Gastkommentar: Hungerkatastrophe in der Sahelzone: Haben wir nichts dazugelernt?

 

Frühzeitige Hilfe ist ein wichtiger Faktor in der Hungerbekämpfung

Auch in Weststafrika bahnt sich eine Hungersnot an. Die Welt hat jetzt noch die Chance, Erfahrungen aus den Fehlern vom Horn von Afrika in die Praxis umzusetzen. Es wäre eine Schande, die frühzeitigen Warnungen erneut zu ignorieren. Ein Kommentar von Ton van Zutphen

Wenn es um eine große Hungersnot geht, die das Leben von Millionen Menschen bedroht, haben viele Zeitgenossen noch immer falsche Vorstellungen im Kopf: Sie nehmen an, so eine Katastrophe ließe sich einfach erklären und auf eine einzige Ursache zurückführen. Und sie wundern sich, dass die Welt auch 2012 kein Patentrezept zu ihrer Bewältigung hat. Die Katastrophenhelfer-Teams sind in den letzten zehn Jahren leistungsfähiger geworden und können heute schneller auf Krisen reagieren. Es sind vor allem drei Faktoren, die die Arbeit erschweren und bei denen Handlungsbedarf besteht:

Erstens brauchen die Regierungen der Geberländer zu lange, um Gelder für die Vorbereitung auf sogenannte „schleichende“ humanitäre Katastrophen bereitzustellen. Doch die Regierungen reagieren erst auf den Druck der medialen Berichterstattung, obwohl sie längst über den Ernst der Lage Bescheid wissen, denn die Botschaften der Geberländer warnen oft frühzeitig vor sich abzeichnenden Krisen. Daher stellen sich die Fragen: Warum hört man nicht auf diese Warnungen? Wartet man darauf, dass andere zuerst aktiv werden?

Zweitens wollen die Regierungen der betroffenen Länder des Südens oft aus politischen Gründen nicht zugeben, dass die Ernte schlecht ist oder dass es andere Probleme gibt, die die Regierung alleine nicht in den Griff bekommt – etwa das Fehlen von Geld oder logistischem Know-how, um Getreide aus Nachbarländern zu importieren. Manchmal blockiert sogar die Wortwahl die zügige Hilfe: von einer „Dürre“ zu sprechen ist ok, von einer „Hungersnot“ im eigenen Land will die Regierung nichts hören. Die Folge ist, dass Hilfe aus dem Ausland nur zögerlich angenommen wird. Und sie soll nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ton van Zutphen

Und drittens geht es um die Rolle von internationalen NGOs bei der Verhinderung von Hungerkatastrophen. Die Hilfsorganisationen müssen ihre Bemühungen besser aufeinander abstimmen – damit aus vielen kleinen Hilfsprojekten ein großes Katastrophenhilfe-Programm werden kann. Am Horn von Afrika finden viele Hilfsaktionen doppelt statt, da NGOs aus verschiedenen Ländern ihre Hilfe nicht miteinander abstimmen.

World Vision und andere Hilfsorganisationen warnen schon seit drei Monaten, dass ab Mai 2012 die Existenz von bis zu 10 Millionen Menschen in der Sahelzone bedroht sein wird. Getreide wird nicht in ausreichender Menge erhältlich sein, und wenn, dann zu Preisen, die für die Betroffenen unerschwinglich sind. Bereits jetzt im Januar ist im Niger Hirse um 37 Prozent teurer als im November des Vorjahres! Die Vorbereitung der internationalen NGOs läuft bereits auf Hochtouren, und sie arbeiten dabei mit spezialisierten UNO-Organisationen zusammen. Da Berichte über die drohende humanitäre Katastrophe und Lobbying für mehr Hilfe nicht genug sind, müssen die Hilfsorganisationen auch selbst ausreichend Mittel aus ihren Reserven zur Verfügung stellen. Das Geld der Geberländer ist vorhanden, das Wissen und die Erfahrung sind da. Werden wir wieder warten, bis es (fast) zu spät ist?

Zum Autor:

Der Niederländer Ton van Zutphen ist Senior Humanitarian Advisor bei World Vision International. Der studierte Geograf verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit und leitete mehrere große Hilfseinsätze und Programme für Konfliktprävention in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten. Zuletzt leitete er den Katastropheneinsatz von World Vision nach dem Erdbeben in Haiti.

2 Kommentare

  1. christoph bürker, 26. Januar 2012

    ein sehr informativer Bericht.

  2. Cathleen, 13. Februar 2012

    Der Bericht ist sehr schön, aber ich denke die Regierung der betroffenen Ländern haben genug Geld, aber sie kaufen sich lieber teure Autos und schöne Villen und das Volk muss leiden.

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