“In den letzten Jahren hat sich unsere Arbeit sehr verändert”

 

Katastrophenhelfer: Profis mit Leidenschaft

Katastrophenhelfer: Profis mit Leidenschaft

Ihre Arbeit ist gefährlich, anstrengend und reich wird man auch nicht. Trotzdem lieben Corinna Blume und Anna Fenten ihren Job: Katastrophenhelfer bei World Vision. Zum Welttag der Humanitären Hilfe (19.08.2012) stellen wir ihnen Fragen zu ihrer Arbeit:

Immer schneller, immer effektiver soll die Hilfe im Katastrophenfall vor Ort umgesetzt werden. Das zeigen die Reaktionen auf die vermeintlich schleppende Hilfe nach dem Erdbeben auf Haiti. Wie reagiert World Vision auf diese gestiegenen Ansprüche?

Corinna: Wir versuchen beides unter einen Hut zu bringen: schnell und effektiv zu arbeiten. Die Schwierigkeit dabei ist, bestimmte Grundlagen zu beachten. Es ist extrem wichtig die Menschen zu fragen, was sie brauchen und sich mit Anderen abzusprechen, was dennoch auch Zeit kostet. Wir versuchen daher erst einmal sofort im Umfeld zu helfen, wie in Haiti zum Beispiel mit Verteilung von Wasser und Lebensmitteln, die jeder benötigte. Gleichzeitig jedoch ist es wichtig, die Menschen nach ihren wirklichen Bedürfnissen zu befragen und Absprachen mit lokalen Partnern, Regierung und Hilfsorganisationen zu treffen um alle effektiv erreichen zu können.

Gibt es dafür Regelwerke?

Anna: Ja! Es gibt internationale Standards bei World Vision wie geholfen werden kann, zum Beispiel in den ersten 90 Tagen nach einer Katastrophe, die die entscheidenden sind. Darüber hinaus gibt es Standards im Bereich Gesundheit, Wasserversorgung, Unterbringung, die von mehreren großen Organisationen und von Wissenschaftlern erarbeitet worden sind, an die hält sich auch World Vision.

Was für Helfer werden denn überhaupt in solchen Katstrophenfällen gebraucht – und wo kriegt man die dann so schnell her?

Anna: In erster Linie ist das jeweilige Landesbüro von World Vision zuständig. Wir sind ja fast weltweit vertreten. Wenn das Ausmaß zu groß ist, kommt das GRRT, das Globale Rettungsteam zum Einsatz. Innerhalb von 24 Stunden kommen da Fachleute aus den verschiedensten Bereichen zum Einsatzort.

Was wird gebraucht? Anna Fenten (links) im Einsatz

Was wird gebraucht? Anna Fenten (links) im Einsatz

Oft lautete in der Vergangenheit der Vorwurf, dass die NGOs jede für sich herum werkeln würde, die Hilfe sei nicht organisiert und deshalb auch nicht effektiv. Sind die NGOs mittlerweile besser vernetzt?

Corinna: Das hat sich Lauf der vergangenen Jahre sehr verändert und verbessert. Wir arbeiten mit anderen Organisationen in „Clustern“ zusammen, wo die jeweiligen Aufgabengebiete abgesprochen und verteilt werden. Es gibt kleinere Organisationen, meist Privatinitiativen, die sich aus verschiedensten Gründen an diese Regeln nicht halten und sich nicht beteiligen. Die großen jedoch arbeiten nur noch nach diesem Prinzip.

Ob nach einer Katastrophe Hilfe in dem betroffenen Land geleistet werden kann ist manchmal auch eine politische Frage. Gelegentlich weigern sich Regierungen, ausländische Helfer ins Land zu lassen. Besteht für NGOs die Gefahr, sich politisch instrumentalisieren zu lassen?

Corinna: Das ist eine viel diskutierte Frage. Wir wollen immer unabhängig bleiben. Jedem helfen, unabhängig von Religion, Herkunft, Hautfarbe oder was auch immer. Natürlich gibt es manchmal Bestrebungen, zum Beispiel von Regierungsmitarbeitern, dass man in ihrem Dorf zuerst hilft. Wir wirken dem entgegen, indem wir mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Zusammen besprechen, wo und wie geholfen wird. Da fällt dann auch auf, wenn etwas nicht so läuft wie vorher geplant.

Seit einigen Jahren wird die strikte Trennung zwischen militärischem Einsatz und ziviler Hilfe immer mehr aufgeweicht. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Anna: Unser Mandat ist es, unparteiisch zu sein. Wenn wir dann in diesem Spannungsfeld zwischen militärischen und zivilen Einsätzen arbeiten, dann ist das eine besondere Herausforderung. Wir stehen ja auf keiner Seite, nur auf der Seite der Opfer.

Corinna: Ein Beispiel: Wenn wir bei der Verteilung von Hilfsgütern den Schutz von UN-Blauhelm-Truppen in Anspruch nehmen, dann schützt das zum einen uns und die Empfänger vor gewalttätigen Übergriffen. Zum anderen aber, arbeiten wir in den Augen von einigen dann für die Vereinten Nationen, was das das Bild von der strikten Neutralität der Hilfsorganisationen aufweicht.

Packt gern mit an: Corinna Blume

Packt gern mit an: Corinna Blume

Der Job ist gefährlich, reich wird man nicht: Warum machen Sie das eigentlich?

Anna: Ganz klassisch: aus Überzeugung. Wenn man einmal in einem Krisengebiet war und sieht, wie die Leute leben, wie einfach man ihnen aber auch helfen kann, dann will man das auch tun. Ich hab früher eher im strategisch-theoretischen Bereich gearbeitet. Aber das ist mir nicht nah genug am Menschen.

Corinna. Das Schöne an unserem Job ist ja, dass wir die Möglichkeit haben Menschen in Not zu helfen. Man sieht ganz direkt wie sich die Situation durch die geleistete Hilfe verändert. Wichtig ist jedoch, dass man dann auch professionell hilft, also keine Konservendosen und Kochtöpfe verteilt, wo es keine Küchen, Messer oder Dosenöffner, kein Feuerholz und Streichhölzer gibt.

Würden sie bitte ein besonders eindrückliches, bewegendes Erlebnis aus Ihrer Arbeit schildern?

Anna: Da gibt es ganz viele! Besonders beeindruckt hat mich die Arbeit mit traumatisierten Kindern. Im Rahmen des „Rebound“-Projektes im Kongo, mit jungen Mädchen, die im Krieg viel mitgemacht hatten, die in Bordellen „gearbeitet“ haben, die täglich vergewaltigt wurden, deren Seelen total zerstört waren. Das hat mich sehr stark geprägt. Wenn man da um Hilfe gebeten wird, kann man nicht Nein sagen.

Corinna: Bei mir etwas eher Erfreuliches: Als ich in Angola im Krankenhaus gearbeitet habe, habe ich mal mitgeholfen, Zwillinge auf die Welt zu bringen. Und die hießen dann Corinno und Corinna! Eben in der Tradition, einem Kind den Vornamen desjenigen zu geben, der bei der Geburt mitgeholfen hat. Da wurde dann eben der Jungenvorname Corinno erfunden. Und weil ich das noch öfter gemacht habe, gab es in der Region nachher ganz viele Corinnos und Corinnas. Sehr fasziniert hat mich auch die Arbeit in Simbabwe, als dort die Hyperinflation herrschte. Da habe ich ein Krankenhaus gesehen, wo wirklich nichts mehr da war. Keine Medikamente, Instrumente, Verband oder ähnliches. Und trotzdem haben die Nonnen dort – auch ohne Gehalt – immer weiter gearbeitet. Ehrenamtlich. Denen haben wir eine LKW-Ladung Medikamente gebracht – der Jubel war groß!

Corinna Blume (36) ist Krankenschwester und Rettungsassistentin und hat Public Health studiert.

Anna Fenten (30) ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktlösung.

 

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