Trauma mit Plastikpistole: Begegnung mit Ahmed aus Syrien

Ahmed (10) schaut zu, wie sein kleiner Bruder Hussein (4) und seine Schwester Emal (11) über ihre Hoffnungen für Syrien sprechen

Ahmed (10) schaut zu, wie sein kleiner Bruder Hussein (4) und seine Schwester Emal (11) über ihre Hoffnungen für Syrien sprechen

Es gibt Worte, die wir lieber vermeiden, wenn wir über humanitäre Hilfe schreiben. „Traumatisiert“ ist so ein Wort. Zu viel schwingt mit in diesem Fachbegriff, der in sehr speziellen Zusammenhängen und mit sehr spezifischer Bedeutung eingesetzt wird. Doch als ich diesem Jungen begegnete, fiel mir kein anderes Wort ein.

Ahmed ist zehn Jahre alt und lebt mit seiner Familie in einer Zeltsiedlung im Libanon. Seine Familie ist aus Syrien geflohen. Auf der Flucht wurde sein Vater fünfmal angeschossen.

Dieser Junge beobachtete mich und meine Kamera aufmerksam, während meine Kollegen seine Schwester und seinen kleinen Bruder interviewten. Seine ganze Haltung signalisierte Alarmbereitschaft: Ahmed (10) mit Pistoledie Schultern zwar entspannt, wie er sich gegen einen Holzrahmen lehnte, seine Hand zugleich fest um den Griff seiner Spielzeugpistole geklammert. Mit den Augen folgte er wachsam jeder meiner Bewegungen. Ein Beschützer. Wenn er mit etwas unzufrieden war, das gesagt wurde oder mit der Kamera aufgenommen werden sollte, schrie er. Er stieß uns fort. Auch mich versuchte er, mit aller Kraft wegzudrücken. Ich reagierte nicht. Auch nicht, als er seine Spielzeugpistole an meinen Kopf hielt. Erst als er die Waffe gegen sich selbst richtete, kniete ich nieder. Ich sah ihm in die Augen. Er zeigte keine Angst. Er blieb der Beschützer. Auch als ich versuchte, ihn anzulächeln. Ich folgte meinem Instinkt und berührte ihn, legte meine Hand sanft auf seine Schulter und klopfte mit den Fingern rhythmisch auf und ab. Das hatte ich in einer Psychologische-Erste-Hilfe-Fortbildung gelernt. In diesen Kursen geht man ja nie davon aus, dass man wirklich mal in eine Situation kommt, in der man all das anwenden muss. In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte besser aufgepasst, hätte all das Zusatzmaterial durchgelesen, das die Trainer vorgeschlagen hatten.

Das Klopfen war alles, an das ich mich erinnern konnte. Ich habe keinen Schimmer, wie oder warum es funktioniert, aber es funktionierte.

Er ließ zu, dass ich ihm die Spielzeugpistole aus dem Mund zog. Ich sprach mit ihm auf Englisch, er antwortete auf Arabisch. Keiner von uns konnte den anderen verstehen, aber die Berührung seiner Schulter hatte eine Verbindung zwischen uns entstehen lassen. Er beugte sich zu mir vor und legte seinen Kopf auf meine Schulter.

Für den Rest des Tages blieb er an meiner Seite. Auf dem Weg durch die Zeltstadt kam es immer wieder vor, dass er nach Menschen trat und sie anrempelte. Aber zwischendurch lächelte er. Ich schaffte es sogar, ihm beizubringen, wie man jemanden abklatscht. Gib mir Fünf, erst oben, dann unten… – Mist, zu langsam! Er lachte jedes Mal, wenn wir es spielten.

Am Ende des Tages lehnte er sich noch einmal an mich. Als wir fortfuhren, stand er da und winkte, den Rücken an einem Auto. Die Spielzeugpistole hielt er immer noch in der Hand.

Weitere Informationen über die Lage der Flüchtlinge in Syrien und Spendenmöglichkeiten findet Ihr auf unserer Syrien-Nothilfe-Seite.

Autorin: Tanya Penny, World Vision, z.Zt. Libanon

1 Kommentar

  1. Gerhard Gaessler, 24. Januar 2014

    Ganz schlimm was dort gerade passiert!

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