“Hungersnöte nicht nur ein Ergebnis von Dürren”

Ökologisch verträgliche Bodenverbesserung hat auch im äthiopischen Antsokiatal zur Ernährungssicherung beigetragen

Mehr Öko? Mehr genmanipulierte Pflanzen? Die Landwirtschaft steht nicht erst seit der Dürrekatastrophe in Ostafrika wieder auf der Agenda der Hilfsorganisationen. Douglas Brown ist der Ernährungsexperte von World Vision International. Anlässlich der Grünen Woche in Berlin, der internationalen Lebensmittelmesse, und des zeitgleich stattfindenden Global Forum von Landwirtschaftsministern und Ernährungsexperten, konnten wir ein interview mit ihm führen.

Frage: 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern arbeitet in der Landwirtschaft. Dennoch ist der Anteil an der weltweiten Produktion von Nahrungsmitteln extrem gering. Warum wird dieses Potential nicht besser ausgeschöpft?

Douglas Brown: Tatsächlich steigt die Produktivität in zahlreichen Regionen der Welt. Allerdings wächst auch die Bevölkerung und in anderen Regionen steigt auch die Produktivität nicht oder nimmt sogar ab. In der Realität gibt es viele Gründe, warum es den Leuten kaum gelingt, genug Nahrung für sich und ihre Familien anzubauen und auch noch etwas für den Verkauf zu produzieren, um sich davon lebensnotwendige Dinge zu kaufen. Einige der Gründe liegen sicherlich in der landwirtschaftlichen Produktivität. Andere finden sich in politischen Bedingungen und in bewaffneten Konflikten.

Trägt nicht auch die Entwicklungspolitik eine Mitschuld an der schwachen Landwirtschaft? Über viele Jahre wurde der Agrarsektor wenig beachtet.

Ja, einige Jahre lang wurde das Thema Landwirtschaft von nationalen Regierungen und von der internationalen Entwicklungspolitik und ihren Entwicklungsprojekten vernachlässigt. Das ist eine Schande. Es scheint so als ob wir vergessen hätten, dass Landwirte die Städte ernähren. Und dass die Wurzeln des Fortschritts in unseren Ländern – in Kanada und Deutschland – zu einem großen Teil die landwirtschaftliche Produktivität sind. Denn die hat erst für Überschüsse bei den Farmern und die Ernährung der städtischen Bevölkerung gesorgt.

Ich würde auch noch einwenden, dass wir keine Vision für eine nachhaltige, belastbare und produktive Landwirtschaft entwickelt haben. Der Schwerpunkt lag zu oft in der Anwendung von zusätzlichen Ressourcen, wie verbessertem Saatgut, Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel. Und in einigen Fällen auch in der Technisierung. Das alles ist nicht unwichtig, aber in vielen Fällen hängt der Grad der Produktivität nicht zu allererst von der Art des Saatguts ab oder anderen zusätzlichen Ressourcen, sondern von der Güte des Bodens auf dem Landwirtschaft betrieben wird. Ein Boden mit hohem, natürlichen Kohlenstoffanteil ist fruchtbarer, förderlicher für das Pflanzenwachstum und er nimmt Wasser besser auf und speichert es besser. Aus diesem Grund ist ein gesunder Boden nicht nur förderlich für das Wachstum von Pflanzen – auch das Einkommen des Landwirts steigt nachhaltiger, belastbarer. Wenn Landwirte mit gesunden Böden arbeiten, ist auch der Einsatz zusätzlicher Ressourcen sinnvoller.

Zu häufig wurde in der landwirtschaftlichen Entwicklung das Pferd von hinten aufgezäumt. Die UNO-Organisation FAO hat Recht mit ihrer neuen Leitlinie „Bewahrung und Wachstum“ – investieren in Landressourcen – dann werden die Dinge für die Landwirte besser laufen. Und die Haushalte und die Kinder, die darin leben, werden dauerhaft besser ernährt. Es gibt sogar einen biblischen Bezug: In Genesis 2:15 werden wir an unsere Verantwortung erinnert, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren.

"Besserer Boden = Bessere Ernte": Douglas Brown

Weltweit hat es in den vergangenen Jahren große Preissprünge für Lebensmittel gegeben. Hilft die Stärkung lokaler/regionaler Märkte gegen Preissteigerungen?

Die Preissteigerungen sind zwei Seiten einer Medaille. Auf der einen Seite sind sie gut für Landwirte, wenn diese etwas zu verkaufen haben. Nicht so gut ist es, wenn sie ihre Ernte bereits aufgebraucht haben und zukaufen müssen. Die großen Preissprünge waren ein Weckruf für die Internationale Gemeinschaft. Wir haben nicht die nötige Aufmerksamkeit auf Landwirtschaft und Ernährungssicherung gelegt. Das hat sich geändert und ich finde den bisher erreichten Fortschritt ermutigend. Dennoch bin ich besorgt, dass wenn wir nicht endlich richtig in natürliche Ressourcen investieren, im Zusammenspiel mit freien, fairen und funktionierenden Märkten, wir keine Periode erneuerter Stabilität erreichen werden.

 

 
Ein großer Teil der Ernte verrottet auf dem Feld oder in mangelhaften Lagerstätten. Wie kann dieser Verlust verringert werden?

Ich glaube nicht, dass ein so großer Teil der Ernte auf den Feldern verrottet. Andererseits gibt es nicht akzeptable Verluste in der Versorgungskette mit Nahrungsmitteln, die einer unsachgemäßen Lagerung und Verarbeitung geschuldet sind. Es gibt bewährte, einfache und angemessene Lagertechniken für Feldfrüchte aber wir müssen noch an ihrer weiteren Verbreitung arbeiten.

Welche Erkenntnisse wurden aus den Dürrekatastrophen, insbesondere der aktuellen in Ostafrika, gezogen?

Die jüngste Hungersnot am Horn von Afrika ist nicht in erster Linie ein Ergebnis der Dürre. Sicher, es gab eine andauernde Dürre, aber die Region ist auch politisch sehr instabil. Somalia ist seit vielen Jahren Schauplatz von Konflikten und großem Leiden. Als ein Ergebnis haben die Menschen dort kaum Möglichkeiten, mit einer Belastung wie einer Dürre umzugehen. Im übrigen ist Dürre in der Region ein zyklisches Problem – eine ständige Herausforderung des Lebens in den semi-ariden Regionen Afrikas.

Der Regenfall ändert sich von Jahr zu Jahr – Feldfrüchte und Viehbestand müssen daran angepasst werden. Es gibt Beispiele für gutes Boden- und Wassermanagement , für Forstwirtschaft und Weidenbewirtschaftung, die dieser Art von Belastung besser standhalten. Nötig sind abgestimmte Bemühungen, diese Praktiken in ganzen Landschaften zu fördern und für ihre Akzeptanz zu sorgen. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes – sondern auch des politischen Willens. Nötig ist ein grundsätzlicher Wandel mit dem Ziel, die Systeme für Vieh- und Landnomaden in der Region überlebensfähig zu machen.

Ist der Anbau genmanipulierter Pflanzen (genetically modified plants) aus Ihrer Sicht ein denkbarer Weg zur Verhinderung von Missernten?

Ganz klar: nein. Sie sind eine Antwort auf die falsche Frage. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf Boden- und Wassermanagement richten, auf die weitverbreitete Akzeptanz von stichhaltigem Ökolandbau, dann werden wir einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung von Missernten leisten.

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