Bei Freunden in der Mongolei – Ein Patenbesuchsbericht

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von Kathrin Kehrer-Billhardt

Und da sind wir also: Am Horizont erscheinen inmitten der Nebelschleier die ersten Sonnenstrahlen und unser Zug fährt langsam in den Hauptbahnhof der mongolischen Hauptstadt ein. Für meinen sechsjährigen Sohn Daniil und mich ist Ulan-Bator die letzte Station unserer dreiwöchigen Reise durch Russland und Sibirien. Wir werden von Frau Temka, die im Projektgebiet Tolgoit für die Spenderbetreuung zuständig ist, freundlich empfangen und in unser Quartier in der Nähe des Stadtzentrums gebracht. Sie hat bereits alles Notwendige für uns organisiert. Aber bevor wir am nächsten Morgen das Projektgebiet besuchen, wollen wir uns erst einmal ausruhen. Dreißig Stunden Zugfahrt im Schlafwagen waren für Daniil ein tolles Abenteuer, aber auch recht anstrengend.

Es ist Freitag morgen, 9:00 Uhr und Temka steht pünktlich und gut vorbereitet vor der Tür. Der Fahrer bringt uns in das Projektbüro des World Vision Projektes Tolgoit. Tolgoit umfasst 8 der insgesamt 32 Stadtteile von Songinokhairkhan, dem größten Stadtbezirk Ulan-Bators, am Standrand gelegen und rasant wachsend. Auch in der Mongolei ziehen immer mehr Familien vom Land in die Hauptstadt auf der Suche nach Arbeit, Einkommen und medizinischer Versorgung und einem besseren Leben. Die vorhandene Infrastruktur ist diesem Ansturm jedoch keineswegs gewachsen und so sieht man nicht selten inmitten der kleinen Häuschen viele traditionelle Gers (Nomadenzelte).pic 1

Zunächst einmal lerne ich einige Mitarbeiter im Projektbüro kennen und erfahre viel Interessantes über die Arbeit vor Ort. Besonders beeindruckt bin ich, wie ernst die Kontaktpflege mit den Spenderinnen und Spendern genommen wird. Frau Bolorerdene, die Projektleiterin, stellt in einer kleinen Präsentation die Projektarbeit mit ihren vielfältigen Facetten vor und beantwortet meine Fragen sehr ausführlich und genau. Im Projektgebiet werden insgesamt 1849 Kinder betreut, davon sind 1169 Kinder in das Sponsoring-Programm aufgenommen. Dieses Entwicklungsprojekt befindet sich bereits der dritten, d.h. einer fortgeschrittenen Projektphase und kann viele Erfolge vorweisen. Besondere Aufmerksamkeit wird der gesundheitlichen Versorgung und Zugang zu Bildung gewidmet. Zusätzlich werden zeitlich begrenzte Projekte initiiert wie das kürzlich abgeschlossene Projekt „Mobile Clinic“, in dem lokale Ärzte in einen Klinikmobil zu den Allerärmsten fuhren, um dort grundlegende medizinische Versorgung bereitzustellen und die Familien zu motivieren, ihre Kinder in den vorhandenen Gesundheitseinrichtungen vorzustellen. Inzwischen wurde dieses Projekt abgeschlossen, da sich die Situation im Stadtbezirk gebessert hat.

Besonders beeindruckt hat mich, wie mit vergleichsweise wenig organisatorischen Aufwand sehr viele Kinder und Familien erreicht werden, indem beispielweise ältere Kinder bereits Gelerntes an Jüngere weitergeben – der sogenannte Kind-zu-Kind-Ansatz – indem ganze Schulklassen eingebunden werden, und wie die vorhandenen lokalen medizinischen und sozialen Infrastrukturen durch geeignete Unterstützungsmaßnahmen so weitergebildet werden, dass möglichst viele Familien erreicht werden können. Sehr effizient wirkt auch die Arbeit der Mütter untereinander, indem erfahrene Mütter Ihre Erfahrungen in Ernährung, Kindererziehung und Bildung weitergeben. Ein weiteres, sehr erfolgreiches Projekt sind die „Spargemeinschaften“: Hauptsächlich Frauen schließen sich zu Gruppen zusammen, die gemeinsam sparen und Mikrokredite z.B. zur Gründung eines kleinen Geschäftes vergeben.

Wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Müttern und Frauen ist und wieviel Veränderung diese in den Familien bewirken können, wurde mir schrittweise im Laufe des Tages deutlich, denn auch die Mutter meines Patenmädchens war eine jener Frauen, die aktiv im Projekt mitarbeiten und damit viel für die eigenen Kinder und andere Familien bewirken können.

Mein Patenkind Oyunchimeg unterstütze ich bereits seit fast sieben Jahren und mindestens zweimal jährlich erhalte ich – zusätzlich zu den von World Vision initiierten Jahresberichten und Grußkarten – einen selbstgeschriebenen Brief. Diese Briefe zeugen von ihrer guten Entwicklung – sie ist inzwischen 16 Jahre alt. Im letzten Brief schrieb sie „Wenn wir uns kennenlernen, werde ich für Sie tanzen und singen“. Und nun ist es soweit! Oyunchimeg steht vor mir, gemeinsam mit ihrer Mutter: Etwas verlegen, aber durchaus selbstbewusst lächelnd. Mein Sohn Daniil, der bisher am großen Besuchertisch mit dem von World Vision bereitgestellten Spielzeug gespielt hat, schafft es allerdings, genau diesem Moment das Beklemmende zu nehmen: Indem ihm der seit drei Wochen wackelnde Schneidezahn just in diesem Moment herausfällt. Wir müssen alle schmunzeln und nachdem der junge Mann begutachtet und versorgt ist, kommen wir miteinander ins Gespräch. Nach einigen Minuten verschwindet Oyunchimeg und taucht kurz darauf in einem traditionellen mongolischen Tanzkostüm wieder auf.

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Die nun folgenden drei Tänze beeindrucken mich sehr, der letzte Tanz, den sie selbst geschrieben und einstudiert hat, erinnert mich ein wenig an „Gangnam-Style“, aber unglaublich schnell und komplex getanzt. Sie hat wirklich Talent und freut sich über unseren Beifall. Berechtigt stolz zeigt sie mir, welche Preise und Auszeichnungen für gutes Lernen, aber auch bei gesamtmongolischen Wettbewerben im Tanzen und Singen sie bereits gewonnen hat.

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Wir müssen nun bald aufbrechen, denn der nächste Programmpunkt, der Besuch eines Selbsthilfeprojektes steht an. Trotz des noch immer strömenden Regens – Ulan-Bator scheint förmlich im Matsch zu versinken – bringt uns der Fahrer sicher in die „Lehrwerkstatt“. Hier stellen die Mitarbeiter auf Strickmaschinen, die hälftig von World Vision gesponsort und hälftig aus Ersparnissen aller Genossenschaftsmitglieder bezahlt wurden, selbst entworfene Kleidungsstücke her. Eine Mitarbeiterin erzählt: „Zuerst habe ich Kleidung für die Kinder gefertigt, damit wir diese nicht mehr kaufen müssen, danach Kleidung für meinen Mann. Dieser Pullover hat ihm so gut gefallen, dass ich nun hier arbeiten darf.“ Entwicklungsarbeit ist oft auch das direkte und indirekte Verändern der Familienhierarchien. Mir haben einige der ausgestellten Kleidungsstücke gut gefallen, durch meine Ausbildung als Textilingenieur vor über 20 Jahren konnte ich die hohe Qualität der Produkte auch werten – und Daniil hat einen neuen Pullover als Erinnerungsstück bekommen.

Während des gemeinsamen Mittagessens erfahre ich vieles Interessante über Oyunchimeg und ihre Familie. Ihre Mutter hat 13 Kinder geboren und früher als Leiterin eines Bahnhofs in der östlichen Mongolei gearbeitet. Der Vater der Kinder ist vor drei Jahren verstorben, so dass sie nun die vier zu Hause noch lebenden Kinder allein durchbringt. Mich fasziniert, dass inmitten der von Oyunchimegs Mutter mitgebrachten Fotos auch zwei Bilder unserer Familie auftauchen. Diese wurden sorgsam aus den Briefen ausgeschnitten, die ich ihr gesendet hatte. Wir gehören also bereits zur Familie. Und wir erfahren, dass Oyunchimegs musikalisches Talent in der Familie liegt. Wir verstehen uns gut und finden leicht gemeinsame Themen, auch wenn wir immer über Temka übersetzen müssen. Und Oyunchimeg versteht sich gut mit Daniil, der mit seiner frischen Zahnlücke gern die Betreuung der „großen Schwester“ annimmt.

Der für den Nachmittag geplante Besuch des Vergnügungs-und Kinderparks fällt buchstäblich ins Wasser, wir planen gemeinsam um und so lerne ich doch noch den großen Khan kennen. Vor dem Regierungspalast sitzt er, zeugt von vergangenem Ruhm. Ist er nun der Blickfang und Mittelpunkt des Palastes?

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Da wir zuvor soviel Armut gesehen haben, kommt mir dies noch unwirklicher vor. Aber wir haben Glück: Für eine halbe Stunde setzt der Regen aus und wir können fotographieren. Es entstehen viele gute Erinnerungsfotos mit Oyunchimeg und ihrer Mutter.

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Gegen 16:30 Uhr müssen wir uns leider verabschieden, aus Paten sind Freunde geworden und Oyunchimeg verspricht mir, dass Sie gern studieren möchte und ihr Englisch verbessern wird. Sicher werden in den nächsten Jahren nicht nur zwei Briefe jährlich zwischen Deutschland und der Mongolei hin-und herflitzen.

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Was eine Kinderpatenschaft ausmacht:

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