Wald bedeutet Leben


„Wald bedeutet Leben“, sagt Bauer Thomas Hera. Er lebt in der Region Humbo, ca. 6 Stunden Autofahrt südwestlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Vor sechs Jahren war Thomas noch anderer Meinung. Der nahe gelegene Wald wurde von ihm, seinen Nachbarn und den Generationen vor ihm bis auf den letzten Zweig abgeholzt. Sobald auch nur der kleinste Trieb aus dem Boden ragte, kam jemand, um es für Feuerholz abzuschneiden. Irgendwann war der ganze Berg kahl und nur noch mit rotem Sand, Geröll und Felsen bedeckt. Die wilden Tiere und Vögel waren in andere, fruchtbarere Regionen geflüchtet. Wenn es in Strömen regnete, rutschten der Sand, das Geröll und sogar große Felsen auf die Äcker, die unten am Berg lagen und zerstörten oft die Ernte. Regelmäßige Hungersnöte waren die Folge.

Ein von World Vision in den neunziger Jahren gestartetes Regionalentwicklungsprojekt erzielte zwar einige Verbesserungen durch Bewässerung und Landwirtschaftsschulungen. Jedoch verzweifelten die Mitarbeiter in Humbo zunehmend über die Rückschläge durch die ständig wiederkehrenden Hungersnöte und baten den Australier Tony Rinaudo, Agrar- und Wiederaufforstungs-Experte bei World Vision, um Hilfe.

Tony war in den 80er Jahren nach Niger geschickt worden, um dort Wiederaufforstung zu unterstützen. Damals litt das Land in West-Afrika unter zunehmender Wüstenbildung und Tony war zutiefst erschrocken, als er Niger näher erforschte. Jeder kleinste Lufthauch verursachte einen Sandsturm. „Oft sah man die Hand vor Augen nicht“, erläutert Tony. „Die Bauern waren verzweifelt, da auf ihren Äckern nichts mehr wuchs. Manchmal säten sie bis zu sechs Mal neue Samen aus, doch jedes Mal vertrocknete die Saat.“ Auch Tony wusste sich zunächst keinen Rat. Alles probierte er aus, tausende Bäume wurden neu angepflanzt, aber 80% von ihnen vertrockneten.

Panne im Wüstensand brachte neue Idee hervor

Als er eines Tages wieder mit seinem Auto unterwegs war, blieb er im Wüstensand stecken. Er wollte etwas Luft aus den Reifen lassen, um besser fahren zu können und bemerkte zufällig einige kleine Büsche in der Nähe. Er sah sich die Blätter näher an und verglich sie mit Blättern eines Baumes in der Nähe und registrierte, dass es sich bei dem Strauch ebenfalls um einen kleinen Baum handeln müsse. Als er den Strauch näher untersuchte, fand er heraus, dass sich unter der Erde ein weit verzweigtes Wurzelwerk befand, dass offenbar noch intakt war. Was wäre, wenn sich unter der Erde ein ganzer Wald befände, überlegte Tony. Die Idee einer natürlichen Regenerierung durch Schutz der von selbst wachsenden Bäume (farmer managed natural regeneration) war geboren. Bei den Bauern stieß er damit jedoch zunächst auf große Skepsis. Einige wenige konnte er überzeugen, versuchsweise auf ihren Äckern einige Bäume stehen zu lassen und ein Gebiet abzusperren, um dort gezielt Triebe wachsen zu lassen. Schon nach einem Jahr waren erste Erfolge sichtbar. Nach weiteren zwei bis drei Jahren waren durch gezielte Pflege und Beschneidung der Büsche kleine Bäume geworden. Die Ernteerträge wurden langsam besser. Die Bäume spendeten Schatten, die Blätter dienten als Dünger, Zweige konnten für Feuerholz geerntet oder auf dem Markt verkauft werden. Viele Gegenden in Niger erholten sich und trotz ständiger Dürreperioden konnten in Regionen, in denen FMNR betrieben wird, Ernteüberschüsse erzielt werden.

Misstrauische Bauern drohten Gewalt an

Mit diesem Wissen reiste Tony Rinaudo ins Humbo-Tal nach Süd-Äthiopien und unterrichtete zunächst die World Vision Mitarbeiter in der FMNR-Methode. Auch die Regionalregierung wurde involviert. Nach anfänglicher Skepsis war man bereit, einen Versuch zu unternehmen. Doch die größte Hürde musste noch genommen werden. Die Bauern, die in den Dürreregionen lebten, mussten überzeugt werden. Hailu Teferu, der damals das Regionalentwicklungsprojekt leitete, ging von Dorf zu Dorf und erklärte die Methode. Überall stieß er auf großes Misstrauen. „Die Bauern beschimpften mich und jagten mich aus dem Dorf“, erklärt Hailu. „Niemand glaubte mir. Viele Bauern dachten, man wolle ihnen ihr Land abnehmen und an internationale Investoren verkaufen.“ Hailu redete wieder und wieder mit Politikern, mit Ältesten und anderen einflussreichen Meinungsführern.

Tony Rinaudo und Hailu Tefera (2. v. rechts) sprechen mit Mitgliedern der Kooperative über die Renaturierung und die damit erzielten Erfolge.

Im Jahr 2007 sperrten die World Vision Mitarbeiter ein Gebiet ab und in einem „cash for work“ – Projekt bezahlte man Arbeiter, um die jungen Triebe, die immer wieder in dem Sperrgebiet den Boden durchbrachen, zu schützen, zu beschneiden und zu pflegen. Nach einem Jahr zeigten sich erste Erfolge. Die Bauern fragten bei World Vision nach, ob sie das Stroh ernten dürften, dass sich auf dem Boden befand. „Natürlich“, sagte Hailu, „es ist doch euer Land.“ Erfreut zogen die Familien über das Gebiet und sammelten das Stroh ein. Etwas später kamen sie erneut zu World Vision und fragten, ob sie einige Äste für Feuerholz sammeln dürften. „Natürlich“, meinte Heilu, „es ist euer Land.“

Langsam verstanden die Bauern. Die Überzeugungsarbeit dauerte fast zwei Jahre, doch sie hat sich gelohnt. Sieben Kooperativen kümmern sich heute um ein Gebiet, das etwa 866 Quadratkilometer umfasst und in dem fast 150.000 Menschen leben.

Bauer Thomas beschneidet die Bäume und entnimmt ihnen Nutzholz ohne sie zu zerstören.

Mehr als 90% des ehemaligen Waldgebietes wurde mit Hilfe der FMNR-Methode renaturiert. Neu Wälder sind entstanden. Die Wurzeln der Bäume halten die Erde und Felsen fest, wenn es regnet. Wilde Tiere und Vögel sind zurückgekehrt. Das Mikroklima hat sich geändert. Sieben Kooperativen kümmern sich um die Pflege und den Schutz der wiederbegrünten Regionen und Wälder. Es gibt feste Regeln, wer die neu gewachsenen Wälder betreten darf und es gibt Waldschützer, die darauf achten, dass niemand gegen die Regeln verstößt. Gegen eine Aufnahmegebühr von 1 US-Dollar kann jedes Gemeindemitglied einer Kooperative beitreten.

Thomas Hera - hier mit einem Teil seiner Familie zu sehen - kann dank der besseren Erträge alle seine Kinder zur Schule schicken. Foto: Silvia Holten

Nachdem die Erfolge sichtbar wurden, entschuldigten sich die Menschen bei Hailu. Bauer Thomas ist voll des Lobes. Ihm und seiner Frau und seinen acht Kindern geht es inzwischen viel besser. Er konnte ein neues, größeres Haus kaufen, sich Ochsen anschaffen und er kann alle seine Kinder zur Schule schicken. An der Schule lernen inzwischen auch die Kinder, wie wichtig der Wald für ihr Leben ist.

Emmissionshandel bringt zusätzliche Gewinne

Der neu entstandene Wald in Humbo wurde vor einigen Jahren vermessen und zertifiziert und über die Weltbank in den Emissionshandel eingebracht. Mehr als 80.000,- US-Dollar haben die Kooperativen inzwischen aus dem Handel bekommen und damit unter anderem eine Getreidemühle gebaut. Jeder Bauer der Gemeinde kann sein Korn zur Mühle bringen und gegen eine kleine Gebühr dort mahlen lassen.

Die Getreidemühle verdanken die Bauern dem Emissionshandel.

Das über diesen Weg eingenommene Geld wird für Investitionen oder Kleinkredite genutzt. Außerdem wird gerade ein Getreidespeicher gebaut und mit dem nächsten Geld, das in diesem Jahr überwiesen wird, soll ein Auto gekauft werden, damit die Märkte schneller für den Verkauf der überschüssigen Produkte erreicht werden können. Die Menschen in Humbo sind voller Zuversicht und Hoffnung. Es gibt viele Pläne für die Zukunft.

Die äthiopische Regierung und die Weltbank preisen das Humbo-Projekt inzwischen als Musterbeispiel für erfolgreiche Wiederbegrünung und unterstützen weitere Projekte in Äthiopien und anderen Ländern Afrikas. In sieben Ländern setzt World Vision diese Methode mit Hilfe der Bauern heute erfolgreich um.

Noch ist World Vision in Humbo vor Ort und die regionalen Mitarbeiter helfen den Bauern bei Fragen. Doch bald sind die Menschen auf sich selbst gestellt. Aber mit ihrem neuen Wissen sind sie dazu gut in der Lage. Tony Rinaudo und World Vision arbeiten unterdessen daran das Wissen über natürliche Widerbegrünung und ihre Verbindung mit nachhaltiger Landwirtschaft zu verbreiten. Dass der Ansatz natürlich jeweils auf die lokale Vegetation und die Möglichkeiten der Landnutzung abgestimmt werden muss, dass Bäume allein auch nicht die Lösung aller Hungerprobleme bringen, ist allen Beteiligten klar.

Mit eigenen Augen konnte ich mich vom Erfolg der FMNR-Methode überzeugen. Ich bin begeistert und fest überzeugt, dass sie zur Umkehrung negativer Trends beitragen kann. Allerdings brauchen wir Unterstützer auf allen Ebenen, andere Hilfsorganisationen, Politiker, Wissenschaftler und die Medien. Afrika soll grün werden! Jeder kann Mitglied dieser Erfolgsgeschichte werden.
Helfen Sie mit und unterstützen Sie uns!

 

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