Haiti auf dem Weg in die Zukunft

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Am 12. Januar 2010 bebt in Haiti die Erde. Minuten später liegen 300.000 Menschen tot unter den Trümmern in der besonders betroffenen Hauptstadt Port au Prince. Eine beispiellose Welle der Hilfe rollt an. Haiti – die einstige Perle der Karibik – liegt in Trümmern und soll neu aufgebaut werden. Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren getan? Dirk Bathe war mit seinem Kollegen Christian Kage zu Filmaufnahmen auf der Insel. Hier ist der erste Teil seines Berichts:

Die Sonne hat den feuchten Dunst über Haitis Hauptstadt Port-au-Prince schnell vertrieben. Und auch die Leere in den Straßen der Stadt ist nur von kurzer Dauer an diesem Morgen. An diesem, wie an jedem Morgen. Schon schieben sich unzählige Autos durch die engen, verwinkelten Straßen der Stadt. Zwei Jahre nach dem Erdbeben ist Port au Prince vor allem eins: eng.

Als das Erdbeben am 12. Januar die Häuser über Haitis Hauptstadtbewohnern und in umliegenden Städten einstürzen ließ, Straßen aufriss und verschüttete, das Telefonnetz zusammenbrach und die Versorgung in vielen Bereichen kollabierte, stürzte das Land zunächst ins Chaos.  In völliger Dunkelheit suchten Menschen nach verschütteten Angehörigen, kümmerten sich Retter um Verletzte. Haitianischen MitarbeiterInnen von World Vision gelang es dennoch unter großen persönlichen Opfern, Informationen über die Not nach draußen zu bringen und mit Unterstützung des Global Rapid Response Teams – einer weltweit tätigen Nothilfe-Einsatzgruppe von World Vision – innerhalb kurzer Zeit erste Hilfsmaßnahmen zu organisieren. Besonders schwierig war es, mit der Enge der Stadt und den überall herumliegenden Trümmern klar zu kommen. Wichtige Hilfsgüter konnten anfangs nur in die Dominikanische Republik geflogen und erst nach quälend langer Organisation und aufwändiger Verteilung geliefert werden. Dann mussten die Überlebenden möglichst schnell Trinkwasser, Lebensmittel und ein Dach über den Kopf bekommen. Und sei es nur ein Zeltdach.

Es gibt nur wenige öffentliche Plätze und freies Gelände in Port au Prince. Auf einem solchen privaten Gelände steht das Lager ENAF 2, das World Vision direkt nach dem Erdbeben aufgebaut und unter anderem mit Wasser und Latrinen sowie Hilfsgütern für den Hausgebrauch versorgt hat. ENAF 2 ist ein relativ kleines Lager, nur einige hundert Menschen leben hier, hauptsächlich in Zelten. Darunter sind auch die Frauen vom Moms Club, dem Klub der Mütter im Lager. Diesen Klub hat World Vision organisiert, mit dem Ziel, dass sich die Frauen gegenseitig über Gesundheit und Schutz vor Krankheiten informieren. 

“In dieser Woche reden wir über AIDS”

Keptia Arisna Merat ist die Leiterin des Klubs. Sie erklärt uns ihre Arbeit: „Um die Leute zu sensibilisieren, um ihr Wissen zum Thema Gesundheit zu verbessern, bestärken wir sie darin, regelmäßig mit ihren Kindern die Mediziner in der mobilen Klinik von World Vision zu besuchen. Besonders wichtig ist uns die Prävention. Wir informieren uns in der Gruppe zum Beispiel über Krankheiten wie Cholera. In dieser Woche reden wir über Aids.“

 

Mütter nehmen für ihre Kleinkinder sehr gerne die medizinische Hilfe und den Rat der Mitarbeiterinnen einer Camp-Klinik in Anspruch.

Noch immer leben in Zeltlagern über 500.000 Menschen. Verstreut über die ganze Stadt, neben Wohnhäusern, Märkten, Restaurants und Parkplätzen. Der weitaus größte Teil des Grund und Bodens in Haiti ist in der Hand weniger Familien. Land in staatlichen Besitz gibt es in und um Port au Prince kaum. Das erschwert den Bau neuer Häuser mit bezahlbarem Mietraum. Um das Bewusstsein für die Lebenssituation der Bewohner zu schärfen, unterstützt World Vision in ENAF 2 auch einen Medienklub. Die Mitglieder wollen erfahren, wie die Verhältnisse in Haiti sind – und ob man sie ändern kann: “Wir recherchieren zum Beispiel hier im Lager, wie es den Leuten geht, ob sich etwas geändert hat in ihrem Leben”, sagt Kelzy Carline, die sich im Klub engagiert. “Und wenn wir dann etwas in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sagt der Nachrichtensprecher etwas über dieses Thema, dann wissen wir, ob das stimmt oder nicht stimmt.”

 Es geht nur langsam voran

Die Menschen in den Lagern sind erstaunlich geduldig. Denn es geht nur langsam voran und viele wissen nicht, wo sie in Zukunft leben werden. Doch auch schon vor dem Beben war die Situation für viele Haitianer alles andere als einfach, erklärt Jean Claude Mukadi, der die Arbeit von World Vision Haiti leitet: „Wie sah es vor dem Erdbeben aus? 90 Prozent der schulischen Erziehung lag in privaten Händen. Die Merhzahl der Kinder ging nicht zur Schule. Die Wasserversorgung war ein echtes Problem. Wer hatte schon eine Toilette? Und auch sonst: Armut war weit verbreitet.” Seit der Unabhängigkeit vor knapp 200 Jahren erfuhr das Land einen permanenten wirtschaftlichen Niedergang. Diktatoren plünderten die Insel, der Raubbau an der Natur verschärfte die wirtschaftlichen Probleme noch. Jean Claude Mukadi ergänzt: “Also, wenn man jetzt die Situation kritisiert und sagt: es ist noch nicht genug passiert – dann darf man nicht vergessen, wie schlimm es schon vorher war. Wo Haiti vor dem Erdbeben stand. Und vieles ist besser geworden seither.“

 Vieles ist besser geworden

Die vielen Veränderungen zum Positiven betont auch der Leiter von UNOCHA, einer UN-Organisation, die die Aktivitäten der einzelnen Hilfsorganisationen koordiniert. Philipp Verstraeten weist unter anderem auf Programme hin, die Arbeit schaffen. Auch World Vision arbeitet mit UNOCHA zusammen. Die UN-Organisation rechnet damit, dass der Einsatz wegen der schwierigen Lage in Haiti noch länger dauern wird. Philipp Verstraeten: „Ich denke eine Menge wurde auch schon erreicht, trotz aller Schwierigkeiten. Allein schon der Abtransport von Trümmern hat lange gedauert – das waren hunderttausende Kubikmeter. Wir bewegen uns auf eine Phase zu, wo wir besser mit der Regierung zusammen arbeiten und ihnen die  Dinge übergeben. Vielleicht klappt die Übergabe unserer Tätigkeit hier an die Regierung in 2012. Aber  in diesem speziellen Kontext hier, da kann man nicht sagen, ab dem gewissen Datum ist alles getan.“

Fortsetzung folgt…