Interview zum Weltbildungstag: “Alle können etwas zur Entwicklung einer Lesekultur bei Kindern beitragen”

Bildung_Burundi_Kind_Tafel

„Wir wünschen uns ein Jahrhundert, in dem jedes Kind lesen und mit dieser Fähigkeit Selbständigkeit erlangen kann“, hat Irina Bokova als Generalsekretärin der Weltbildungsorganisation UNESCO zum heutigen Weltbildungstag erklärt. In dem 42jährigen Fidele Nindagiye hat World Vision einen persönlich stark motivierten Mitarbeiter und Verfechter dieses Bildungsziels. Er will eine Lesekultur unter Kindern in Burundi entwickeln.

„Wir wünschen uns ein Jahrhundert, in dem jedes Kind lesen und mit dieser Fähigkeit Selbständigkeit erlangen kann“, hat Irina Bokova als Generalsekretärin der Weltbildungsorganisation UNESCO zum heutigen Weltbildungstag erklärt. Dieser thematisiert die Kenntnisse und Fähigkeiten, die man im 21. Jahrhundert braucht, um an dem dynamischen Austausch von Wissen teil zu haben. Ob man sich über das Internet, per SMS oder in anderer Form beteiligen möchte – Lesen zu können ist der erste Schritt dorthin.

Fidele Nindagiye ist experimentierfreudig, wenn es um die Förderung einer Lesekultur bei Kindern und Jugendlichen geht.

Fidele Nindagiye ist experimentierfreudig, wenn es um die Förderung einer Lesekultur bei Kindern und Jugendlichen geht.

In dem 42jährigen Fidele Nindagiye hat World Vision einen persönlich stark motivierten Mitarbeiter und Verfechter dieses Bildungsziels. Er will dazu beitragen, dass sich in seiner Heimat Burundi unter den Kindern und Jugendlichen eine Lesekultur entwickelt und weit mehr Jugendliche als bisher nach Abschluss der Schule mit praktisch verwertbarem Wissen auf Arbeitssuche gehen können. Seit gut einem Jahr betreut er die Bildungsprojekte von World Vision Burundi und leitet ehrenamtlich ein nationales Alphabetisierungsforum.

In unserem Interview gibt Fidele Einblicke in neue Ansätze zur Leseförderung, die auch mit Spenden aus Deutschland umgesetzt werden.

Am 20. September werdet Ihr an einer Schule in unserer Projektregion Cankuzo eine Mehrgenerationen-Bibliothek eröffnen. Wie wir gehört haben, will auch der Bildungsminister daran teilnehmen. Woher rührt das große Interesse der Regierung?

Burundi musste nach dem Ende des langen Bürgerkriegs praktisch bei Null anfangen, auch beim Aufbau des Bildungssystems. Viele Schulen waren zerstört, viele Lehrer ausgewandert oder demoralisiert. Die 2005 gewählte Regierung hat aber trotzdem das Recht auf Bildung für alle Kinder erklärt und Grundschul-Gebühren abgeschafft. Deshalb haben wir jetzt eine Einschulrate von 96 Prozent. Die Regierung unternimmt auch einige Anstrengungen, um die Lernbedingungen an den Schulen zu verbessern. Diese Anstrengungen unterstützt World Vision durch den Bau neuer Klassenräume, durch die Einrichtung von Bibliotheken und durch Fortbildungsangebote für Lehrer. Das wird von der Regierung positiv wahrgenommen. Eine Mehrgenerationen-Bibliothek erregt besonderes Aufsehen, denn eine solche Einrichtung, bei der vom Vorschulkind bis zum Erwachsenen jeder Bücher ausleihen kann, gibt es in den ländlichen Regionen sonst nicht.

Woher wisst ihr, welche Kinder einer Leseförderung bedürfen und bei welcher Altersklasse setzt ihr an?

Lesendes KindWir messen gezielt die Lesefertigkeiten bei den Kindern von 7 bis 11 Jahren, da die Kinder hier normalerweise mit 7 in die Schule kommen und es wichtig für ihren Schulerfolg ist, dass sie möglichst früh selbständig lesen können. Letztes Jahr haben wir in Cankuzo den Stand bei den Zweitklässlern untersucht und festgestellt, dass nur 26 Prozent der Kinder einen einfachen Satz lesen können. Im Landesdurchschnitt sind es laut einer aktuellen Studie 39 Prozent, aber da sind auch die Kinder mitgezählt, die in Städten oder in der Nähe von Städten wohnen und deshalb mehr Leseangebote haben als die Kinder in Cankuzo.

Welche Leseangebote gibt es denn für Grundschulkinder?

Leider bisher nur sehr wenige. Die meisten Kinder in Burundi besuchen keinen Kindergarten und bekommen zum ersten Mal in der Schule ein Buch in die Hand. Sie müssen sich die Schulbücher zu dritt teilen und haben zuhause keine eigenen Bücher. Das war bei mir auch so. Ich kam erst mit 10 Jahren in die Schule und kannte bis dahin nur ein Buch – die Bibel. Heute sehen zwar mehr Kinder ihre Eltern lesen, aber es gibt im ganzen Land kaum kindgerechtes Lesematerial, das die Eltern vorlesen könnten. In einer bäuerlichen Gesellschaft werden außerdem andere Tätigkeiten höher bewertet als das Lesen. Traditionell erzählt man sich aber viele Geschichten.

Und was habt ihr euch ausgedacht, um die Kinder lese-fit zu machen?

14 Schulen nehmen momentan an unserem Programm zur Leseförderung teil, das innerhalb und außerhalb der Klassenräume Anregungen zum Lesen gibt. 14 weitere Schulen liefern uns bei den Messungen der Lernerfolge Vergleichswerte. Das Programm hat inklusive der Messungen 4 Komponenten und wurde in Zusammenarbeit mit Save the children entwickelt. Gerade jetzt findet hier ein Fortbildungskurs für die Pädagogen und Schulinspektoren der Provinz statt. Sie lernen dabei, mit erprobten Materialien und aktiven Unterricht den Kindern die 5 Grundelemente des Lesens zu vermitteln – Buchstaben, Phonetik, Vokabular, Flüssiges Lesen und Textverständnis. Wir verändern nicht das Curriculum, sondern liefern sozusagen das Salz zur Suppe.

Damit das Lesen auch Spaß macht und Teil des Lebens wird, organisieren wir um die Schulen herum Lese-Camps für die Kinder.

Was passiert in den Lese-Camps?

Zwei Mal in der Woche kommen jeweils rund 40 Kinder mit zwei Vorlesern zusammen, die wir vorher geschult haben. Das sind junge Frauen und Männer, die sich freiwillig engagieren. Die Lesehefte, die wir in den Camps an die Kinder verteilen, stellen wir selbst mit Hilfe einer Software auf dem Computer her. Die Kinder stürzen sich auf diese Hefte, weil darin lokale Geschichten, eigene Bilder und Dinge aus ihrem Alltag vorkommen.

In den selbst produzierten Heften für die Lese-Anfänger werden Alltagsgegenstände dargestellt, die sie kennen. Mit den offiziellen Schulbüchern in Französisch oder Englisch, die häufig aus dem Ausland kommen, tun sich viele Kinder aus ländlichen Gebieten schwer.

In den selbst produzierten Heften für die Lese-Anfänger werden Alltagsgegenstände dargestellt, die sie kennen. Mit den offiziellen Schulbüchern in Französisch oder Englisch, die häufig aus dem Ausland kommen, tun sich viele Kinder aus ländlichen Gebieten schwer.

Was macht den Reiz der Lese-Camps aus?

Ich habe beobachtet, dass sogar Kinder kommen, die noch gar nicht lesen können. Es gefällt ihnen offenbar wenn jemand ihnen laut vorliest und ein Spiel daraus macht, die Geschichte mit ihnen durchzusprechen. Sie werden dann auch sehr lebhaft. Mich hat besonders gefreut, dass ein hörgeschädigtes Kind, das vorher kaum gesprochen hat, im Lese-Camp plötzlich anfing zu reden. Diese Erfahrung hat mich auch sensibler für den Bedarf an inklusiven Bildungsangeboten gemacht.

In die Lesehefte bauen die Mitarbeiter lokale Geschichten und Alltagsthemen ein. Sie sind bei den Kindern und auch bei Erwachsenen beliebt.

In die Lesehefte bauen die Mitarbeiter lokale Geschichten und Alltagsthemen ein. Sie sind bei den Kindern und auch bei Erwachsenen beliebt.

Welche Rolle habt ihr den Eltern und Gemeinden bei diesem Bildungsprojekt zugedacht?

Ihre Beteiligung ist sehr wichtig und die wahrscheinlich innovativste Komponente in dem ganzen Projekt, allerdings manchmal auch eine Herausforderung, weil Bildung bisher hauptsächlich als Aufgabe der Schulen wahrgenommen wurde. Wir laden die Eltern zu Treffen ein und geben Tipps, wie sie im Alltag ihre Kinder beim Lesen, Erzählen und Schreiben unterstützen können. Das geht beim Kochen, Einkaufen und bei vielen anderen Aktivitäten. Wir ermutigen sie dazu, den Kindern auch die kostbaren Momente des gemeinsamen Lesens zu schenken. Wir unterstützen außerdem die Schulkomitees und Kinderrechte-Komitees, die hier in Burundi noch eine ziemlich neue Einrichtung sind.Das Projekt ist zwar noch jung, aber könnt ihr schon Wirkungen sehen?

Ja, wir erleben persönliche Erfolgsgeschichten bei Kindern und beobachten eine Veränderung der Einstellung bei den Eltern. Sie nehmen mehr Anteil am Schulleben und helfen zum Beispiel bei der Organisation der Lese-Camps mit, vor allem die Mütter.

Alain (Mitte) ist erst 4 Jahre alt, kann nach drei Monaten im Lese-Camp aber schon ganze Wörter lesen und schreiben.

Alain (Mitte) ist erst 4 Jahre alt, kann nach drei Monaten im Lese-Camp aber schon ganze Wörter lesen und schreiben.

Ein Zwischen-Fazit?

Es ist gut sich auf ein Bildungsziel zu fokussieren und dabei Partnerschaften einzugehen. Alle können etwas zur Entwicklung einer Lesekultur beitragen – sogar Menschen, die selbst Analphabeten sind. Meine Mutter hat meine Bildung auch sehr gefördert, obwohl sie nicht lesen und schreiben konnte. Sie hat mich jeden Tag gefragt, was ich in der Schule gelernt habe, und ich habe mit Kohle und Kreide alles an unsere Türen und Wände geschrieben, um ihr zu zeigen, dass ich etwas Besonderes konnte. Ich wurde so zum Lernen angespornt und kam mit Erfolg durch die Schule.

Übrigens: Auch Patenpost spornt Kinder aus Burundi und anderen Ländern zum Lesen an!

Helfen Sie mit einer Kinderpatenschaft oder spenden Sie Lesestoff durch das Gute Geschenk!   Danke.

 

Schreiben Sie einen Kommentar


3 + sieben =