Hilfe für syrische Kinder bringt schmerzvolle Erinnerungen zurück

Eine sehr engagierte Mitarbeiterin, die sich bei den syrischen Flüchtlingsfamilien Zeit nimmt zum Zuhören, dabei aber auch an eigene schreckliche Erinnerungen aus dem Bürgerkrieg erinnert wird: Patricia Mouamar im Libanon

Am heutigen Welttag der humanitären Hilfe werben wir für mehr Vorsorge gegen Gewalt-Eskalation und Katastrophen, unter denen die Kinder am meisten leiden. Und wir danken allen, die viele persönliche Opfer bringen, um leidenden Menschen Hilfe und Hoffnung zu bringen. Syrischen Flüchtlingskindern beizustehen weckt bei der Libanesin Patrcia Mouamar zum Beispiels schmerzhafte Kindheitserinnerungen.

Beitrag zum Welttag der Humanitären Hilfe

Von Patricia Mouamar

Wie viele Jungen in seinem Alter imitiert Abdurrahman,9 Jahre aus Syrien gerne Geräusche. Heute machte er den Lärm von Raketen nach. Er begann mit einem BUMM. Dann machte er ein pfeifendes, flüsterndes Geräusch, gefolgt von der kindlichen Nachahmung einer Explosion. Sorgfältig ließ er ein paar Sekunden Pause zwischen den Geräuschen um ganz exakt zu sein.

Die Geräusche, die er machte, waren ausgesprochen realistisch. Sie erinnerten mich sofort an den Lärm der Raketen, den ich gehört habe, als ich in seinem Alter war – während des Bürgerkrieges im Libanon.

Als Libanesin, geboren während des Krieges und aufgewachsen in einem Land, das zerrissen war von Konflikt und Gewalt, konnte ich nicht anders als Abdurrahmans Hand fest zu halten und ihm zu sagen, er müsse stark bleiben – für seine Schwestern und seinen Bruder. „Sie brauchen Dich“, sagte ich ihm.

Ein paar Geräusche aus dem Mund eines Kindes reichten aus, und all die Erinnerungen an Zerstörung und Angst, die ich immer noch in mir trage, kamen erneut hoch. Abdurrahman erklärte mir auch die unterschiedlichen Geräusche eines Raketenwerfers, eines Hubschraubers und einer MIG: „Wenn du einen Hubschrauber hörst, dann musst Du um Dein Leben laufen. Aber wenn Du eine MIG hörst, bedeutet es, dass Du noch am Leben bist, denn die ist so schnell und Du hörst sie erst, nachdem sie gefeuert hat. Aber das heißt auch, dass andere Leute gestorben sind.“ sagt er. Nie hätte ich von einem Kind so ein Wissen über Kriegsgerät erwartet. Die Szenen und Situationen, die er überlebt hat, scheinen in seinem Kopf eingebrannt zu sein.

Wird er sich an die Szenen erinnern, wenn er erwachsen ist? Wird er sich daran erinnern, um sein Leben gerannt zu sein? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich mich daran erinnere! Ich erinnere mich an den Geruch der Angst meiner Mutter – in ihren Armen in einem Bunker während heftiger Bombardements Mitte der 80er Jahre. Diese Erinnerung wird mich nicht mehr loslassen. Auch werde ich nie den Moment vergessen, als unser vierstöckiges Haus über unseren Köpfen von zwei Raketentreffern erschüttert wurde. Diese Erinnerung verfolgte mich über viele Jahre. Viele von uns Libanesen brüsten sich damit, wie widerstandsfähig wir sind, dass wir diese ununterbrochene Gewalt, die seit Jahrzehnten unser Land zerstört, verkraften. Von Zeit zu Zeit rebellieren wir dagegen, dann sind wir wieder völlig abgestumpft, schauen weg und stellen uns blind gegenüber dem ganzen Elend, das umgibt – so geht es vielen auch mit den syrischen Flüchtlingen.

Syrische Flüchtlinge gibt es in jedem Winkel des Libanon. Es gibt kein Gebiet, das nicht davon betroffen wäre. Ihre Zahl ist extrem angestiegen, die Regierung schätzt sie bereits auf über eine Million alleine im Libanon – eine schwere Last für ein Land mit nur vier Millionen Einwohnern.

Ich bin Libanesin und in der humanitären Hilfe tätig. Hier helfen zu können ist Fluch und Segen gleichzeitig. Man hat definitiv das erfüllende Erlebnis etwas zu bewirken, aber der Weg dorthin ist schmerzvoll. Meine Arbeit ist physisch, mental und emotional herausfordernd. Meine Freunde sagen mir immer, ich soll mich nicht zu sehr berühren zu lassen – aber das ist unmöglich.

Im Nothilfe-Einsatz werden die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen zu einem Signal der Hoffnung und des Mitgefühls für die Leidenden. Ich versuche meine persönlichen Bedürfnisse und meine persönlichen Probleme – zum Beispiel die Bearbeitung hunderter E-mails – hinten an zu stellen. Manchmal schweife ich ab von der Arbeit, die ich als Berichterstatterin erledigen sollte. Dann versuche ich mich darauf zu konzentrieren, den Leuten zu helfen, die benötigten Informationen für Berichte zu bekommen – Informationen die oftmals Leben retten können.

Es ist leicht uns selbst einzureden, dass wir nur wenig tun können um etwas zu ändern – angesichts dieser Verzweiflung und enormen Hilfsbedürftigkeit. Aber ich glaube, dass in so einer Situation selbst Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen in so einer Situation. Manchmal bedeutet einfach nur ein Lächeln einem Notleidenden viel, wenn er das Gefühl hat, niemand hört ihm zu. Deswegen versuche ich mich immer hinzusetzen und aufmerksam zuzuhören wenn ich Familien besuche – doch ohne Druck auszuüben und sie zum Reden zu nötigen, sondern ihnen ermöglichen, ihre Erlebnisse mit mir zu teilen, in ihrem Tempo.

Niemand sollte je das Gefühl haben, dass eine Krise so groß ist, dass man nicht mehr helfen kann. In der Syrienkrise (und anderen Krisen auf der Welt) bedeutet jede Hilfe etwas! Auch wenn wir den Flüchtlingen nicht alles geben können, was sie brauchen, hilft es ihnen, wenn sie wissen, dass es Menschen gibt, die an sie denken, für sie beten und sie unterstützen. Es hilft ihnen, denn sie wissen, sie sind nicht allein.

Ihre Spende kommt an!
Spendenkonto:
Evangelische Kreditgenossenschaft,
Konto 8800, BLZ 520 604 10
Zur Online-Spende

 

1 Kommentar

  1. Sofie, 22. August 2013

    Wow, wir können wirklich dankbar, für unsere behütete Kindheit sein!
    Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie großartig World Vision ist, und was für tolle Arbeit alle leisten!!! :)
    Ich danke euch von ganzem Herzen!!!
    Wir können die Welt verändern, und verbessern, wir müssen nur wissen, und daran glauben, dass wir es können!!! :)
    Macht weiter so!!!
    Alles liebe, Sofie <3

Schreiben Sie einen Kommentar


6 + = zehn