Syrien-Krise: Boote tragen weitere Horizonte als Flüchtlingslager sie bieten

Ein Ende des Krieges in Syrien wünschen sich die Flüchtlinge am meisten -  bis dahin brauchen  sie und ihre Kinder aber auch Lebensperspektiven und nicht nur das Nötigste zum Überleben. Foto: Dirk Gebhardt / laif

Gerade aus dem syrisch-libanesischen Grenzgebiet zurückgekehrt, hört Iris Männer die Nachrichten über die Aufnahme syrischer Bootsflüchtlinge vor italienischen Küsten mit anderen Ohren. Einige Portraits von Kindern und ihren Familien erklären warum.

Vor der sizilianischen Küste sind 1.200 Flüchtlinge aus Booten gefischt worden. Viele Frauen und Kinder sollen unter ihnen sein –geflohen aus Syrien. Diese Nachrichten von heute höre ich mit wacherem Bewusstsein als noch vor drei Wochen, obwohl ich bei solchen Nachrichten meistens mit den Betroffenen mit hoffe und mit leide. Jetzt, nach meiner Reise ins syrisch-libanesische Grenzgebiet,  holt das Schlagwort „Syrien“ aus meinem Gedächtnis neben furchtbaren Bildern von Hunger und Gewalt sofort Menschen mit Namen hervor, denen ich begegnet bin und die mir – der Fremden aus Deutschland – drängende Sorgen, kostbare Erinnerungen, Hoffnungen und Lebensträume anvertraut haben. Das lebhafte, aber stumm gewordene kleine Mädchen Batul und ihre Mutter Faten zählen dazu, der 6jährige Issa mit seinem Musik liebenden Onkel Achmed sowie die 10jährige Imer, deren Erinnerungen an die Zeit des Friedens allmählich verblassen. Ihnen allen wünsche ich so sehr, dass sie nicht noch ein weiteres Jahr als Flüchtlinge leben und auch kein schwankendes Boot besteigen müssen um Hilfe zu erfahren.

Bakul ist durch die Explosionen im Syrien-Krieg am Gehör verletzt worden. Ihre Mutter Faten hofft, dass ihr noch geholfen werden kann, damit sie nicht lebenslang behindert bleibt.

Bakul ist durch die Explosionen im Syrien-Krieg am Gehör verletzt worden. Ihre Mutter Faten hofft, dass ihr noch geholfen werden kann, damit sie nicht lebenslang behindert bleibt.

Batul versucht die Welt zu begreifen. Das jüngst Kind der jungen Syrerin Faten schaut sich neugierig um, während ihre Mutter sich bei der Ausgabestelle einer lokalen Hilfsorganisation in der südlibanesischen Stadt Saida (Sidon) anmeldet. Aber Batul reagiert nicht, wenn man sie anspricht oder ruft.  „Die Bomben-Explosionen haben ihr Gehör kaputt gemacht“, sagt Faten traurig. Sie hat nach ihrer Ankunft im Libanon schon einen Arzt aufgesucht, der diesen Befund bestätigt habe. Sie müsse ein Hörgerät für Batul beschaffen, habe der Arzt ihr gesagt. Der libanesische Staat könne dafür aber leider nicht aufkommen und UNHCR auch nicht. „Wir hassen unser jetziges Leben als Bittsteller, aber was sollen wir tun?“

 

Die Angst vor Bomben und die schlimmen Bilder der Zerstörung haben  Imer über die Grenze begleitet. Sie träumt oft davon, während die Erinnerungen an die Kindheit im Frieden verblassen. Foto: Dirk Gebhardt/laif

Die Angst vor Bomben und die schlimmen Bilder der Zerstörung haben Imer über die Grenze begleitet. Sie träumt oft davon, während die Erinnerungen an die Kindheit im Frieden verblassen. Foto: Dirk Gebhardt/laif

Imer (10) spielt mit anderen Mädchen am liebsten „mein Haus, dein Haus“. Steine für den Häuserbau findet sie reichlich auf dem Acker neben dem Flüchtlingslager, in dem mit ihren Eltern und fünf Geschwistern wohnt. Vor einem Jahr floh die Familie in den Libanon. Imer erinnert sich: „Irgendwann war auf einmal Krieg. Die Leute haben aufeinander geschossen und Flugzeuge haben Bomben auf Dörfer geworfen. Ich weiß nicht warum“.  Die verstörenden Bilder und beängstigenden Geräusche verfolgen sie im Schlaf. Wenn sie von den Alpträumen aufwacht, kuschelt sie sich an ihre ältere Schwester. Alle Kinder wohnen in einem Raum in dem windschiefen Zelt, das aus Holzlatten gebaut und mit weißen Planen bespannt ist. Wasser zum Trinken und zum Baden holen sie aus Wassertanks, die World Vision bereit gestellt hat. Imer war sieben Jahre alt, als der Krieg ausbrauch. Ihre Erinnerungen an die Zeit davor verblassen allmählich. Nur im Traum ist manchmal noch alles in Ordnung.  Da besucht das Mädchen, das gerne Lehrerin werden möchte, seine Großeltern oder die Grundschullehrerin Wiaam. Die Lehrerin und die alten Leute blieben in Syrien, als Imer floh. Sie weiß nicht ob sie sie wiedersehen wird.

Achmed (rechts) würde für seinen Neffen Issa und seine Eltern gerne mit einem eigenen Job sorgen können.

Achmed (rechts) würde für seinen Neffen Issa und seine Eltern gerne mit einem eigenen Job sorgen können.

Issa ist ein „i-Dötzchen“. Er ist kurz vor meiner Ankunft im Libanon eingeschult worden. Leider nicht in einer normalen Schule, sondern in einer Zeltschule in einem Flüchtlingslager. World Vision und Unicef haben sie gemeinsam eingerichtet, um den Kindern ein Stück normales Leben und einen Grundstock an Bildung zu geben. Die Schule fällt dem Jungen als erstes ein, als er nach seiner Lieblingsbeschäftigung gefragt wird. In Syrien spielte er Fußball, aber dafür ist im Lager kein Platz. Sein Onkel Achmed macht manchmal Musik auf der Rababa.Großvater Ali hatte in der Nähe von Damaskus eine große Manufaktur für Musikinstrumente. Achmed hätte das Familien-Unternehmen später übernehmen sollen, aber die Werkstatt wurde zerstört. Nun baut sein Vater die Holz-Instrumente vor dem Zelt mit einfachen Werkzeugen in Handarbeit.  Der 65jährige hat die Hoffnung auf Frieden und Neuanfang in Syrien noch nicht aufgegeben „und einfach nur warten kann ich nicht“. Onkel Achmed, der gerade dem Schulalter entwachsen und im Libanon nur geringe Ausbildungschancen hat, sucht nach Wegen zu einer Zukunft in einem Land, „in dem es mehr Möglichkeiten für einen jungen Mann gibt.“

Ali, Großvater des 6jährigen Issa, hat durch den Krieg alles verloren, was er sich aufgebaut hatte: seine Manufaktur, sein Haus und seine Ersparnisse. Er will aber trotz der ungewissen Zukunft aktiv bleiben und stellt Holzinstrumente in Handarbeit her. Foto: Iris Manner

Ali, Großvater des 6jährigen Issa, hat durch den Krieg alles verloren, was er sich aufgebaut hatte: seine Manufaktur, sein Haus und seine Ersparnisse. Er will aber trotz der ungewissen Zukunft aktiv bleiben und stellt Holzinstrumente in Handarbeit her. Foto: Iris Manner

Der Vater der kleinen Rania möchte versuchen, seinem Bruder nach Deutschland zu folgen. Notfalls auch mit dem Boot. Er ist dankbar für die Anwesenheit von Helfern und alle Hilfen, die seiner Familie das schwierige Leben im Flüchtlingslager erleichtern. Eine Zukunft für seine Tochter kann er sich aber nur dort vorstellen, “wo wie in Europa die Menschenrechte ernst genommen werden.”

Ihre Hilfe kommt an. Spenden für syrische Flüchtlinge und weitere Infos

Seiner aufgeweckten Tochter  Rania* möchte dieser syrische Vater natürlich mehr bieten als ein Leben im Flüchtlingslager. Gisly Dewey von World Vision setzt sich im Libanon dafür ein, dass für die Kinder mehr Bildungsangebote bereit gestellt werden.

Seiner aufgeweckten Tochter Rania* möchte dieser syrische Vater natürlich mehr bieten als ein Leben im Flüchtlingslager. Gisly Dewey von World Vision setzt sich im Libanon dafür ein, dass für die Kinder mehr Bildungsangebote bereit gestellt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar


+ drei = 6