Taifun Haiyan: Folgen für die betroffenen Kinder

Interview mit Heather McLeod, Kinderschutz-Expertin bei World Vision

Wieso sind nach dem Taifun auf den Philippinen so viele Kinder betroffen (40 Prozent aller Opfer)?

Die Zahl von 40 % der Opfer würde Sinn machen, da etwa 40% der Bevölkerung Kinder unter 18 Jahre alt sind. Die Vereinten Nationen berichten jetzt von 5,4 Millionen Kindern, die von den Auswirkungen des Taifuns betroffen sind.

Was brauchen die Kinder nun am nötigsten?

Kinder brauchen Grundlagen für das weitere Überleben . Hier meine ich, sowohl physische und psychische ‘ Erste-Hilfe ‘ . Also Kinder brauchen Nahrung, Wasser und Obdach und den Zugang zu medizinischer Grundversorgung, damit sie körperlich gesund bleiben. Außerdem müssen sie wissen, wie sie sich mit all den neuen Gefahren um sie herum sicher verhalten können – es gibt eine Menge Schutt, der herumliegt. Normalerweise halten Community-Mitglieder ein wachsames Auge auf Kinder und tun alles, um sie vor Gefahren zu schützen, aber die Gemeinden sind selbst schwer getroffen. Viele Familien haben mit sich selbst zu tun.

Verschiedene Kinder reagieren in unterschiedlicher Weise. Einige sind in der Lage, besser zurecht zu kommen als andere. Es hängt von ihrer Persönlichkeit ab, was sie erlebt haben, wie für sie gesorgt wird. Deshalb ist es wichtig , dass Kinder und Erwachsene in der jetzigen Situation verstehen, dass viele ihrer Reaktionen in einer Katastrophe normal sind, da die Belastungen immens sind. Also Kinder brauchen jetzt Fürsorge von Erwachsenen. Sie müssen mit ihren Freunden spielen oder neue Freundschaften schließen können, damit sie sich nicht allein fühlen. Besonders in Katastrophensituation brauchen Kinder schnellstens wieder einen geregelten Tagesablauf. Kinder möchten in dem Chaos um sich herum, dass etwas Positives geschieht. Das gibt Ihnen ein Gefühl der Hoffnung.

Auch Kinder müssen Informationen bekommen – es hilft ihnen, die Kontrolle über sich selbst zu behalten – , aber sie müssen ihnen in einer Weise beigebracht werden, die Kindern angemessen ist. Auch Eltern müssen Informationen bekommen, damit auch sie das Gefühl haben, zumindest über einen Teil ihres Lebens Kontrolle behalten zu haben. Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, all sein Hab und Gut verloren zu haben, vielleicht sind ihre Eltern, Angehörigen und Freunde gestorben. Sie haben kein Gefühl mehr, was als nächstes passiert. Daher ist es wichtig sowohl Kinder und Eltern so umfangreich über die Situation zu informieren, damit sie beruhigt sind und wissen, dass es weiter geht und was als nächstes passiert.

Werden Kinder bei den Hilfsmaßnahmen vor Ort bevorzugt?

Die Arbeit von World Vision ist auf Kinder fokussiert. Daher wissen die Mitarbeiter vor Ort, die in solchen Situationen tätig werden, genau, dass Kinder in Katastrophen besonders anfällig sind. Wir wissen, welche schrecklichen Auswirkungen Katastrophen auf das tägliche Leben von Kindern haben. Solche Erlebnisse stören die gesunde Entwicklung enorm. Daher ist es so extrem wichtig, den normalen Alltag schnellstmöglich wieder herzustellen.

Wie schwer sind die Trauma-Schäden bei Kindern, die durch eine Naturkatastrophe ihre Eltern verloren haben – und wie kann ihnen geholfen werden?

Kinder, die von ihren Eltern oder Familien getrennt wurden, weil diese entweder vermisst oder tot sind, brauchen am meisten Hilfe. Unsere erste Aufgabe besteht darin, diese Kinder so schnell wie möglich zu finden, damit man Angehörige suchen kann oder Erwachsene ausfinding macht, die sich um sie kümmern. Am besten ist es, jemanden als Betreuer zu haben, den die Kinder schon kennen. Das kann jemand aus der Großfamilie oder aus dem engeren Freundeskreis der Familie sein. Von vertrauten Menschen umgeben und umsorgt zu sein, hilft den Kindern, psychologisch / seelisch mit der Situation klar zu kommen. Wie ich schon sagte ist jedes Kind ein Individuum und deshalb sind nicht alle Kinder gleich von einer Katastrophe mitgenommen. Sie reagieren auch unterschiedlich darauf. Wichtig ist aber, dass sie Bezugspersonen um sich haben, denen sie vertrauen und die ihnen zuhören. Das Umfeld (die Gemeinschaft) muss wissen – oder Informationen darüber erhalten – wann und wo man Unterstützung bekommen kann, um Kindern zu helfen, die besondere Aufmerksamkeit benötigen. World Vision arbeitet mit anderen Organisationen und der Regierung zusammen um eine gute Koordination auf allen Ebenen sicher zu stellen, damit bei der Katastrophenhilfe kultursensibel auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird. Wir achten dabei darauf, den Mädchen und Jungen selbst Gelegenheit zu geben, ihre Bedürfnisse zu äußern und Ideen einzubringen, wie man ihnen am besten helfen kann.

Kleiner Hoffnungsschimmer: Ist es tatsächlich so, dass Asiaten in Extremsituationen besser aufeinander aufpassen als Europäer?

Ich würde sagen, dass Eltern und Großfamilien auf der ganzen Welt ihre Kinder sehr lieben und sich besonders in schwierigen Situationen sehr um sie kümmern. Auf den Philippinen wie in vielen Ländern werden die Kinder oft von Mitgliedern der Großfamilie betreut und dies kann besonders in schwierigen Zeiten wie diesen hilfreich sein. Allerdings kann auch der Verlust von entfernteren Familienmitgliedern negative Folgen für Kinder haben. Um Kindern bestmöglich helfen zu können, müssen wir verstehen, dass es die Rolle der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Regierungen ist, Familien und Gemeinden so gut wie möglich helfend zur Seite zu stehen, damit sie in der Lage sind, in solch schwierigen Zeiten gut für ihre Kinder zu sorgen.

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HIntergrund:  Die Neuseeländerin Heather Mc Leod (53) ist ausgebildete Krankenschwester und hat auch eine Ausbildung im Bereich öffentliche Gesundheit und Pflege. Während ihrer Ausbildung hat sie sich besonders mit dem Thema Kinderschutz beschäftigt. Sie arbeitet inzwischen 22 Jahre für World Vision. Sie war weltweit im Noteinsatz für Kinder, u.a. Völkermord in Ruanda, Kosovo-Krise, dem asiatischen Tsunami, Erdbeben in Pakistan und Flüchtlingskinder. Ihr erster Job war die Betreuung von Kindern in Rumänien nach dem Zusammensturz des Kommunismus.

Heute trainiert sie Mitarbeiter, wie sie sich gegenüber Kindern in Notsituationen verhalten müssen und repräsentiert World Vision International bei der Kinderschutz-Arbeitsgruppe, in der zahlreiche Hilfsorganisationen zusammen geschlossen sind.

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