„Einer der schönsten Tage in unserem Leben“ – Zu Besuch beim Patenkind in Indien

Jürgen Reinhard und seine Frau berichten von Ihrer Patenreise aus Indien. World Vision sagt “Danke” für den schönen Reisebericht!

Vorab: es war einer der schönsten Tage in unserem Leben! Ich kann jedem nur, der den Mut und die Möglichkeit dazu hat, anraten, ein Hilfsprojekt zu besuchen und die Arbeit vor Ort zu erleben.

Wir hatten beschlossen, das World Vision-Team vor Ort schon am Tag vor dem Besuch von Ratnadip mit Familie zu treffen. Eine gute Entscheidung, da wir so ohne Zeitdruck den großen Tag vorbereiten konnten. Alle Mitarbeiter vor Ort waren ausgesprochen höflich, nett und sehr hilfsbereit. Da wir Indien schon zuvor bereist hatten, waren wir auch andere Gepflogenheiten gewohnt und dementsprechend positiv überrascht.

 

Der große Moment – das erste Treffen mit dem Patenkind

Am 29. Februar holte uns John, ein indischer World Vision-Mitarbeiter, ab und brachte uns nach Omerga. In dem dortigen Büro von World Vision sollten wir Ratnadip und seine Familie kennen lernen. Schon die Fahrt über die Landstraßen Indiens in den frühen Morgenstunden war ein Erlebnis. Hier auch nochmals vielen Dank an unseren Fahrer, der den nicht ungefährlichen indischen Verkehr voll im Griff hatte!

Im Büro selbst war schon der Raum der Begegnung hergerichtet: ein großer Tisch, an dem später alle Platz finden sollten und entsprechend viele Stühle. Erst nach unserer Ankunft wurde Ratnadip und seine Familie abgeholt, wir warteten währenddessen und fühlten uns sehr nervös.

Dann kam der große Moment – das Gegenübertreten! Ich kann nicht sagen wer aufgeregter war, wir oder Ratnadip und seine Familie. Für mich war das ein sehr emotionaler Moment. Wir wurden herzlich mit Blumen begrüßt. Vater und Mutter begrüßten uns zuerst, dann folgten Ratnadip und sein vier Brüder. Ich glaube, meine Größe hat die Familie zum Anfang nochmals zusätzlich eingeschüchtert, aber das legte sich bald.

Das tatsächliche Treffen mit dem Patenkind: Ein bewegender Moment für die Paten wie die Patenfamilie gleichermaßen. Schön, wenn hieraus bleibende Erinnerungen entstehen!

Dank der World Vision-Mitarbeiter John und Edward, die uns geholfen haben, das Gespräch zu starten, hat sich die Situation sehr schnell normalisiert. Wir haben voneinander erfahren, was uns interessierte. Aus erster Hand zu erfahren, wie der indische Alltag auf dem Land aussieht, ist doch ganz anders als Reportagen darüber zu sehen! Um 4.30 Uhr aufstehen um das Essen für den Tag vorzubereiten, dann den ganzen Tag auf den Markt um Obst zu verkaufen (Vater) oder aufs Feld zu gehen (Mutter) um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Auf den Straßen Indiens kann man mitunter viele Wagen sehen, die bis oben hin beladen sind mit wichtigen Materialien und Waren – zur Feldarbeit oder eben zum Verkauf.

Wenn dann alles gut gelaufen ist, erlaubt man sich abends ab und zu ein halbe Stunde Fernsehen. Ganz anders, als das Leben, das wir gewohnt sind!

Wie erklärt man, was Schnee ist?

Umgekehrt war das Staunen über die verschiedenen Jahreszeiten in Deutschland groß. Wir hatten einen Kalender mitgebracht, der unsere Natur zu den unterschiedlichen Zeiten zeigt. Das Highlight dabei war natürlich der Schnee! Das ist gar nicht einfach zu erklären in einer Region, in der so etwas wie eine Heizung unvorstellbar ist.

Natürlich war bei Ratnatip die Schule ein großes Thema. So wie ich es empfunden habe,  ist er sehr ehrgeizig und versucht seinen jüngeren Brüdern ein gutes Beispiel zu sein. Wir haben aber auch erfahren, dass für das Spielen genug Zeit bleibt und er Kind sein darf.

Glückliche Augen gab es natürlich beim Überreichen der Geschenke. Die Fotos sprechen für sich! Als es dann nach gut 2 Stunden ein gemeinsames Essen gab, haben wir uns alle gefragt, wie die Zeit so schnell vergehen konnte!

Nur einmal kam die Kommunikation noch ins Stocken. Nach dem Essen wurde natürlich aufgeräumt und so passierte es, dass wir mit der Familie alleine im Raum waren und uns mit Händen und Füßen zu verständigen mussten. Wir haben diese Zeit dazu genutzt noch ein paar Fotos zu machen.  Das funktionierte wunderbar, denn die anfängliche Scheu war längst überwunden!

Der Besuch bei der Patenamilie ist nicht selten auch ein Blick hinter die “Kulissen” – vielfach lässt sich dadurch auch ein gutes Verständnis für die jeweilige Kultur sowie die Lebenssituation des Patenkindes entwickeln.

Herzlicher Empfang in der Grundschule

Danach gingen wir vorerst getrennte Wege. Um einen besseren Einblick in World Visions Arbeit vor Ort erhalten, wurden wir zu einer Grundschule gebracht. Die Kinder und Lehrkräfte erwarteten uns bereits; wieder wurden wir mit Blumen empfangen.

Im Klassenraum selbst waren Stühle für uns bereit gestellt und es wurde uns zu Ehren eine Zeremonie gestartet. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde der hinduistische Gott der Bildung geehrt.

Dann wurde uns für unseren Einsatz gedankt, es gab Blumenkränze, Farbe auf die Stirn und Schultertücher als Ehrerbietung. Wir haben uns wie Staatsgäste gefühlt! Es folgte ein buntes Programm mit Tanz, Gedichten und der Vorstellung des Kinderparlaments.

Ein – zumindest für Deutsche – nicht alltägliches Bild, sind sicherlich die vielseitigen Musik- und Tanzdarbietungen, die man oft in solchen Ländern “spontan” entdecken kann.

Diese spielerische Form der Auseinandersetzung mit Rechten und Pflichten, in den insbesondere die Mädchen vermittelt bekommen, was ihnen zusteht, hat uns sehr beeindruckt. Leider ist das Bild der “Pativrata” (die der idealen Frau, die sich vollkommen dem Mann ergibt), immer noch weit verbreitet, was genau diese Arbeit umso wichtiger macht.

Besuch beim Patenkind daheim

Schließlich stand noch der Besuch von Ratnadip und seiner Familie im eigenen Heim an. Auch dort waren Stühle und ein Tisch für uns aufgebaut und es gab Obst vom Stand von Ratnadips Vater. Obst gab es schon zuvor im Büro von World Vison. Dort hatten wir aber nichts davon genommen – es gab ja ohnehin schon so viel zu essen!

Umso stolzer war dann Ratnadips Vater, dass wir von seinem Obst gekostet haben. Es gab Bananen, Äpfel und Traube. Meiner Frau Daniela wurde von der Familie noch ein Sari geschenkt, der gleich angezogen werden musste. Mir wickelte der Vater einen Turban um den Kopf.

Eigentlich wollten wir das nicht, schließlich waren wir ja diejenigen die Geschenke mitgebracht haben. Aber es war Ratnadips Familie sehr wichtig uns auf diese Weise ihre Dankbarkeit zu zeigen. Problematisch wurde es nur, meine Frau mit Handreifen zu beschenken. Für ihre eigentlich recht zierlichen Handgelenke waren die Ringe zu klein! Ratnadips Großmutter, die mit der Familie lebt, hat bestimmt zehn verschieden Ringsorten holen müssen, bis eine passende gefunden wurde.

Mit lachenden Gesichtern auf allen Seiten haben wir uns schließlich von Ratnadip und seiner Familie verabschiedet.

 

8 Kommentare

  1. Sven Beier, 18. September 2012

    Das Patenkind zu besuchen ist eine seur schöne Erfahrung.Ich habe mein Patenkind zweimak besucht,einfach toll.

  2. Alois Brinkmann, 18. September 2012

    Bestimmt intressant mal in eine andere Welt einzutauchen.
    schöne Grüße aus dem Emsland

  3. Jürgen Reinhart, 19. September 2012

    Wir würden es auch immer wieder tun!

  4. Miriam Schuller, 20. September 2012

    Liebe Leser, vielen Dank für die große Beteiligung. Übrigens: Weitere Besuchsberichte von Paten finden Sie auch auf unserer Website: http://www.worldvision.de/kinderpatenschaft-paten-besuchen-ihre-patenkinder.php!

    Viel Spaß beim Lesen,
    wünscht Ihr World Vision-Blog-Team

  5. Günther Müller, 27. September 2012

    EIn sehr schöner Besuchsbericht!
    Wir würden unser indisches Patenkind auch sehr gerne besuchen. Leider fehlt uns die Zeit und auch das nötige Kleingeld ;-))

  6. Andreas Noak, 14. März 2013

    Ich möchte auf die Besuche auch nicht mehr verzichten. Ich habe 3 “aktuelle” und 1 ehemaliges Patenkind und war grade im Januar/ Februar zum 4. Besuch dort.
    Lieber Herr Müller: die Kosten kann man ganz gut in Grenzen halten, wenn man rechtzeitig bucht. Neben dem Flug, Visa und vielleicht Impfungen fallen keine riesigen kosten mehr an und es kann preiswerter als Spanien werden. Da ich nun schon mehrfach in Indien war: Gern gebe ich Ihnen Tipps. Schreiben Sie mich einfach mal an.

  7. Alois Brinkmann, 15. März 2013

    Gerne würde ich auch hier mal eine Schule besuchen. Im Januar 2012 war ich im Süden der Philippinen in Zamboanga. Die Elementary Schule Tugbungan hat heute 5000 Schüler. Zuvor wurde ein Internetblog eingerichtet wo Schüler zusammenarbeiten. Mein Erfahrungsbericht: http://aloisbrinkmann.pressbooks.com/front-matter/introduction/

  8. Inge Teetz, 19. September 2017

    Der Besuchsbericht hat mir sehr gut gefallen! Ich würde mein Patenkind in Indien auch sehr gern besuchen, habe aber Angst ganz allein dort Hinzureisen. Mein Schulenglisch ist auch nicht gerade so toll.

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