Wertvoller als Gold

 

Gold könnte ihn vielleicht reich machen, aber Teenager Jestoni hat für sich erkannt, dass seine Chance in guter Bildung liegt.

 

Nicht alle Kinder finden es doof, wenn die Sommerferien zu Ende gehen und die Schule wieder anfängt. Wenn allerdings ein Teenager sagt „Bildung ist wertvoller als Gold!“, muss eine besondere Geschichte dahinter stecken. Jestonis Geschichte ist eine solch besondere Geschichte

Ich kann mich nicht daran erinnern, als Kind jemals am Ende der Sommerferien „endlich wieder Schule!“ gedacht zu haben. Seit ich bei World Vision arbeite, habe ich aber viele Kinder in Entwicklungsländern kennen gelernt, die sich trotz überfüllter Klassenräume und fehlender Bücher auf die Schule freuten. Am stärksten hatte ich diesen Eindruck 2005 in einer Zeltschule in Afghanistan.

Mädchen in einer Zeltschule in Afghanistan. Viele nehmen weite Wege in Kauf, um lernen zu können.

In Afrika beeindruckten mich Mädchen, die gegen Tradition, Vourteile und alle möglichen Widerstände um ihr Recht auf Bildung kämpften. Leider treibt die Armut und fehlende Wirtschaftsentwicklung in vielen Ländern aber auch Millionen Kinder und Jugendliche dazu, ihr Glück woanders zu suchen.

 Mit der ganzen Familie in der Goldmine

 

Patenkind Jestoni wusste mit 14 genauer als die meisten Kinder auf dieser Welt wie wertvoll Gold ist. Er arbeitete zwei Jahre als Goldsucher. In der Provinz Agusan del Sur auf der philippinischen Insel Mindanao gibt es viele kleine Goldminen, in denen auch Kinder arbeiten. Sie kriechen in die handgegrabenen und meist ungesicherten Schächte, schlagen Felsstücke ab, tragen schwere Säcke mit Felsbrocken zur Steinmühle oder schaufeln Schlamm und Lehm in eine große Auffangwanne, um darin nach winzigen Brocken Gold zu suchen. Dies zu fotografieren ist übrigens nicht einfach, denn die Auftraggeber und auch die Minenarbeiter lassen Fremde ungern auf das Gelände.

Als Goldsucher musste Jestoni wie seine älteren Geschwister jeden Tag neben der Arbeit in Tunneln und Schächten viele Stunden Säcke mit Steinen über wackelige Brücken schleppen. Foto: Crislyn Joy A. Felisilda

Jestonis Vater und seine älteren Brüder brachten ihm bei was er zu tun hatte. Zunächst arbeitete er nachts und ging tagsüber in die Schule. Mit der Zeit wurde ihm dies aber zu anstrengend, und so ging er immer seltener in die Schule. „Ich war zu müde und zu schwach um lernen zu können“, erinnert er sich. Im zweiten Jahr der High School brach Jestoni die Schule dann ganz ab – zumal seine Eltern ihn dringend als Mitverdiener brauchten.

Schule zu teuer für Bauern-Familien


„In den Minen verdient man leichter Geld als auf den Feldern“, erklärt Caesar, der inzwischen 52 Jahre alte Vater von Jestoni. Die Ernte auf seinen Feldern sei immer wieder durch Stürme und Überschwemmungen vernichtet worden. Das geringe Einkommen reichte auch bei normalen Ernten gerade fürs Essen, nicht für die Ausbildung aller Kinder.

Fast verschüttet

Jestonis Mutter Mary verdrängte die Sorge, dass ihren Kindern in der Miene etwas zustoßen könnte. Sie wusste wohl: Die Kinder können durch Erdrutsche verschüttet, durch herabfallende Felsbrocken erschlagen und durch den Gebrauch des Quecksilbers bei der Goldgewinnung vergiftet werden. „Ich wünschte mir für sie natürlich Sicherheit und ein besseres Leben, aber wir mussten einfach unser tägliches Auskommen finden“, bedauert Mary. Beide Eltern haben selbst die Schule nur bis zur 4. Klasse besucht.

Jestonis Familie lebt hauptschließlich von der Goldsuche.

Während einer Arbeitsschicht in einem Tunnel wäre Jestoni fast verschüttet worden. „Es gab plötzlich einen Erdrutsch; alles war dunkel um mich, aber ich rannte so schnell ich konnte nach draußen.” Der gerade noch abgewendete Unfall war ein Schlüsselerlebnis für den Jungen. Er erinntert sich: „Ich fühlte mich elend und merkte plötzlich, dass mir die Arbeit in der Goldmine überhaupt nicht gefällt. Ich wollte einfach zurück in die Schule.”

Überzeugungsarbeit und Patenschaft brachte Erfolg

Dank des Patenschaftsprogramms hatte World Vision Kontakt zu der Familie. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Regionalentwicklungsprojekts kannten das Problem und besuchten die Kinder in den Goldminen. Sie sprachen auch mit den Eltern über mögliche Lösungen und versuchten ihnen klar zu machen, wie wichtig eine abgeschlossene Schulausbildung für ihre Kinder ist. „Wir schafften es schließlich die Eltern zu überzeugen und die Kinder in nahegelegenen Schulen unterzubringen“, erzählt Projektmitarbeiter Salindato.

 

In solchen selbst angelegten Goldinen arbeiten Bewohner der Provinz Agusan del Sur. Die Provinz auf der Insel Mindanao gilt als wichtigstes Abbaugebiet der Philippinen. Foto: Crislyn Joy A. Felisilda

Seit er 16 ist, geht Jestino nun wieder zur Schule und in den letzten zwei Jahren ist viel geschehen. Jestoni beteiligt sich an vielen Aktivitäten des Projekts. Er engagiert sich beispielsweise in Jugendcamps und bei Kinderrechte-Kongressen, hilft auch anderen Kindern bei Schulproblemen. Im kommenden Jahr will er seinen High-School-Abschluss machen. „Durch World Vision habe ich eine neue Chance bekommen zu lernen, Freunde zu finden und Zeit für mich zu haben“, fasst er die Wende zusammen. „Nichts kann diese Möglichkeiten ersetzen – auch nicht etwas so Wertvolles wie Gold.“

In der High school fühlt sich Patenkind Jestoni wohl und engagiert sich auch für andere Kinder. Foto: Crislyn Joy A. Felisilda

Viele Kinder warten noch auf ähnliche Chancen – allein auf den Philippinen arbeiten nach einer Studie von 2011 rund 5,5 Millionen Kinder im Alter zwischen 5 und 17 Jahren, davon 3 Millionen Kinder in gefährlichen Jobs.

4 Kommentare

  1. christel erben, 17. August 2012

    Vielen Dank für den sehr positiven und ermutigenden Bericht über Jestino,
    arbeiten wir weiter an einer Welt, die für alle funktioniert.
    Danke,
    Christel Erben

  2. Iris Manner, 23. August 2012

    Danke für Ihre Unterstützung, liebe Frau Erben.
    Am 1. September ist ja Antikriegstag und da werden wir uns auch im Namen vieler betroffener Kinder zu Wort melden.
    Mit den besten Grüßen,
    Iris Manner

  3. Alois Brinkmann, 2. September 2012

    Im Januar war ich in Zamboanga / Mindanao. Ich habe dort die Schule Tugbungan besucht. Meine Erfahrungen habe ich in meinem eBook veröffentlicht.
    http://aloisbrinkmann.pressbooks.com/front-matter/introduction/

    schöne Grüße aus dem Emsland

  4. Lillie, 25. Juni 2013

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