Öffnen sich Türen für Kinder aus Syrien?

Mit etwas Unterstützung könnte Nagham (vorne links im Bild) aus Syrien bald zur Schule gehen. Die achtjährige floh ohne Eltern in den Libanon und hofft, dass wenigstens die Mutter bald nachkommen kann. Die Aktivitäten im Kinderzentrum von World Vision gefallen und helfen ihr.

 

Ich besuche unser Kinderzentrum im Bekaa-Tal an einem Nachmittag. In einer Pause zwischen Spiel und Sport sitzen alle Kinder ihrer Gruppe an einem Tisch, essen Kuchen und trinken Saft. Die achtjährige Nagham aber rührt ihren Kuchen nicht an. Sie wartet und hofft wahrscheinlich, dass niemand sie nach dem Grund fragt, aber die Frage kann ich mir nicht verkneifen. „Ich hebe ihn für meine kleine Schwester Marwa auf“, erklärt Nagham. Dann bittet sie um Erlaubnis, den Kuchen mit „nach Hause“ nehmen zu dürfen.

Nach und nach erfahre ich die Hintergründe dieser elterlichen Instinkte.  Nagham verlor ihren Vater vor einigen Monaten, als sie noch in Syrien war. Sie war auch dabei, als das Haus ihrer Familie zerstört wurde. Ihre Mutter flüchtete mit Nagham und ihren 3 Geschwistern in eine andere Stadt in Syrien, doch auch dort blieben sie von dem grausamen Krieg nicht verschont. Der Tod kam noch einmal in die Familie. Eine Tante und drei Cousins verloren ihr Leben an einem einzigen Tag.

„Wir mussten die Kinder dort rausbringen und in den Libanon gehen“, sagt Leila*, eine andere Tante, die sich momentan um Nagham, ihre zwei Brüder und die kleine Schwester kümmert. Die  Mutter konnte wegen einer Verletzung nicht mitkommen. „Ja, aber meine Mutter kommt sehr bald zu uns“, fällt Nagham ihrer Tante ins Wort. Sie sagt es mit einem so mitreißenden Lächeln, dass auch ihre Schwester und ihr Bruder lächeln. Nagham vermisst ihre Mutter,  aber die Hoffnung auf ein Widersehen hat sie nicht aufgegeben. Ihre Augen leuchten jedes Mal, wenn der Name der Mutter erwähnt wird.

Nagham denkt als große Schwester für ihre kleinen Geschwister mit.

Im World Vision Kinderzentrum hat sie ihre Geschichte durch ein gemaltes Bild erzählt. “Wir baten die Kinder einfach eine Familie zu malen und bekamen dabei viele Hinweise auf Probleme, die die Kinder belasten”, erzählt Mitarbeiterin Joelle Wakim. “Traumatisierten Kindern wie Nagham helfen wir hier unter anderem mit Musiktherapie, durch die sie entspannen und besser mit anderen Kindern Kontakt aufnehmen können.“ Insgesamt werden rund 250 Kinder in vier Zentren betreut.

Nagham kommt an zwei Tagen in der Woche ins Kinderzentrum. „Ich spiele gern mit Lego und sehe hier meine Freunde“, beschreibt sie ihre Lieblingsbeschäftigungen. Sozialarbeiterin Sahar hat an Naghamâ schon eine Verbesserung der psychischen Verfassung beobachtet. „Am Anfang hat sie nicht viel geredet und nicht viel mitgemacht, aber langsam öffnete sie sich für ihr Umfeld.“

Ein Stückchen Glück: Die Geschwister teilen sich auf ihrem Matratzenlager den Kuchen, den Nagham mitgebracht hat.

„Mir kommt es so vor, als käme sie jedes Mal ein Stück glücklicher vom Zentrum zurück“, meint auch Tanta Leila*. „Sie bringt immer etwas Gemaltes oder Gebasteltes mit und will jetzt auch ihre 6jährige Schwester mit dorthin nehmen.“ Die Tante gibt sich Mühe, die Mutter der Kinder so gut wie möglich zu vertreten, aber das Leben in der Flüchtlingsunterkunft hat dem gewohnten Leben der Kinder nicht viel gemein. 11 Familien teilen sich die Räume einer „Mousalla“, eines muslimischen Gebetshauses. Sie schlafen auf Matratzen auf dem Boden, versuchen mit Decken etwas Privatsphäre herzustellen. Durch ein Nothilfeprogramm von World Vision hat Naghams Familie Gutscheine für Lebensmittel erhalten.

Leila* macht sich Sorgen wegen der Schule. „Bildung ist uns heilig“, sagt sie. „Ich würde sogar am Essen sparen, um die Kinder in die Schule schicken zu können. In Syrien haben sie schon  ein Jahr verloren, hatten kaum eine Woche Unterricht. Ich will nicht, dass sie noch ein zweites Jahr verlieren.“

Ein neuer Erlass der libanesischen Regierung erlaubt es syrischen Kindern, öffentliche Schulen im Libanon zu besuchen. Jetzt im Oktober beginnt ein neues Schuljahr. Das ist eine Chance. Anders als in Syrien wird der Unterricht im Libanon jedoch nicht in arabisch, sondern in Fremdsprachen abgehalten. Um dieses Hindernis zu überwinden, möchte World Vision Kindern wie Nagham bald Förderunterricht anbieten, wahrscheinlich mit Unterstützung aus Deutschland. Die Kinder brauchen nicht nur unseren Schutz, sondern auch eine Perspektive.

*Zum Schutz der Betroffenen wurde der Name geändert

Hier können Sie helfen:

http://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-hilfe-fuer-syrische-fluechtlinge.php

2 Kommentare

  1. Lilli Jung, 26. August 2013

    Wir würden so gerne ein kind aus syrien in unserer Familie aufnehmen?
    Über einen Kontakt wären wir sehr froh.

  2. Iris Manner, 2. September 2013

    Liebe Lilli Jung, euer Mitgefühl für die Kinder aus Syrien freut uns sehr. Danke, dass Ihr euch damit an uns wendet. World Vision kann zwar selbst keine Aufnahme von Kindern in Deutschland vermitteln, ist aber im Libanon, in Jordanien und auch in Syrien selbst aktiv, um Kindern und ihren Familien in ihrer Not beizustehen. Wir sind dringend auf Spenden angewiesen, um die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu decken und sie auf den Winter vorzubereiten. Möglicherweise könnt Ihr außerdem direkt an eurem Wohnort einer syrischen Familie helfen. UNHCR hat ein Service-Telefon für das Aufnahmeprogramm eingerichtet.

    Mit herzlichen Grüßen
    Iris Männer, World Vision

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