Wenn ein “Piep” Leben rettet

Einfache Chipkarten verbessern die Verteilung von Geld und Hilfsgütern enorm

In Westafrika sind über 15 Millionen Menschen von einer Hungerkrise betroffen. Nach einer Dürre fehlen den Menschen Vorräte aber auch Geld für Nahrung und Saatgut. World vision hilft vor Ort und setzt dabei auch auf eine kleine Hightech-Lösung, wie Lauren Fisher erfuhr:

Der Ort ist staubig und heiß. Viele Meilen sind wir auf einem holprigen Feldweg gefahren, nur um hier her zu kommen. In dieses Dorf außerhalb von Maradi in Niger, mit einfachen Lehmhäusern, mit großen Familien und Herden von Ziegen und Hühnern. Als wir ankommen sehen wir lange Reihen von Frauen, ihre bunten Schals und Röcke fangen die Morgensonne ein, und die ihre Hände sind staubig von einem frühen Morgen auf dem Feld. Sie alle stehen hier an, mit leeren Bäuchen, mit der Hoffnung auf Hilfe, um ihre Familien zu ernähren, nachdem ihre Ernte ausgefallen ist. Die Schlange der auf Unterstützung Wartenden nennen wir in der Nothilfe „die letzte Meile“. Das ist der Endpunkt, die Front im Kampf gegen eine wachsende Nahrungsmittelkrise, von der Millionen Menschen in Westafrika betroffen sind.

Ein vertrauter Ton in fremder Umgebung

Alles ist anders hier als im vertrauten zu Hause – und doch: plötzlich ertönt ein Piepen, das wir nur allzu gut kennen. Der gleiche Signalton, den Sie an der Kasse in einem Lebensmittelgeschäft oder beim Ticketscanner am Flughafen hören würden.
Bei dieser Verteilung hier kommt eine mobile High-Tech-Lösung zum Einsatz. Eine Karte, so groß wie eine Scheckkarte. Und auch so ähnlich aufgebaut. Auf ihr werden die Daten all jener gespeichert, die zuvor an einem „cash for work“-Programm teilgenommen haben. An diesem Tag werden mehr als 200 Menschen Geld dafür bekommen, dass sie zuvor 12 Tage lang flache Gruben gegraben haben, um darin Wasser aufzufangen und den Boden zu verbessern. Unter den Teilnehmern an diesem Programm ist auch Zeinabou Salifou.

LMMS im Einsatz Zeinabou

Zeinabou Zalifou, Witwe und sechsfache Mutter freut sich über das neue system

“Nagode” ist das Wort in der Landessprache Hausa für “Dankeschön” oder wörtlich “Ich bin dankbar.”Als die 40-Jährige Zeinabou Salifou mit uns spricht, wiederholt sie dieses Wort mindestens 20 Mal. Doch wenn man ihre Geschichte hört, ist es schwer sich vorzustellen, wie sie überhaupt dankbar sein könnte. Zeinabou ist Witwe. Ohne Ehemann oder andere erwachsene Familienmitglieder, die ihr helfen könnten, ist jeder Tag angefüllt mit Knochenarbeit und anstrengenden Aufgaben: Feldarbeit, um aus dem kargen Boden noch etwas herauszuholen, Sammeln von Feuerholz, Fürsorge für ihre sechs Kinder. Eine unmögliche Situation schon unter normalen Umständen, aber in der letzten Pflanzsaison fiel dann auch noch der Regen aus. “Die Ernte war wirklich schlecht. Die Pflanzen waren kaum gewachsen, als der Regen dann ganz aufhörte”, sagte sie. Und so stand sie dann mit leeren Händen da und konnte ihre Familie nicht mehr ernähren.

Fehler werden mit der Karte ausgeschlossen

Wir sahen so viele andere wie sie in ihrem Dorf. Und sie alle sind hier zusammengekommen, zum „Piep“. Die Empfänger erhalten ihre spezielle Karte mit einem Barcode und ihrem Bild. Die World Vision Mitarbeiter scannen die Karte, und speichern so, dass die Dorfbewohner ihr Geld erhalten haben. Das Verfahren erspart es den Empfängern, Papiere mit sich zu tragen, es sorgt dafür, dass das Bargeld an die richtigen Leute geht, und es sendet einen Bericht zurück zum World Vision Hauptsitz innerhalb weniger Minuten. Auch bei der Verteilung von Lebensmitteln funktioniert das System genauso. Keiner kann sich zweimal anstellen, um doppelt zu kassieren.

Aber vielleicht am besten hilft das System Frauen wie Zeinabou. Denn alles geht schneller und sie müssen nicht stundenlang in der heißen Sonne auf ihr Geld warten, um damit Lebensmittel zu kaufen und ihre Kinder zu ernähren. Die mehr als 200 Menschen erhalten das Geld in weniger als 90 Minuten.

Ohne Geld nur Blätter zu essen

“Es ist sehr einfach und ich habe nicht lange zu warten, bevor ich mein Geld bekomme”, sagte Zeinabou. Die zerknitterten Scheine hält sie in den Händen und mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht erzählt Zeinabou, dass sie jetzt auf den Markt geht, um Sorghum kaufen. Sie wird genug kaufen können, um ihre Familie eine Woche lang täglich mit drei Mahlzeiten zu versorgen. Neun Mal schon hat sie am „cash for work“-Programm teilgenommen und jedes Mal sei es ein Segen für sie gewesen. “Ohne diese Arbeit wäre es schwierig für mich, Lebensmittel für meine Familie zu bekommen. Ich würde in den Busch gehen müssen, um Blätter und Wurzeln zu sammeln.“ Und wieder sagt Zeinabou: „Danke! “

Tags: Afrika, LMMS, Niger

1 Kommentar

  1. Janina Frank, 26. Juni 2017

    2011 war eine große Hungerkrise in Westafrika. Dieser Artikel beschreibt eindrücklich vom Schicksal einer Frau, das beispielhaft für den täglichen Kampf ums Überleben so vieler Menschen steht.
    Viele Nahrungsmittelhilfen stehen häufig in der Kritik nur kurzfristig Abhilfe zu schaffen, die Menschen aber nicht dabei unterstützen auch selbstständig zur Verbesserung der Lage beizutragen. Das Programm cash-for-work versucht dem entgegenzuwirken, indem die einheimische Bevölkerung in den Bau von Bewässerungsanlagen und zum Aufbau der Infrastruktur beitragen. Inwiefern diese Tätigkeit auch Aufklärungsarbeit mit sich bringt, damit die Menschen verstehen, wofür sie arbeiten und wie die daraus gewonnenen Ressourcen genutzt werden sollen, kann ich nicht beurteilen. Möglicherweise müsste der Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe hier noch deutlicher zum Tragen kommen. Dennoch sehe ich das Programm als guten Ansatz zur Förderung von Nachhaltigkeit. Die sich aus dem Programm ergebenen Schwierigkeiten mit der Auszahlung des Lohnes, wurden durch das Karten-System gut gelöst.
    Hunger ist das größte Gesundheitsrisiko weltweit. Auch heute, 5 Jahre nach Erscheinen des Artikels, herrscht in Westarfika eines Hungersnot. Diesmal haben politische Auseinandersetzungen maßgeblich dazu beigetragen und die Verbesserungen der Infrastruktur zerstört. Wieder ist Akuthilfe nötig. Und dennoch darf die Hilfe zur Selbsthilfe nicht vernachlässigt werden. So müssen Kleinbauern und gerade auch Frauen in der Landwirtschaft unterstützt werden um den Kampf gegen Hungersnöte voranzutreiben und dem Ziel der WFP „Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern” für 2030 näherzukommen. Es geht uns alle an. Zeinabou Zalifou und ihre Dankbarkeit sollte uns daran erinnern.

Schreiben Sie einen Kommentar


sieben − 3 =