UN und deutsches Netzwerk gehen gegen Genitalverstümmelung vor

Diskussionsrunde über Präventionsarbeit und Hilfe für betroffene Frauen und Mädchen in Deutschland

Diskussionsrunde über Präventionsarbeit und Hilfe für betroffene Frauen und Mädchen in Deutschland

Weltweit sind Millionen Frauen und Mädchen aus afrikanischen und einigen asiatischen Ländern von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Täglich kommen schätzungsweise rund 8.000 hinzu. Sowohl die körperlichen und seelischen Folgen für die Betroffenen selbst als auch die gesellschaftlichen Auswirkungen sind drastisch. Mehrere Menschen-und Kinderrechte werden durch sie verletzt.

Aufgrund der Zuwanderung ist auch Deutschland gefragt etwas zu tun. Mehrere tausende Mädchen aus Zuwandererfamilien sind der Gefahr ausgesetzt, in Deutschland oder während eines Aufenthaltes im Heimatland der Eltern an ihren Genitalien beschnitten zu werden – ein wichtiger Teil ihres Sexualorgans, der Klitoris, wird zerstört.

In der Fachtagung „Beschneidung – ein umstrittenes und unbequemes Thema“ ging es am 27. 11. 2012 im Rathaus Berlin-Charlottenburg um die Verantwortung der deutschen Politik und Gesellschaft für die Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung. Der Einladung des Netzwerks Integra, in dem auch World Vision mit arbeitet, waren viele afrikanische und deutsche AktivistInnen aus dem ganzen Bundesgebiet gefolgt. Auch das Bundesgesundheitsministerium und das Familienministerium waren vertreten.

Integra-Sprecherin Barbara Schirmel stellte die Entwicklung und Aktivitäten des Netzwerks gegen Genitalverstümmelung vor. Die Vielfalt der Expertise im Netzwerk sei seine große Stärke. Alle Fotos: Lioba Anna Keuck

Im Programm stand das Lernen voneinander im Vordergrund. Dazu rief auch Bundespräsident Joachim Gauck, Schirmherr von Integra, in seinem Grußwort die deutsche Gesellschaft auf. Er würdigte die Arbeit des Netzwerkes und betonte ausdrücklich die Bedeutung der Zusammenarbeit von Politik und Zivilgesellschaft.

Überwindung ist möglich – politische Unterstützung nötig

Nach Impulsreferaten am Vormittag zu Beispielen erfolgreicher Präventionsarbeit in Kenia und Burkina Faso, sowie in der Schweiz, wurde in Workshops über die Verantwortung von Politik, Zivilgesellschaft und Medien zur Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland diskutiert. Neben einer gesetzlichen Verankerung, so wurde festgestellt, braucht es hierzulande auch eine politische Antwort, wie Mädchen in Deutschland vor dieser Praktik geschützt werden können. Integra fordert deshalb, dass die 2009 gegründete Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Beendigung weiblicher Genitalverstümmlung wieder ihre Arbeit aufnimmt und gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Mädchen in Deutschland und in den Herkunftsländern entwickelt.

Dort wo der Staat klar Stellung bezieht und aktiv die Überwindung der in ganz unterschiedlichen Kulturen verwurzelten Tradition durch eine Kombination verschiedener Ansätze unterstützt, hat es in den letzten Jahren allerdings auch bemerkenswerte Erfolge gegeben. Das Netzwerk Integra repräsentiert die Vielfalt dieser Ansätze und kennt zahlreiche Beispiele von Ethnien, in denen die Beschneidung der Mädchen entweder komplett aufgegeben oder zumindest schon stark zurückgedrängt wurde. Damit geht oft auch eine verbesserte gesellschaftliche Stellung und Anerkennung von Frauen einher.

Während der Tagung betonten die afrikanischen Beraterinnen, dass die jungen Mädchen selbst nur geringe Chancen hätten, selbst über ihr gesundheitliches Wohl zu entscheiden. Daher müssten Familien und Communities davon überzeugt werden, ihren Töchtern die Qual der Beschneidung zu ersparen. Sie seien meist besser auf das Thema ansprechbar, wenn man sich auch um ihre sonstigen Integrationsprobleme und Nöte kümmere. Die bisher meist ehrenamtlich geleistete Arbeit müsse durch den Staat stärker gefördert werden, forderten viele TeilnehmerInnen. In manchen Bundesländern (beispielsweise in NRW) gibt es Beratungsstellen, Runde Tische und Sensibilisierungsmaßnahmen für relevante Berufsgruppen, in anderen jedoch noch nicht.

Hintergrund:
INTEGRA ist ein Netzwerk von derzeit 30 deutschen Organisationen, die sich weltweit für eine Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung engagieren. Bundespräsident Joachim Gauck hat die Schirmherrschaft von INTEGRA übernommen. Weitere Informationen unter www.netzwerk-integra.de

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