Die roten Lederschuhe

Children listen to WV staff within a child-friendly space built by World Vision with the UN base in Malakal, Upper Nile. The child-friendly spaces are providing children the space they need to play, learn and recover from trauma. Refugees in Malakal

Ich sehe sie nur aus den Augenwinkeln…. Wir rasen mit unserem Auto eine staubige Straße entlang, bewaffnete Männer sind überall. Anzuhalten, um besser sehen zu können, wäre zu gefährlich.
Sie liegen im Staub… kleine rote Lederschuhe mit Riemchen und silbernen Schnallen, an den Zehen leicht abgewetzt. Nach der Größe zu urteilen, müssen sie einem Kind im Alter von vier bis fünf Jahren gehört haben. Es ist ein ungewöhnliches Bild. Ordentlich stehen sie nebeneinander, als hätte sie jemand auf ein imaginäres Regal gestellt.

Ein Stück weiter liegt ein einzelner Turnschuh eines Erwachsenen in einem Graben.
Gleich hinter dem Ort sehe ich zwei graue Kunststoffkoffer. Sie sind geöffnet, aber leer – der Inhalt wurde wohl gestohlen.

Wir fahren weiter und immer wieder sehe ich ähnliche Gegenstände am Straßenrand. Jeder Schuh, jedes Kleidungsstück, jede Tasche….alle Gegenstände sind Beweise für das, was hier passiert ist. Die Stadt Malakal wurde im Dezember vergangenen Jahres überfallen und die Menschen rannten um ihr Leben, während der Kampf um sie herum tobte. In den verkohlten Trümmern liegen die Sachen immer noch herum.

Der brutale Konflikt zerreißt den jüngsten Staat der Erde, den Südsudan. Der schlimmste Angriff auf Malakal passierte am zweiten Weihnachtstag, morgens um sieben Uhr. Schwere Artillerie schlug in Gebäude ein, Gewehrsalven waren in der ganzen Stadt zu hören, bewaffnete Männer liefen mit Gewehren und Messern durch die Straßen. Viele Menschen waren noch in ihren Betten und wurden im Schlaf überrascht. Chaos brach aus. Erwachsene schrien ihre Kinder an, sie sollten so schnell rennen, wie sie können, warfen eilig ein paar Sachen in Taschen und Koffer und schlossen sich in überfüllten Autos, auf Lastwagen oder zu Fuß den endlosen Flüchtlingsströmen an.

Flüchtlingslager platzt aus allen Nähten

Hier das Video aus dem UN-Lager:

Heute leben viele der Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen im Flüchtlingslager, dass sich im Lager der Vereinten Nationen in der Nähe von Malakal entwickelte. World Vision hilft hier den Menschen mit Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser und Hygienemaßnahmen und hat für die Kinder Betreuungszentren eingerichtet.

Phillip ist ein Vater von zwei Kindern. Er erinnert sich an die Horrornacht und erzählt unter Tränen: “Meine Frau wollte gerade zum Markt gehen, als der Angriff begann. Sie ließ alle Säcke mit Reis und Zucker fallen und wir rannten zur Straße. Für sie und die Kinder bekamen wir noch gerade einen Platz auf einem Lastwagen, der Richtung Norden fuhr, aber für mich war kein Platz mehr. Ich gab ihnen ein paar Decken und küsste sie zum Abschied. Ich weiß nicht, ob und wann ich meine Familie wieder sehen werde.“
Die zehnjährige Marie berichtet: „Als die Kämpfe begannen liefen wir zuerst zum anderen Ende der Stadt. Aber auch dort wurde geschossen und so liefen wir wieder zurück. Ein Verwandter von mir wurde getroffen. Sie fiel hin, aber Gott sei Dank wurde sie nicht getötet. Als wir wieder zu Hause ankamen, sahen wir, dass viele Menschen tot waren. Sie waren alle erschossen worden, als sie versuchten, zu fliehen. Es gab nirgendwo mehr einen sicheren Platz in der Stadt.“

In der allgemeinen Panik verloren viele Kinder ihre Eltern. Einige wurden von ihren Nachbarn mitgenommen, aber manche waren völlig auf sich allein gestellt. In der nahe gelegenen Kirche suchten etwa 300 Menschen Zuflucht, aber auch hier war es nicht sicher erzählt der neunjährige Simon: „Die Soldaten holten alle jungen Männer ab, um sie zu töten. Unser gesamtes Eigentum nahmen sie uns weg, sogar die Decken und die Matratze meiner Mutter nahmen sie mit.“

Die Menschen, die es schafften, aus der Stadt zu flüchten, rannten immer weiter so schnell sie konnten. Etwa 20.000 Menschen schafften es zu einer Basis der Vereinten Nationen, die einige Kilometer entfernt lag. Die Soldaten der Friedenstruppen öffneten ihnen die Tore und ließen die Menschen herein. Andere Flüchtlinge rannten in entgegengesetzt Himmelsrichtungen, versuchten in Dörfern und Städten bei Verwandten Unterschlupf zu finden. Einige liefen zwei oder drei Tage lang ohne Unterbrechung, ohne Wasser und Nahrung.

Vielleicht hat das Kind, dass in der Panik seine Schuhe verlor, überlebt. Doch die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass der kleine Junge oder das kleine Mädchen bei dem Angriff getötet wurde oder auf der Flucht ums Leben kam. Tausende von Kindern, tausende von Erwachsenen wurden seit Dezember aus ihren Heimatdörfern und Städten vertrieben. In ganz Südsudan sind inzwischen mehr als 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Der Konflikt nimmt kein Ende. Die Gewalt breitet sich immer weiter aus. Immer mehr Kinder werden von ihren Familien getrennt und es gibt Befürchtungen, dass viele von ihnen als Kindersoldaten rekrutiert wurden.

Hilfe ist dringend notwendig

Als wir die Straße weiter entlang fahren, erzählen andere Gegenstände die Geschichte weiter. Ein defektes Tuk Tuk, kaputte Reifen, ein verkohlter Kühlschrank in einer Häuserruine….diese Dinge zeigen, dass die Menschen auch ihre gesamte Lebensgrundlage verloren haben. Bewaffnete Gruppen, Banditen und verzweifelte Menschen plünderten, was in der Stadt noch übrig war. Wenn die Kämpfe irgendwann aufhören und die Flüchtlinge in ihre Dörfer zurückkehren können, werden sie nichts mehr vorfinden. Sie müssen ihr Leben ganz von vorn anfangen. Rich Mosenko, bei der Kinderhilfsorganisation World Vision zuständig für humanitäre Hilfe beschreibt die Situation als „gewaltig und überwältigend.“ Er erklärt: „Das Lager der Vereinten Nationen platzt aus allen Nähten. Das Risiko der Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera und Typhus ist groß. World Vision und andere Organisationen haben sauberes Wasser und Zelte organisiert, aber wir können nichts tun gegen die Enge und die vielen Menschen.“ Auch außerhalb des Flüchtlingslagers ist die Situation dramatisch. Es gibt zu viele Unschuldige, meist Frauen und Kinder, die sich nicht mehr selbst helfen können. Hilfe ist darum dringend nötig.

http://www.worldvision.de/spenden-katastrophenhilfe-gewalt-im-suedsudan-spendenformular-suedsudan.php

Nadene Robertson

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