Ausgeblutete Märkte, kreisende Geier: Eindrücke aus dem Südsudan

Malakal, South Sudan

Allein verantwortlich für die Geschwister: Viele Flüchtlingskinder in Malakal sind Waisen

Unser Mitarbeiter Michael Arunga ist in den Südsudan zurückgekehrt und erkennt das Land nicht wieder. Aus der Stadt Malakal ist eine ausgebrannte Steinwüste geworden. Schnell kommt man als Helfer selbst ins Kreuzfeuer der Kämpfe. Das hat unser Team gerade erlebt. Trotzdem tut es sein Bestes, das Leid der geflohenen Menschen zu lindern.

Die Geister des Krieges und der ethnischen Feindschaften sind zurück. Ihr Erkennungszeichen: Morde, Brandschatzungen, sexuelle Übergriffe und Massenvergewaltigungen, Plünderungen, Menschen auf der Flucht. Der Südsudan, dessen “Geburt” als jüngster Staat der Welt ich miterlebt habe, ist zum Schauplatz grausamer Rachefeldzüge geworden.

„Südsudan hoiyee! Südsudan hoiyee! Wir sind überwältigt, dass die ganze Welt heute mit uns feiert…Bitte haben Sie Verständnis, wenn Sie keinen Sitzplatz bekommen haben“. So entschuldigte sich im Juli 2011 der Zeremonienmeister bei den Würdenträgern, die zur großen Unabhängigkeitsfeier des Landes gekommen waren.
Der Südsudan hatte sich auf den Weg in die Freiheit gemacht. Und ich als Mitarbeiter von World Vision, im Nachbarstaat Kenia geboren, durfte diesen Weg ein stückweit mitgehen. Ein historisches Ereignis hatte ich schon miterlebt: Das Referendum. Da war ich in den Bundesstaat Upper Nile gereist, übernachtete im Upper Nile Hotel in Malakal. Ich dokumentierte mit der Kamera, wie die Südsudanesen ihre Stimme für die Abspaltung vom Norden abgaben. Ich war live dabei, wie Achtzigjährige Freudentränen vergossen, weil sie endlich ihre Stimme abgeben konnten.

Bei beiden Ereignissen gab es Tausende von Südsudanesen, die wild entschlossen allen Angriffen trotzten und in ihre Heimat zurückkehrten, um sich dem Aufbau des Landes anzuschließen. Die meisten hatten das Gebiet Jahrzehnte zuvor wegen des Bürgerkrieges verlassen. Diejenigen, mit denen ich sprach, erzählte mir dann, dass sie nun als Vertriebene in Camps im eigenen Land lebten, aber wenigstens nicht mehr als Flüchtlinge im Exil. Der Südsudan war ein Land im Aufbruch.

Nach zweijähriger Pause bin ich vor einigen Wochen wieder in den Südsudan zurückgekehrt. Wie andere Hilfsorganisationen auch hat World Vision schnell auf den Ausbruch des Konflikts reagiert. Wir versorgen mit einem Nothilfeprogramm tausende Menschen auf der Flucht, darüber zu berichten ist meine Aufgabe.

Ich erkenne das Land nicht wieder. Dreimal bin ich nach Malakal gefahren, jener Hauptstadt des ölreichen Bundesstaats Upper Nile, um zu verstehen, was genau passiert ist. Malakal ist ausgeblutet. Was früher ein lebendige Handelsstadt war, ist heute eine niedergebrannte, menschenleere Steinwüste. Hilfsorganisationen, darunter auch wir, haben bei Plünderungen Ausrüstung und Fahrzeuge verloren. Auch Lebensmittel und Hilfsgüter wurden geraubt.

Malakal, South Sudan

Plünderungen – hier eine Aufnahme des World Vision Büros Malakal von Anfang Februar – erschweren die Arbeit der Hilfsorganisationen.

Ich kämpfte mit den Tränen, als mein südsudanesischer Kollege Philip Ronyo in unserem Büro zusammenbrach und weinte. Er erzählte mir von dem Leid, das seine Frau und seine Kinder ertragen mussten, während die Kämpfe in Malakal tobten. Unser Wasser-Ingenieur Paul Otto erlebte letzten Dienstag ebenfalls schreckliche Stunden dort. “Das Schießen und die Detonation von Bomben hielt rund zwei bis drei Stunden an, während wir in großer Angst in einem Bunker saßen, zusammen mit Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen und UN-Organisationen.”

Am Mittwoch vor einer Woche sah ich in Malakal, wie Mitarbeiter des Roten Kreuzes Leichen in Plastiksäcken auf einen LKW luden. Sie wurden in Massengräbern begraben, ohne Trauerfeier, ohne Angehörige.

Auf den Straßen der ganzen Stadt liegen jetzt Uniformen, Stiefel und Koffer herum. Falken und Schwärme von Geiern bevölkern den Himmel. Sie kommen wegen des guten Nahrungsangebots, heißt es.

Über 28.000 Flüchtlinge sind derzeit auf dem Gelände der Mission der Vereinten Nationen in Malakal (UNMISS) eingeschlossen. Auch in der katholischen St.-Joseph-Kirche, in der Malakal Boys High School und im Lehrkrankenhaus der Universität harren Menschen aus. Viele sind nach dem Angriff letzte Woche aber auch geflohen und sollen sich jetzt entlang von Flüssen und im Busch verstecken.

Die Lebensbedingungen im Camp sind miserabel. Der Bedarf übersteigt das Angebot bei Weitem. Bei den Kämpfen wurde obendrein auch eine Wasserleitung zerstört. “Drei Tage lang gab es im Camp kein Wasser”, berichtet Hygiene-Experte Paul Skayem. Sie hätten die Leitung aber repariert, und jetzt stünden jeder Person im Camp wenigstens 2 Liter pro Tag zur Verfügung.

Verzweifelte Frauen und Kinder flehen um Unterstützung. Über dem UNMISS-Gelände liegt ein widerlicher Geruch von Müll und Fäkalien. Die Latrinen sind mit menschlichen Exkrementen überfüllt. Es ist eine Frage der Zeit, bis hier ansteckende Krankheiten weitere Todesopfer finden.

Unser Team bei World Vision versucht, die Not zu lindern. Zusammen mit dem Welternährungsprogramm WFP haben wir bislang 106,76 Tonnen Nahrung an mehr als 21.000 Menschen im UNMISS-Lager verteilt. Nachschub fehlt. Er soll kommen, sobald es die Sicherheitslage wieder zulässt. Auch Haushaltsgüter wurden verteilt – Decken, Schlafmatten, Küchensets , Moskitonetze, zusammenklappbare Wasserbehälter, Kunststofffolien für Wärme und Schutz, Plastikeimer, Zahnbürsten, Zahnpasten, Seife, Damenbinden , Reinigungstücher, Kämme und Plastiktüten.

Diese Sachen helfen. Doch das, was die Menschen mehr als alles andere brauchen – und das sagen sie immer wieder, in allen Gesprächen – ist Frieden. Auch die Kinder fragen danach. Viele von ihnen sind verwaist. Sie streifen einsam, verlassen durch die „Straßen“ des Lagers. Ihnen fehlt jeder Schutz, jede Abwehr für das, was sie erleben mussten und müssen.

Die meisten Kinder wurden rücksichtslos der Gewalt ausgesetzt und brutal aus ihrem alten Leben gerissen. Jetzt reihen sie sich ein, alleine, unsicher, verloren, in den langen Schlangen, in denen Familien im Camp um Essen anstehen.

Wir rufen zu Spenden auf, weil wir das Leid wenigstens lindern wollen. Die Welt muss sich entscheiden, ob sie den Südsudan retten will oder nicht.

Für die Versorgung von Flüchtlingen im Südsudan hat World Vision ein Nothilfekonto eingerichtet:

World Vision Deutschland e.V. Konto Nr. 666 01 Postbank Frankfurt, BLZ 500 100 60 Verwendungszweck: Südsudan

Der Autor, Michael Arunga, stammt aus Kenia und hat als Kommunikationsbeauftragter in vielen afrikanischen Krisengebieten gearbeitet. Derzeit berichtet er aus dem Südsudan über unsere Arbeit und den Konflikt.

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