Sister Fa: „Ich musste kämpfen, um mich durchzusetzen“

Portrait Sister Fa Quer

Rapt mit politischem Auftrag: Die senegalesische Sängerin Sister Fa (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Sie lebt in Berlin, aber die Kinder ihrer Heimat liegen ihr am Herzen und vor allem die Mädchen. Für sie gibt sie Konzerte in abgelegenen Ortschaften im tiefsten Süden oder im höchsten Norden von Senegal. Denn dort dauert ein grausamer Brauch bis heute an: Die genitale Beschneidung von Mädchen. Die 32-jährige Rapperin Sister Fa weiß wovon sie redet und singt: Sie hat diese Sitte am eigenen Leib erfahren. Ein Portrait zum Weltfrauentag.

“Ich erinnere mich an das Gesicht der Frauen, die mich über ein Becken hielten, ich erinnere mich an das Blut und daran, dass meine Mutter sagte, ich solle nicht weinen“, erzählt die Sängerin: „Und an die Schmerzen.“ Wie alt sie damals war? Sie erinnert sich nicht: „Ich war jung, das war bestimmt vor der Schule so mit vier oder fünf.“

Seit 2008 tourt die „Schwester“ immer wieder durch Senegal, um ihre Informationen über die Folgen der Beschneidung der weiblichen Genitalien unters Volk zu bringen: „Es ist heikel, über so ein intimes Thema zu reden, das tabu ist.“ Sister Fa gibt Konzerte, aber vor allem spricht sie zu den Kindern in den Schulen über deren Rechte: „Das fundamentalste ist das Recht auf Schutz.“ Sie spricht von Schutz vor sexuellem Missbrauch, vor sexueller Belästigung und Zwangsheirat, Schutz für Minderjährige vor Heirat und früher Schwangerschaft und natürlich Schutz vor gewissen Traditionen, die der Gesundheit schaden – wie die Genitalbeschneidung.

Zuhören, aufklären, ermutigen: Sister Fa beim Schulbesuch (Foto: Alexander Gonschior/World Vision)

Zuhören, aufklären, ermutigen: Sister Fa beim Schulbesuch (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Dazu braucht es Mut, denn sie ist nicht überall willkommen. Auf ihrer Sensibilisierungstour im letzten Jahr in Nordsenegal wurde die junge Frau sogar angegriffen. Mit ihren langen dunklen geglätteten Haaren stand sie in Jeans und im weißen langärmligen Hemd in einem Klassenzimmer im Dorf Haere Lao und dozierte über Kinderrechte. Doch unter den Schülern befanden sich auch ein paar Jugendliche, die der örtliche religiöse Führer („Kalif“ genannt) geschickt hatte. Als Sister Fa auf die Genitalbeschneidung der Mädchen zu sprechen kam, gebärdeten sich die Typen drohend und behaupteten, der Islam empfehle diese Praktik! Sister Fa, gewohnt an das Argument, widersprach: Schließlich war keine der sechs Töchter des Propheten Mohamed beschnitten und auch keine seiner Frauen! Zudem seien selbst im Heiligen Mekka die Frauen nicht beschnitten. Das wollten die Typen nicht hören. Sie näherten sich, obwohl die Schüler versuchten, den Star zu schützen. Sister wurde aus dem Klassenzimmer geschubst. Sie kam mit blauen Flecken am Arm davon und sagte vorsichtshalber das für den Abend vorgesehene Konzert ab. Als sie mit ihrem Team das Dorf verließ, sah sie, wie sich vor der Schule rund hundert Männer und Frauen versammelten. Sie waren mit Macheten, Knüppeln und Steinen bewaffnet.

Von solchen Vorfällen lässt sich Fatou Mandiang Diatta, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, nicht entmutigen. Sie setzte ihre Tournee fort und tritt dieses Jahr mit der Unterstützung von World Vision in Südsenegal auf.

Rockt ihr Publikum: Sister Fa bei einem Konzert in Senegal (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Rockt ihr Publikum: Sister Fa bei einem Konzert in Senegal (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Mut hatte Fatou schon von klein auf, sonst hätte sie sich nie gegen alle Widerstände in der senegalesischen Hiphop-Szene durchgesetzt! Ihr Vater sah es nicht gern, dass seine Tochter ausging und spät nachts in den Clubs von Dakar auftrat, in denen sich die Rap-Szene traf: „Er ist Lehrer und hätte lieber eine Anwältin, eine Politikerin oder eine Lehrerin als Tochter gehabt“, erzählt Fatou und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Aber leider wollte ich Künstlerin werden – zu meinem Glück!“

Wenn sie spät nach Hause kam und geschimpft wurde, schaltete sie einfach die Ohren auf Durchzug: „Auch wenn das nicht höflich war“, fügt sie hinzu, wie um zu zeigen, dass sie natürlich trotzdem die Benimm-Regeln kennt. Aber sie wollte ein Leben nach ihren Vorstellungen führen. Erst als sie im Fernsehen kam und mit ihrer Kunst Geld verdiente, war der Vater stolz auf sie: „Sie war schon immer ein Dickkopf“, sagt er heute: „Das muss sie von ihrer Mutter haben.“

Ernstes Thema: Fatou im Gespräch mit Kindern über Genitalverstümmelung(Foto: Alexander Gonschior/WV)

Bitterernstes Thema: Fatou im Dialog mit Kindern über FGM (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Papa ist heute ihr größter Fan und unterstützt sie auch bei ihrer Arbeit gegen die Klitorisbeschneidung. So lässt er sich bereitwillig von Journalisten aus allen Ländern interviewen. Die Mama starb, als Sister Fa noch Fatou hieß und gerade in der Abschlussklasse war. Ihre Mutter wurde nur 38 Jahre alt.

Daraufhin brach Fatou endgültig die Schule ab, von nun an lebte sie für den Rap: „Das ist eine Männerwelt, in der ein Mädchen schlecht angesehen war“, erinnert sich die junge Frau mit den braunen Augen. „Ich musste kämpfen, um mich durchzusetzen.“ 2005 wurde sie als erste Frau beim Hiphop-Festival in Dakar als „bestes Nachwuchstalent“ ausgezeichnet. Auf ihr Solodebüt „HipHop Yaw La Fal“ („Der Hiphop hat dich ausgewählt“) folgten Einladungen beim Radio und Fernsehen. Sie wurde in ihrer Heimat Senegal bekannt.

Die Liebe brachte sie dann nach Deutschland, 2006 zog Sister Fa nach Berlin. Sie hatte in Senegal Lukas, einen Österreicher, kennengelernt, der in Berlin lebte: „Wir haben geheiratet, und er hat mich mit nach Deutschland genommen.“ In Berlin kam Tochter Mariama zur Welt. Die 5-Jährige erklärt stolz: „Ich bin Afrika und Österreich und in Berlin geboren!“

In der Bundeshauptstadt machte Sister Fa auch ein neues eigenes Album, Titel „Sarabah“. In ihrer Musik verwendet sie westafrikanische Instrumente wie Kora, Balafon und Djembe-Percussion. Das ist durchaus bezeichnend für den so genannten Senerap, den Positive Black Soul oder Daara J Anfang der 1990er Jahre begründeten. Die Altrapper waren Fatous Vorbilder. Die Rapper Senegals verstehen sich als Bürger, die zur Veränderung der Gesellschaft beitragen, so auch Sister Fa. Ihre Texte warnen zum Beispiel vor arrangierten Hochzeiten oder besingen das harte Los von Dorffrauen.

Gemeinsam für die nächsten Generationen: Sister Fa mit Schwester (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Gemeinsam für den Schutz von Mädchen: Sister Fa mit Schwester (Foto: Alexander Gonschior/WV)

In Senegal hatte Sister Fa die Beschneidung der Mädchen als ungerecht empfunden, seit sie als Teenager erlebte, wie in der Nachbarschaft zwei Mädchen daran starben. Aber erst in Deutschland hatte sie Zeit, darüber nachzudenken. Hier bekam sie übers Internet auch detaillierte Informationen zur Genitalverstümmelung und ihren Folgen: Die Verbreitung von Krankheiten wie Aids durch die Nutzung eines Messers für mehrere Mädchen, die Gefahr, wegen rostiger Klingen an Tetanus zu sterben, Komplikationen im Sexualleben und bei der Geburt von Kindern …

Ihre Kunst soll einen Sinn haben: Sister Fa engagierte sich gegen die weibliche Genitalbeschneidung. Seit 2008 tourt sie gemeinsam mit NGOs durch Senegal, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen.

Seit vergangenem Jahr kooperiert sie mit dem Kinderhilfswerk World Vision, das in sechs Regionen des Senegal arbeitet. Unter dem Motto „Kunst für Kinderschutz“ – so der Titel auch des gemeinsamen Projektes – besucht Sister Fa mit ihrem Team die entlegenen Dörfer der Casamance, der Region im Süden Senegals an der Grenze zu Mali, Guinea und Guinea-Bissau, wo Mädchenbeschneidung immer noch üblich ist, obwohl in Senegal seit 1999 verboten. „Wo die Politik versagt, gewinnt die Musik“, erklärt Fatou: „Wir versuchen, das Tabu zu brechen.“

"Heute akzeptiere ich mich wie ich bin" (Foto: Alexander Gonschior/WV)

“Heute akzeptiere ich mich wie ich bin” (Foto: Alexander Gonschior/WV)

Hilft ihr Engagement, über die eigene schmerzliche Erfahrung hinwegzukommen? „Das kann niemals repariert werden“, sagt sie energisch: „Die Konsequenzen gehen weit über die Tat hinaus, das Traum und der Schock bleiben wie die Spätfolgen.“ Nur die Psyche könne geheilt werden, hofft Sister Fa, die keine so genannte Infibulation erlitten hat: Sie wurde nicht „zugenäht“, wie das oft nach der Beschneidung von Klitoris und Schamlippen praktiziert wird. „Ich danke Gott dafür. Heute akzeptiere ich mich wie ich bin. Ich schäme mich nicht mehr, fühle mich nicht mehr als unvollständige Frau.“

Ihren Eltern hat sie verziehen: „Mein Vater hatte nicht die Möglichkeit zu sagen, ich will das nicht, das ist gefährlich für meine Tochter.“ Ihre eigene Tochter, die fünfjährige Mariama, begleitet die Mama auf ihrer Tournee. Während Sister Fa sich um die Organisation kümmert, tobt die Kleine über die sandigen Schulplätze. Mariama soll sich einmal durchsetzen, wie die Mama!

Als die Tochter darauf besteht, vorne im Jeep neben der Mama auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen, erklärt ihr Fatou, dass das verboten sei. „Kinder kommen nicht ins Gefängnis!“ antwortet Mariama pfiffig. Erst als die Mama erklärt, dass dann eben sie selbst verhaftet werde, weil sie ihr Kind nicht geschützt habe, lässt sie sich auf dem Rücksitz nieder. Wenn auch ein bisschen schmollend.

Martina Chikhi

 

1 Kommentar

  1. Sven Beier, 8. März 2014

    Was für eine tolle Frau.Sie wird noch viel erreichen.

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