wiederaufbau. Alte Gebäude werden abgerissen, neue aufgebaut. Die ehemaligen Gebäude der LTTE haben einen neuen Anstrich bekommen und werden nun in Regierungsbehörden verwaltet. Die Regierung ist sichtbar bemüht, möglichst alle Spuren der LTTE Ära zu verwischen.

Laienschauspieler zeigen in einem Theaterstück die Nachkriegsprobleme Sri Lankas auf.

Wir halten an einer Schule und werden von lautem Gelächter der Schüler auf den Schulhof geführt. Dort führt gerade eine Gruppe von Laienschauspielern ein Stück auf, das die gesellschaftlichen Probleme der Nachkriegsgesellschaft darstellt: Trennungen von Familien, Selbstmord, Kindermütter, Alkoholismus. Der Krieg hat den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört. Ehemalige LTTE Kämpfer werden in Camps festgehalten, Frauen müssen ihre Familien alleine durchbringen. Viele Häuser sind immer noch zerstört, Boden vermint, die Minenräumung wird noch einige Jahre dauern. Sri Lanka hat eine der höchsten Selbstmordraten weltweit.

Wir besuchen Familien, die in das World Vision Programm für mentale Gesundheit aufgenommen wurden, finanziert von ECHO und der Australischen Regierung. Anjunara, einer Frau Mitte 50, sehe ich direkt an, dass sie Hilfe braucht. Verwirrt läuft sie durch ihren Garten und redet mit sich selbst. Kinder stehen am Gartenzaun und kichern bei ihrem Anblick. Wir erfahren, dass Anjunara am Ende des Krieges, als ihr Dorf bombardiert wurde, mit ihrer gesamten Familie in ein kleines Fischerboot gestiegen ist und aufs Meer fuhr. Sie wollten sich in Sicherheit bringen. Sie hatten sogar Vorräte mit aufs Boot genommen – genug zu essen und zu trinken, um mindestens eine Woche überleben zu können. Doch als die Familie hastig das Boot belädt, kippt einer der Benzinkanister um und vergiftet die wertvollen Essensvorräte. Nach 2 Tagen hat Anjunaras Mann so großen Hunger, dass er trotzdem etwas von dem mitgebrachten Brot isst. Anjunara kann ihn nicht davon abhalten. Auch ihr 12jähriger Sohn isst von dem Brot. Beide, Vater und Sohn, sterben nur einige Stunden später. Inzwischen treibt Anjunara mit ihren 3 weiteren Kindern immer weiter aufs Meer hinaus. Ihre 16jährige Tochter meint Land zu sehen und springt ins Wasser, um Hilfe zu holen. Anjunara hat sie seitdem nie wieder gesehen. Nach ein paar Tagen wird die völlig verzweifelte und ausgehungerte Mutter mit ihren anderen beiden Kindern von einem indischen Fischerboot gerettet. Sie verbringen einige Wochen in einem indischen Krankenhaus. Als sie vom Ende des Bürgerkrieges erfahren, werden sie in ihre Heimat zurückgeführt.

Als ich Anjunaras Geschichte höre, wünsche ich mir im ersten Augenblick, aus diesem schlechten Film zu erwachen. Aber die seelische Zerstörung dieser Frau ist Realität. Sie leidet unter starken Depressionen und hat bereits 2 Mal schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Bis heute wartet sie auf die Rückkehr ihrer Tochter, die ins Meer gesprungen ist.

Der erblindete Balthazaar ist dankbar für die Unterstützung durch die Sozialarbeiter, die World Vision zu den kriegstraumatisierten Menschen in Sri Lanka schickt - und freut sich auch über den Besuch von Anna Fenten (rechts im Bild)

Bis heute hat keine gesellschaftliche Aufarbeitung der Kriegserlebnisse in Sri Lanka stattgefunden, doch die Bedürfnisse sind enorm. Das World Vision Programm hat deshalb gemeinsam mit der Sri Lankischen Regierung ein Pilotprojekt zur psychischen Unterstützung der Menschen im Norden gestartet, in dem Freiwillige in den Gemeinden zu Sozialarbeitern ausgebildet werden. Sie besuchen die betroffenen Familien und bieten ihnen Unterstützung an. „Manchmal reicht es schon, dass sie nur jemanden zum Reden haben“ sagt Nikitha (25 Jahre), eine der 40 Sozialarbeiterinnen. Jeder Fall wird individuell behandelt, dafür stehen Psychologen und andere Ärzte zur Verfügung.

Dass der Einsatz von Nikitha und ihren meist weiblichen Kolleginnen erfolgreich ist, zeigt das Beispiel von Balthazaar (35 Jahre). Balthazaar leidet seit dem Bürgerkrieg an post-traumatischer Blindheit und post-traumatischer Eplilepsie. Er und seine Familie (1 Frau, eine kleine Tochter) können noch nicht zurück auf ihr Grundstück, da die Landrechte noch ungeklärt sind. Während des Bürgerkrieges sind viele Verwaltungsdokumente abhanden gekommen. Solange hat die Regierung ihnen eine provisorische Unterkunft aus Planen und Stöckern auf dem Grundstück einer ihnen völlig fremden Familie besorgt. Als wir Balthazaar und seine Familie besuchen, erzählt er uns mit einem freundlichen Lächeln, wie sehr die wöchentlichen Besuche von Nikitha sein Leben verändert haben. Nikitha führt ihn regelmäßig zum Arzt und kontrolliert die Einnahme seiner Medikamente. Aber das wichtigste für Balthazaar und seine Frau ist, dass sie jetzt nicht mehr alleine mit ihren Problemen sind.

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