Philippinen: Mütter stärker als der Sturm

"Wir haben alles verloren, aber wir geben nicht auf!", sagt Jennifer, Mutter von zwei Kindern aus einem zerstörten Stadtteil von Tacloban. Gerade hat sie mit ihren Kindern die Hilfspakete von World Vision abgeholt.

Bericht von Hasanthi Jayamaha

Seit einer Woche bin ich auf den Philippinen und das massive Ausmaß der Katastrophe überwältigt mich noch immer. Gleichzeitig staune ich über die Widerstandskraft und den Überlebenswillen vieler Menschen hier. So spreche ich in Tabogon auf der Insel Cebu mit einer Gruppe von Müttern, die neben unserem Kinderzentrum warten und freundlich herüberschauen, als sie das World Vision-Auto sehen.

“Wir wussten aus den Nachrichten, dass ein großer Sturm kommen würde und wir unsere Häuser verlassen sollten“, beginnt die 35jährige Nay ihre Erzählung .„Man begreift aber die Gefahr und Zerstörungswut erst, wenn der Sturm wirklich da ist. Der Taifun erreichte unser Dorf, bevor wir zu einem sicheren Ort gelangen konnten. Er blies ein Haus nach dem anderen weg.“ Die anderen Mütter nicken zustimmend.

“Die meisten von uns sind mit Männern verheiratet, die außerhalb des Dorfes arbeiten – meistens in der Stadt. Sie waren auch an dem Tag nicht bei uns. Mein mann zum Beispiel war über 80 Kilometer entfernt bei der Arbeit. Ich musste mich also allein mit 6 Kindern auf den Sturm vorbereiten. Wenn man Kinder tragen muss, kann man nicht viel mitnehmen . Ich habe deshalb etwas Essen für meine Kinder mitgenommen und ein Handtuch, um sie vor dem Regen zu schützen. Wir Mütter haben unsere Kinder zusammengesammelt und sind losgelaufen, sie mit unserem Körper vor dem Sturm schützend. Normalerweise helfen wir uns in schwierigen Situationen gegenseitig, aber diesmal standen alle vor der gleichen Katastrophe und mussten für sich selbst sorgen.

Ich habe meine beiden Jüngsten getragen, und die anderen haben sich an mir festgehalten. Wir erreichten ein Haus, in dem schon andere Mütter mit ihren Kindern waren, aber konnten dort nicht lange bleiben, weil das Dach wegflog. Wir liefen also zum nächsten haus, wichen dabei immer wieder fallenden Bäumen, Ästen und Dachfetzen aus. Meine 10 Jahre alte Tochter wurde trotzdem am Kopf getroffen und verletzt.

 

Nay hat ihre beiden jüngsten Kinder durch den Sturm getragen.

Nay hat ihre beiden jüngsten Kinder durch den Sturm getragen.

In  Augenblicken wie diesem denken wir nur an die Sicherheit unserer Kinder. Eine Mutter würde alles tun um ihre Kinder zu schützen. Das hat uns auch Kraft gegeben. Ich habe mich nicht mit Gedanken an das Risiko zu Sterben aufgehalten. Das war keine Option. Wir mussten einfach dafür sorgen, dass unsere Kinder überleben.

Als wir schließlich ein stärker gebautes Haus erreicht haben, waren wir alle vom Regen durchweicht. Da es keinen Arzt und keine Medizin dort gab, habe ich einige Kräuter-Blätter aus dem Garten auf die Wunde meiner Tochter gelegt. Das Haus füllte sich schnell und wir hatten keinen Platz zum Sitzen. Wir standen und hielten unsere Kinder fest in den Armen, beteten für unser Leben. Viele Kinder weinten vor Angst. Meine vier ältereren Kinder fielen irgendwann auf meinen Füßen erschöpft in den Schlaf und hielten sich dabei noch an meinen Beinen fest. Wir Mütter standen die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen.

Wir konnten am nächsten Tag hinaus gehen, aber der Anblick war schrecklich – überall entwurzelte Bäume und zerstörte Häuser, unsere Sachen vollgesogen mit Wasser. Wir fingen an aufzuräumen und bauten aus aufgesammeltem Holz und den resten unseres Hauses einen Unterschlupf. Da die Straßen blockiert waren und keine Busse fuhren, dauerte es mehrere tage, bis mein Mann zu uns ins Dorf kam.

Eine Frau wäscht zwischen den Trümmern die Wäsche für die Familie.

Eine Frau wäscht zwischen den Trümmern die Wäsche für die Familie.

Wir bekamen dann Lebensmittel von World Vision. Das war eine große Erleichterung und hilft uns immer noch. Jetzt brauchen wir am dringendsten regenfeste Unterkünfte. Viele Familien benutzen Säcke für das Dach. Aber wenn es regnet – und es regnet oft – dann sickert das Wasser trotzdem durch. Dann haben wir keinen Platz zum Schlafen und die Kinder bleiben die Nacht wach. Die Hauptsache ist aber dass wir überlebt haben. Wir sind dankbar dafür, und das Kinderzentrum wird den Kindern helfen, sich von der Katastrophe zu erholen.“

Die Mütter lächeln, und ich lächele zurück. Die Kinder sind in Sicherheit, an diesem kinderfreundlichen Ort, doch nur deshalb, weil ihre Mütter stärker waren als der Sturm Haiyan.

 

 

1 Kommentar

  1. Sofie, 28. November 2013

    Ein toller Bericht!! <3

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