Kaukasus: Friedliche Zusammenarbeit gegen gemeinsamen Feind

Der Kaukasus ist eher bekannt für Konflikte als für grenzüberschreitende Kooperation. Manchmal wird die Politik jedoch durch Realitäten überholt. Und diesen Realitäten stellen wir uns – in diesem Fall mit einem ungewöhnlichen Vier-Länder-Projekt, das durch die Europäische Kommission gefördert wird.

Von Katerina Zezulkova

Nennen wir ihn Dato. Er ist 35 und damit eigentlich im besten Alter für Karriere und Familie. Dato verließ Georgien als Jugendlicher, um irgendwo sein Glück zu machen. Er folgte einfach anderen jungen Männern, die auch in den Nachbarländern Arbeit suchte, und landete in der Ukraine. Weit weg von der Heimat genoss er seine Freiheit, ohne die Risiken zu beachten. Er infizierte sich mit der Immunschwäche HIV und bekam einige Zeit später eine Infektion, die ihn halb blind machte.

Als sich seine Lage immer weiter verschlechterte, suchte Dato endlich Hilfe. Das georgische Konsulat unterstützte schließlich seine Rückkehr und Operationen an seinem Auge, die den Rest seines Sehvermögens retten sollten. Da er so lange weg von zuhause gewesen war, hatte er nun niemanden, der ihn nach den Operationen unterstützte. Die Ärzte sprachen sich in seinem Stadium der Krankheit gegen eine antiretrovirale Therapie aus, und so hatte er kein Anrecht darauf, in einem der staatlich geförderten Aidszentren zu leben. Um in einem Heim für Obachlose wohnen zu können, müsste er Regeln brechen und die Unwahrheit sagen, sich nämlich als HIV-frei deklarieren.

Datos Geschichte ist ein Beispiel für die wachsenden Probleme durch Arbeitsmigration und HIV-Infektionen. Wer mit auf Migranten spezialisierte NGO‘s und den Mitarbeitern der Aidszentren spricht, erkennt schnell, dass es viele junge Menschen – vor allem junge Männer – im Südkaukasus gibt, die mit mehr als nur Geld in der Tasche von ihrer Wanderschaft zurückkehren. Zwar sind in den drei Ländern offiziell jeweils nur einige tausend infizierte Menschen bekannt, aber das Risiko der Ausbreitung wächst.

Frauen in Gefahr

Am höchsten sind die Infektionsraten unter Drogen-Nutzern, aber das Virus breitet sich zunehmend auch durch ungeschützten Verkehr zwischen Männern und Frauen aus. In der patriarchal geprägten Kultur der Kaukasus-Länder wird außerehelicher Verkehr bei Männern erwartet und toleriert, besonders in Fällen, wo die Männer als Ernährer weit von zuhause weg arbeiten.

Viele Männer nehmen im Ausland Saisonjobs an und kehren nach der Saison zurück. Nicht selten müssen sie im Ausland mit harten Arbeitsbedingungen und zusätzlichem Stress durch illegalen Aufenthalt klarkommen. Ihre Frauen zuhause infizieren sich, weil viele Männer nicht gerne Kondome verwenden und die Frauen nicht genügend Einfluss haben mit ihnen darüber zu verhandeln.

Offen reden und zwar jetzt!

Um über HIV/Aids zu sprechen, muss man logischerweise offen über Sex sprechen – heterosexuellen, homosexuellen und kommerziellen Sex. Das mag ein Grund dafür sein, warum viele Menschen nicht wissen, wie sie sich schützen können. Diese Themen sind eher tabuisiert und werden kaum in der Öffentlichkeit diskutiert. Allmählich verändert sich dies allerdings, weil sich mehr zivile Organisationen engagieren und Politikern bewusst wird, dass sie zeitnah handeln müssen.

Straßenaktion aktiver Jugendlicher zum Weltaidstag

Die World Vision-Büros in Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Russland haben sich zusammen getan, um gemeinsam mit lokalen Partnern Aufklärung und Prävention zu fördern. Die Europäische Union finanziert diese Arbeit über zwei Jahre.

Das grenzüberschreitende Projekt arbeitet auf drei verschiedenen Ebenen. Auf Städte- und Gemeindeebene werden Gesundheitsberater, Lehrer, Jugendhelfer und Sozialarbeiter dabei unterstützt, effektiv und korrekt über HIV zu informieren. Auf nationaler Ebene thematisiert es Zusammenhänge zwischen Migration und HIV bei politischen Entscheidern. Auf internationaler Ebene sollen die Mitwirkenden in freundlicher, unpolitischer Atmosphäre Erfahrungen und gute Praktiken austauschen können. Damit bereits infizierten Männern wie Dato geholfen und anderen jungen Menschen die Krankheit erspart werden kann.

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