Zu wenig Essen, zu wenig Platz für Flüchtlinge und Helfer

Schlangestehen für Wasser: Das Leben in Camp von Malakal ist hart und entbehrungsreich - besonders für Kinder

Malakal, einst eine lebendige Nil-Metropole und die zweitgrößte Stadt des Südsudans, ist eine Geisterstadt. Die Straßen sind leer, die Häuser ausgebrannt, der Marktplatz verlassen. Es herrscht gespenstische Stille. Auf einem UN-Gelände drängen sich Zehntausende Flüchtlinge, aus Angst vor Gewalt. World Vision Mitarbeiterin Katharina Witkowski reiste vor wenigen Tagen nach Malakal , dort wird sie in den kommenden Monaten humanitäre Hilfe leisten. Im World Vision Blog berichtet sie von ihren Eindrücken.

Ein Junge spielt in den Häuserruinen von Malakal

Ein Junge spielt in den Häuserruinen von Malakal (Foto: Nadene Ghouri/World Vision)

Rich, unser Teamleiter in Malakal, holt uns am Flughafen ab und fährt mit uns durch menschenleere Straßen. Er berichtet von den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Malakal im Dezember, von Einwohnern, die sich tagelang in der Kirche vor den Angreifern versteckt haben oder zu schwach waren, um aus ihren Krankenhausbetten zu flüchten. Nichts ist in der Stadt verschont geblieben – auch nicht das World Vision Büro und das Teamhaus, in dem unsere Kollegen mal gewohnt haben.

Als unser Fahrzeug vor dem Büro hält, sehen wir das Ausmaß der Zerstörung: All unsere Fahrzeuge und Computer wurden gestohlen, der Inhalt aller Schränke ausgeräumt und die Büromöbel beschädigt. Wir steigen durch die gebrochenen Fensterscheiben ein und versuchen, Unterlagen einzusammeln, die verschont geblieben sind. Rich mahnt uns, dass es nicht sicher sei für uns, wenn wir uns zu lange in der Geisterstadt aufhielten, und so machen wir uns schnell wieder auf den Weg.

Brandschatzung, Vertreibung, Gewalt: Malakal ist zerstört (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Brandschatzung, Vertreibung, Gewalt: Malakal ist zerstört (Foto: Katharina Witkowski/World Vision)

Philip, unser Kollege, möchte uns noch das Haus seiner Familie zeigen. Auch für unsere südsudanesischen Kollegen hat sich das Leben durch die gewaltsamen Kämpfe in Malakal verändert: Viele sind aus dem Land geflüchtet und die wenigen, die noch dageblieben sind, sind selber zu Flüchtlingen geworden. Philip führt uns durch sein komplett zerstörtes Haus. Wir steigen über zerbrochenes Geschirr, Familienfotos, Kinderspielzeuge – als ich Philip nach seinen Kindern frage, senkt er den Kopf und erzählt uns mit sehr leiser Stimme, dass sie mit seiner Frau in den Nordsudan geflohen sind und er alleine zurück geblieben ist. Wir sind fassungslos. Wir haben die zerstörte Stadt gesehen, von vielen Opfern und viel Leid gehört, aber hier, in Philips Haus, bekommt das Leid zum ersten Mal ein Gesicht für uns. Und während wir die Stadt in Richtung des Flüchtlingslagers verlassen, kreisen die Geier über Malakal.

Auf engstem Raum mit Tausenden und viel zu wenig Sanitäranlagen: Eine Familie im Camp von Malakal

Auf engstem Raum mit Tausenden und viel zu wenig Sanitäranlagen: Eine Familie im Camp von Malakal (Foto: Nadene Ghouri/World Vision)

Die Menschen, die sich vor den Angreifern retten konnten, sind auf das nahgelegene Gelände der Vereinten Nationen geflüchtet, um Schutz zu suchen. Mittlerweile ist dieses Gelände zu einem Lager geworden und beherbergt schätzungsweise 19.000 Menschen. Da es nie für solche Zwecke ausgelegt war, es aber der einzige sichere Ort für diese Menschen zu sein scheint, sind die Lebensbedingungen hier extrem. Es gibt zu wenig Platz, um Zelte aufzustellen, die Familien schlafen unter großen Planen. Viele von ihnen haben sich in Gräben niedergelassen, die ursprünglich für die Abwässer der Latrinen angelegt worden sind – das Lager ist hoffnungslos überfüllt.

Anfang Mai wird die Regenzeit einsetzen und das Lager überschwemmen. Man muss kein Experte sein um zu verstehen, dass Kinder in diesem Lager einer sehr großen Gefahr ausgesetzt sind, an Infektionen wie Cholera oder Durchfall zu erkranken. World Vision und andere Hilfsorganisationen arbeiten fieberhaft daran, die Menschen hier mit Lebensmitteln zu versorgen, medizinische Dienste zu Verfügung zu stellen und Sanitäranlagen aufzubauen. Aber der Bedarf ist immens. Die Menschen sind traumatisiert und die Bedingungen im Lager extrem schlecht. Das gilt auch für unsere Mitarbeiter und Kollegen anderer Hilfsorganisationen. Rich und Philip zeigen uns ihr “neues Zuhause”: Hier leben alle Hilfsorganisationen gemeinsam mit den Flüchtlingen in einem Lager, den auch wir sind nicht sicher außerhalb des Geländes. Rich, Philip und die anderen World Vision Mitarbeiter zeigen uns die Zelte, in denen sie schlafen. Ein Haus gibt es nicht, und unser neues Büro besteht aus zwei Plastiktischen und Plastikstühlen unter der prallen Sonne. Wasser zum Duschen gibt es nur alle paar Tage, auch das Essen für unsere Kollegen ist knapp.

Malakal ist kein guter Ort für Kinder - aber die Helfer versuchen alles, um die Situation zu verbessern

Malakal ist kein guter Ort für Kinder – aber die Helfer versuchen alles, um die Situation zu verbessern (Foto: Nadene Ghouri/World Vision)

Katharina Witkowski bloggt derzeit als humanitäre Helferin aus Malakal

Katharina Witkowski bloggt derzeit als humanitäre Helferin aus Malakal

Ich fühle mich überwältigt von dem Leid und den Bedingungen, unter denen diese Familien und kleinen Kinder leben müssen, ich bin fassungslos über die Grausamkeiten, die wir in der Stadt gesehen haben und die schrecklichen Geschichten über die Kämpfe, die uns Rich erzählt hat. Ich bin traurig über den Verlust, den viele Menschen hier erfahren haben, und über Philipps persönliche Geschichte. Aber ich fühle auch sehr viel Bewunderung für den Einsatz, den unsere World Vision Kollegen hier in Malakal zeigen, ganz besonders unsere südsudanesischen Kollegen, die alles verloren haben. Sie sind nur geblieben, um World Vision weiter zu unterstützen und den betroffenen Menschen zu helfen. Malakal ist meine bisher schwierigste und berührendste Erfahrung in der Humanitären Hilfe – und ein Grund für mich, mich weiter für die betroffenen Kinder einzusetzen. Wir wollen unser Stück dazu beitragen, diesen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen.

Tausende Kinder im Südsudan müssen wie dieses Mädchen als Flüchtlinge leben - eine politische Lösung des Konflikts ist dringend notwendig (Foto: Nadene Ghouri/World Vision)

Tausende Kinder im Südsudan müssen wie dieses Mädchen als Flüchtlinge leben – eine politische Lösung des Konflikts ist dringend notwendig (Foto: Nadene Ghouri/World Vision)

World Vision ist dankbar für jede Spende, mit der wir den Menschen im Südsudan helfen können. Auf unserer Südsudan-Seite findet Ihr Infos zu Unterstützungsmöglichkeiten.

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