Der Weg zum lachenden Baum

 

Armenienblog, Teil 2: Recycling-Workshop mit Sven Grieger

Rio ist weit weg und doch sehr nah während meiner Woche in Armenien. Während Diplomaten aus aller Welt dort mit Worten darum ringen, wie viel Zukunftsperspektive jedes Kind von heute, wie viel sozialen Frieden und wie viel intakte Umwelt zukünftige Generationen haben sollen, malt die 16jährige Arevik einen weinenden Fluss und einen unglücklich drein schauenden Baum. An den Wurzeln des Baumes hat sich haufenweise Abfall angesammelt. Ein Mädchen läuft auf den Baum zu und scheint zu erschrecken. Offenbar bemerkt es den Müll und kann die Traurigkeit des Baumes nachempfinden. Das ist ein guter Anfang, finde ich.

25 Teenager im Alter von 13 bis 17 Jahren haben in dem Ende März eröffneten Medienraum der Universität  Gavar in Gruppen ihre Köpfe zusammen gesteckt, um zu Papier zu bringen, was sie in ihrer Umwelt beobachtet haben. Sven Grieger aus dem hessischen Friedberg hat ihnen die Aufgabe gestellt.

Der Geschäftsführer von Ecology Net Europe ist im Rahmen des von World Vision und Panasonic umgesetzten Bildungsprojekts diese Woche Gastdozent an der armenischen Uni und will den Jugendlichen aus Vardenis und Gavar in zwei Workshops Grundwissen über Abfallmanagement und Recycling vermitteln. Normalerweise hören ihm Firmenmanager zu, die Elektronik-Müll nach deutschen, italienischen oder auch türkischen Gesetzesbestimmungen vom Verbraucher zum Recycler bringen wollen. Er ist gespannt, wie sein erster Einsatz in Armenien verlaufen wird.

Meine Sorge, dass die Jugendlichen in diesem Augenblick, nämlich zu Beginn ihrer Schulferien, wenig motiviert sein könnten, sich in einem Klassenraum mit Abfallproblemen zu beschäftigen, verflüchtigt sich schnell. Mag der eine oder die andere auch mal schnell auf dem schönen neuen Computer die letzten Facebook-Posts checken – das ist in Armenien genauso beliebt wie in Deutschland und auch die Uni hat ihre Fanpage – bei den Gruppenarbeiten wird vergnügt und zugleich ernsthaft an Bildern und Botschaften gefeilt.

Ein Junge spielt vor einem Geschäft in Gavar mit einer Plastiktüte.

Vielleicht trägt ja der Umstand dazu bei, dass die Jugendlichen bei diesem Projekt selbst ernst genommen werden und eine seltene Chance bekommen, wie richtige Studenten an der Uni zu lernen. Etliche von ihnen werden nach der Schule wohl relativ schnell Geld verdienen müssen, entweder mit Landwirtschaft, mit Handel oder mit Jobs im Ausland. Sie wissen auch, dass Professor Avagyan, der die Universität Gavar ab 1993 in einem verlassenen und teilweise ziemlich herunter gekommenen Fabrikgebäude aufbaute, allen Widrigkeiten zum Trotz große Hoffnungen in sie setzt. „Wenn Kinder und Jugendliche sich mit der Natur beschäftigen und eine Beziehung dazu entwickeln, wird sich die Mentalität der Armenien, wird sich auch unser Land verändern“, glaubt Martin Avagyan. Er hat den von World Vision mobilisierten Teenagern in den letzten Wochen einiges über die Zusammenhänge zwischen Natur und Landwirtschaft erzählt und mit ihnen auch Experimente vor Ort gemacht.

Schritt für Schritt arbeiten sich Arevik, Elena, Lilith, Van und der Rest der Gruppe von den vielen ungelösten Müll-Problemen zu Ideen vor, was man mit Müll machen könnte. „Nicht nur für die Umwelt machen wir das, sondern auch zum eigenen Nutzen, denn viele Abfälle sind eine wertvolle Ressource“, hat Gastdozent Sven Grieger gleich am Anfang betont. Anders als der armenische Professor nimmt er die Jugendlichen dann aber nicht auf die Reise vom Blatt durch den Regenwurm-Magen zur Komposterde, sondern in die High-Tech-Welt. Staunend erleben sie per Video mit, wie aus Plastikflaschen Anzüge,  aus Flugzeugteilen schicke Sessel und aus Weinkorken Fußboden- oder Wandbeläge werden.

Vorher müssen die Abfälle natürlich gesammelt und sortiert werden. „Wie könnte das bei euch funktionieren?“ will Sven Grieger von den Jugendlichen wissen. Wieder greift Arevik mit ihrer Gruppe zum Stift und malt einen Baum. Diesmal ist er mit seinen Wurzeln, dem Stamm, Blättern und Früchten ein Symbol dafür, dass alle die Folgen ihres Tuns erkennen und zusammen arbeiten müssen. Er bezeichnet den Weg zu einem anderen, noch kleinen Baum, der lacht und seine Äste fröhlich in alle Richtungen streckt.

Die 15jährige Mariam hat sich mit ihrer Gruppe auch über Schwierigkeiten Gedanken gemacht: „Armenien ist ein Entwicklungsland und die Armut hindert uns daran, Maschinen wie in Deutschland zu haben“, sagt sie. „Wir Kinder können Vorbilder für andere sein, aber wir haben wenig Macht. Deshalb brauchen wir Unterstützung.“

Lilith (16) schlägt Arbeitsteilung in einem Netzwerk vor, das wie ein Spinnennetz gezeichnet ist und skizziert auf einem zweiten Plakat ganz konkret die Plätze in Vardenis, an denen Abfälle getrennt gesammelt werden müssten. „Wir gehen zuerst auf andere Schüler zu und versuchen sie davon zu überzeugen, ihre Umwelt sauber zu halten; dann machen wir zusammen Aktionen in der Stadt und informieren die Medien“, schlägt eine weitere Teilnehmerin vor.

Sven Grieger ist beeindruckt davon „wie aufmerksam die Jugendlichen ihre Umwelt wahrnehmen“ und freut sich, dass sie so kreativ und systematisch mit den gestellten Aufgaben umgegangen herangegangen sind. Während er die nächste Gruppe unterrichtet, kann ich die guten Vorsätze der Jugendlichen ja mal einem kleinen Realitätstest unterziehen. Das nehme ich mir für den vorletzten Tag der Reise vor.

 Weitere Berichte und Informationen zu diesem Projekt:

Alarm: Die Kuh frisst Müll
Zentrum für Umweltbildung in Armenien eröffnet
Von Mitarbeitern, Patenkindern und ganz persönlichen Momenten

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