Humanitäres Dilemma – die ständige Gradwanderung der Hilfsorganisation in Krisengebieten

Humanitärer Einsatz im Ost-Kongo. Foto: Kevin Cook\ World Vision

Katastrophen haben vielfältige Gesichter. Sie bahnen sich schleichend an und sind von Menschen gemacht oder zumindest beeinflusst, wie z.B. die Dürrekatastrophe in Ostafrika oder entstehen plötzlich durch Naturereignisse, wie die Erdbebenkatastrophen in Japan und Haiti. Manche Tragödien bleiben jahrelang unbemerkt und niemand kümmert sich. Besonders schlimm leiden immer die Kinder. Das Bedürfnis zu helfen ist gerade in Katastrophensituationen sehr groß und mancher mag denken, das sei doch einfach. Man sammelt Geld, kauft dafür Hilfsgüter, bringt sie in die betroffene Region und verteilt sie dort. Doch so einfach ist es nicht!

Hilfsorganisationen unterliegen bestimmten Prinzipien und internationalen Standards, die unbedingt eingehalten werden müssen, damit die Hilfsmaßnahmen auch langfristig und nachhaltig wirken und keinen Schaden anrichten. „Do no harm“ ist hier ein Stichwort. Ein Grundsatz, der in Katastrophensituationen eingehalten werden muss, ist folgender: Humanitäre Hilfe muss neutral sein und unabhängig bleiben! Doch diese Forderung einzuhalten, ist manchmal gar nicht so einfach. So gibt es insbesondere in Katastrophengebieten, die durch Kriege oder Konflikte zwischen Volksgruppen bedingt oder verschärft wurden, vielfältige Interessen von politischen Parteien oder ethnischen Gruppen. Sich von diesen Interessen zu distanzieren und ausschließlich die Hilfe an der Not der Menschen auszurichten, wird zunehmend schwieriger. Vor allem auch dann, wenn man über die akute Not hinausdenkt und die lokalen Lebensverhältnisse verbessern möchte.

Letztlich war ich auf einer Veranstaltung des Auswärtigen Amtes, auf der über dieses „humanitäre Dilemma“ mit verschiedenen Vertretern von Hilfsorganisationen, Politikern und auch Vertretern der Bundeswehr diskutiert wurde.

Am besten lässt sich das Dilemma verdeutlichen an der Unterhaltung, die ich mit meinem 13jährigen Sohn anschließend zu dem Thema hatte. Ihm sagte der Begriff „Humanitäres Dilemma“ natürlich gar nichts. Ich versuchte, ihm das Thema mit altersgerechten Worten zu erklären. Anschließend fragte er mich: „Aber wie sieht es denn z.B. in Afghanistan aus? Dort arbeitet World Vision doch auch. Was ist denn, wenn von den Taliban jemand verletzt wird, helft ihr denen denn auch?“ Als ich ihm erläuterte, dass es bei unserer Hilfe nicht interessiert, zu welcher Ethnie, Partei oder zu welcher Religion jemand gehöre, sondern nur die Not der Menschen für unsere Hilfe entscheidend sei, war er zutiefst entsetzt. Es könne doch dann sein, dass wir vielleicht auch Terroristen helfen würden und diese könnten anschließend wieder unschuldige Menschen umbringen…

Diese Unterhaltung zeigt einen Teil des Dilemmas, in dem sich Hilfsorganisationen befinden. Dennoch, auch in diesem äußerst schwierigen Kontext muss unsere Hilfe neutral bleiben. Es dürfe keine Partei bevorzugt und keine Position bezogen werden, wie auch die Staatssekretärin des Auswärtigen Amts, Dr. Emily Haber betonte.

Dr. Jakob Kellenberger, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erläuterte, dass Hilfsorganisationen in ihrer Arbeit ausschließlich dem Geist der Menschlichkeit verpflichtet seien und unbedingt neutral und unabhängig bleiben müssten.

Hilfsorganisationen sollen ihre grundlegenden humanitären Rechte gegenüber allen Konfliktparteien verteidigen. Militärische Interventionen zu fordern, kann nicht unser Anliegen sein und wir müssen unabhängig von militärischem Schutz agieren. Wir dürfen uns nicht von außenpolitischen Interessen westlicher Staaten instrumentalisieren lassen und es ist wichtig, dass alle Organisationen, die auf dem Gebiet der humanitären Hilfe arbeiten, diese Prinzipien achten.

Das konsequente Durchhalten dieser Grundprinzipien erfordert oft auch Mut. So versuchen politische Machthaber manchmal die Hilfsmaßnahmen von Organisationen zu beeinflussen, indem sie bestimmen möchten, wo und an wen die Hilfe gehen soll oder die Regierung will die Verteilung von Hilfsgütern gleich selbst in die Hand nehmen, wie es beispielsweise nach der Überschwemmungskatastrophe in Myanmar der Fall war. World Vision blieb jedoch standhaft und durfte dann nach einiger Zeit die Hilfsmaßnahmen selber durchführen.

In manchen Gastländern ist das Dilemma derart groß, dass es nur zwei Wege gibt, die beide unattraktiv sind: a. das Gastland macht enge Auflagen, wie die Hilfsmaßnahmen durchzuführen sind – die HIlfsorganisation ist dann gezwungen, diese Vorgaben zu akzeptieren oder b. sie weigert sich, muss das Land verlassen und kann dann den Menschen in Notlagen nicht helfen. In solchen Kontexten Entscheidungen zu treffen, sei sehr schmerzlich, so Kellenberger. Grundsätzlich sei es aber wichtig, die Prinzipien der humanitären Hilfe so konsequent wie möglich einzuhalten und immer wieder einzufordern. Damit könnten Hilfsorganisationen das eigene Profil schärfen und man sei dann in der Szene bekannt dafür, dass kein Verhandlungsspielraum vorhanden sei.

Kellenberger sieht jedoch die Gefahr, dass immer mehr Staaten die Hilfe in die eigenen Hände nehmen wollen. Als große Hoffnung sieht er die Sozialen Medien, über die sich schnell Informationen und kontroverse Meinungen verbreiteten.

In der Diskussion kam die Frage auf, ob Neutralität auch hieße, dass eine Organisation keine politische Anwaltsarbeit machen dürfe. Insbesondere wenn es in einem Land schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte gäbe, könne man doch nicht einfach zuschauen.

Mit Besorgnis wurde auch registriert, dass Militärs zunehmend humanitäre Aufgaben übernähmen. Allerdings sei das manchmal auch politisch gewünscht. Bei den Hilfsorganisationen wird diese Entwicklung jedoch mit größter Besorgnis beobachtet, da hierdurch eine Vermischung von militärischen und humanitären Aufgaben entstehe. Für die Bevölkerung eines Landes sei es dann schwierig, die Akteure zu unterscheiden und für die Mitarbeiter einer Organisation könne diese Entwicklung auch ein schwerwiegendes Sicherheitsrisiko bedeuten, da manche Regierungen oder Rebellenorganisationen Spionagetätigkeiten hinter der Arbeit der Organisationen vermuteten.

Johannes Luchner von ECHO (Hilfszweig der Europäischen Union) betonte, eine Vermischung von Militäreinsätzen mit humanitärer Hilfe sei äußerst problematisch und führe keineswegs zu mehr Stabilität. Ein Problem sah er auch darin, dass einige westliche Regierungen Hilfsorganisationen vorschrieben, wem sie Hilfe leisten dürften und wem nicht. Stellten sich diese Organisationen dann gegen die Vorgaben der Regierungen, sähen sie sich plötzlich vor Gericht wieder und würden so kriminalisiert. Auf der anderen Seite versuchten westliche Regierungen Strukturen von Hilfsorganisationen auszunutzen und Informationen für eigene Zwecke zu missbrauchen. Dies sei extrem gefährlich und würde in der Bevölkerung und auch der Regierung des Gastlandes Misstrauen gegenüber den Hilfsorganisationen säen und das Leben der Entwicklungshelfer gefährden.

Auch Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe, sieht die Vermengung zwischen militärischen Aktionen und humanitärer Hilfe als Problem an. Es sei nachvollziehbar, dass Soldaten über Hilfsmaßnahmen die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen versuchten, aber Militärs seien dafür da, zu kämpfen oder die Bevölkerung zu schützen und nicht dazu, Aufgaben von Hilfsorganisationen zu übernehmen. Auch seien die Ziele grundlegend verschieden.

Der Vertreter der Bundeswehr, Generalleutnant Rainer Glatz erläuterte, es sei ihm klar, dass es nicht Aufgabe des Militärs sei, humanitäre Aktionen durchzuführen, dennoch wünsche er sich zumindest, dass man miteinander rede und manchmal sei auch in Krisenregionen niemand da, um zu helfen und dann müsse das Militär eingreifen.

Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas international, ermutigte die Hilfsorganisationen, bereits zum Zeitpunkt der Nothilfe über nachhaltige und langfristige Maßnahmen nach zu denken. Es sei wichtig, dass Hilfsorganisationen ihre Maßnahmen und ihr Verhalten immer wieder koordinierten und sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen würden oder bei Maßnahmen unterböten.

Fazit: die Herausforderungen an die Arbeit der Hilfsorganisationen sind gerade in den letzten Jahren größer geworden. Durch humanitäre Hilfe können keine Kriege verhindert oder politische Versäumnisse nachgeholt werden. Doch Hilfsorganisationen können manchmal als Mittler zwischen Konfliktparteien auftreten und sie können Menschen in die Lage versetzen, sich selbst zu helfen. Mit dem „Humanitären Dilemma“ werden wir auch künftig leben müssen. Wichtig ist immer wieder, den Dialog mit den verschiedenen Akteuren eines Konflikts zu suchen.

1 Kommentar

  1. Risikat, 26. Mai 2012

    Gewisse Parlamentarier schlagen nun vor, als Zeichen die Schweizer Botschaft in Libyen zu scsshelien, da eh nicht mehr viele Schweizer dort arbeiten oder leben und der Statur eines Botschafters in Libyen der Schweiz kaum was bringt. Finde ich gut.

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