E-Cards: Nur ein Dollar pro Tag und doch ein Stückchen Würde

E-Cards statt Lebensmittelrationen: Ein Stück Würde für syrische Flüchtlinge (Foto: Patricia Mouamar, World Vision)

“Jedes Mal wenn ich an die Zeit von den e-Cards zurückdenke, fange ich an zu weinen”, sagt Alia*, Mutter von drei Kindern und einer von mehr als 30.000 Flüchtlingen im Libanon, die derzeit von jenen elektronischen Lebensmittelkarten profitieren, die e-Cards genannt werden. Jeden Monat verteilt World Vision solcher Geldkarten an 7600 syrische Flüchtlinge allein hier, in der mittleren Bekaa-Ebene.

Alia sagt, allmonatlich warte sie auf den 5. – das ist der Tag, an dem ihre e-Card neu aufgeladen wird. Dann kann sie Milch für ihren 3-jährigen Sohn kaufen. “Das ist für mich das Wichtigste: diese Milch. Ich kann sein blasses Gesicht kaum noch ertragen”, sagt Alia.

Ein Dollar pro Tag für Essen

Aus Mitteln des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen konnte World Vision seit November 2013 31.901 Flüchtlingshaushalten in der Region Bekaa helfen. Jeder Flüchtling erhält 30 US-Dollar im Monat, die ihm auf seine oder ihre e-Card überwiesen wird. Das entspricht einem Dollar pro Person pro Tag. Alias Familie hat zum Beispiel fünf Mitglieder – gemeinsam bekommen sie 150 Dollar im Monat.

Viele syrische Familien leben im Libanon in umfunktionierten Zweckbauten - diese Familie ist in einer Autogarage untergekommen (Foto: Patricia Mouamar, World Vision)

Viele syrische Familien leben im Libanon in umfunktionierten Zweckbauten – diese Familie ist in einer Autogarage untergekommen (Foto: Patricia Mouamar, World Vision)

Alia floh aus Syrien in den Libanon, weil sie auf Sicherheit für ihre Familie hoffte. In den vergangene zwei Jahren hat sie in einer Garage mit zwei anderen syrischen Familien gelebt. Zuhause in Syrien hatten sie ein geräumiges Haus. Die Kinder gingen in Schulen mit guter Reputation. Heute ist alles, was sie hat, die humanitäre Hilfe, die sie von World Vision und gelegentlich von anderen Institutionen erhält.

Toilette ohne Privatsphäre

“In einer Garage zu leben, war ein Alptraum”, erinnert sich Alia. “Es fühlte sich an, als habe man alle meine Würde verloren”. In der Garage gab es keine Türen, nur Vorhänge, um “Räume” voneinander abzutrennen. Auch um die Toilette gab es nur einen Gardine. Immer, wenn ich aufs Klo wollte, musste ich das vorher ankündigen, in der Angst, jemand könnte einfach so hereinlaufen”, erinnert sich Alia.

Zum Glück ist dieses Kapitel des Alptraums zuende. Durch die e-Cards konnte Alia das Geld, das sie sonst für Essen ausgegeben hatte, für eine neue Unterkunft sparen. Seit kurzem kann sie die Miete für eine Zwei-Zimmer-Privatunterkunft bezahlen. “Wir haben gerade begonnen, uns wieder als Menschen zu fühlen”, sagt Alia jetzt, nach ihrem Umzug. Auch wenn die neue Unterkunft besser ausgestattet ist als die alte – gut ist sie nicht. Einige Türen und Fenster fehlen. Aber wenigstens gibt es wieder so etwas wie Privatsphäre. “Ich bin hierher gezogen, weil ich meinen Kindern zeigen möchte, dass wir noch leben. Dass wir noch Menschen sind. Dass wir unsere Würde noch nicht ganz verloren haben.”

Die Würde behalten unter schwierigsten Bedingungen: informelle Zeltsiedlung syrischer Flüchtlinge im Bekaa-Tal (Foto: Ludwig Rauch)

Die Würde behalten unter schwierigsten Bedingungen: informelle Zeltsiedlung syrischer Flüchtlinge im Bekaa-Tal (Foto: Ludwig Rauch)

Der Einfluss der e-Cards ist je nach Familie sehr unterschiedlich. Während e-Cards Alias Familie geholfen haben, Geld einzusparen und dadurch ihre Wohnsituation zu verbessern, hängt für andere syrische Familien das bloße Überleben von ihnen ab. “Ohne e-Cards wären die am schlimmsten betroffenen Syrer im Libanon gestorben”, sagt Sabah, 60, eine Syrerin, die mit ihren zwei Söhnen, ihrer Tochter und ihren Enkeln ins Bekaa-Tal geflüchtet ist.

Sabah und ihre Familie leben nun schon seit mehr als einem Jahr hier. Ihre Lebensbedingungen haben sich verbessert, leicht. Doch die Erfahrungen, die sie in den ersten Monaten als Flüchtlinge gemacht haben, haben sich für immer in ihre Erinnerungen eingeätzt. Sabah nennt sie “die schlimmsten schwarzen Tage unseres Lebens”.

“Wir trugen nichts bei uns als unsere Kinder”

“Wir flohen so wie wir waren – barfuß. Wir trugen nichts bei uns als unsere Kinder”, sagt Ibtisam, Sabas 32-jährige Tochter. Sabah und Ibtisam berichten, dass sie beinahe verhungerten in den ersten Wochen, nachdem sie im Libanon angekommen waren – es gab nichts zu essen, bis sie ihren offiziellen Flüchtlingsstatus erhielten. “Nachdem wir registriert waren, konnte uns World Vision sofort die e-Cards geben”, sagt Sabah. “Die haben unser Leben gerettet”.

In Cam Asraq, Jordanien, könnten syrische Flüchtlinge mit ihrer e-Card im Supermarkt einkaufen (Foto: Meg Sattler, World Vision)

In Cam Asraq, Jordanien, könnten syrische Flüchtlinge mit ihrer e-Card im Supermarkt einkaufen (Foto: Meg Sattler, World Vision)

Mit der e-Card können Sabah und ihre Familie Grundnahrungsmittel kaufen – Reis, Brot, Weizenmehl, Öl und mehr. “Wir werden zwar nicht richtig satt, aber wenigstens verhungern wir auch nicht”, sagt Sabah. Das Essen hält nie länger als bis zur Monatsmitte vor. Und niemand aus der Familie hat bislang eine feste Arbeit.

Sonnenstich statt faire Bezahlung

“Ich bin zwei volle Tage aufs Feld gegangen, um 20 Dollar zu verdienen”, sagt Ibtisam und erklärt unter Tränen die Sinnlosigkeit dieser Bemühung. “Am Ende musste ich 20 Dollar für Medizin ausgeben, weil ich einen Sonnenstich bekam – ich hatte zu viele Stunden in der prallen Sonne gearbeitet. Ich weine, weil niemand für uns Arbeit findet”, sagt sie**.

In der fortwährenden, wachsenden Not syrischer Flüchtlinge im Libanon sind Sabah und Alia nur zwei unter Zehntausenden Menschen, die nichts weiter haben als einen Dollar pro Tag, für den sie Essen kaufen können. Und jeder Kauf muss sorgfältig bedacht und kalkuliert werden, damit man am Leben bleibt.

*Namen zum Schutz der Identität der Flüchtlinge von der Redaktion geändert

**In Bekaa liegt die Durchschnittstemperatur bei 31ºC, häufig ist sie deutlich höher.

Das Leid der Menschen in Syrien und der syrischen Flüchtlinge in Jordanien, Libanon und der Türkei hält unvermindert an. Weiterhin sind 11 Millionen Syrer im Land und 3 Millionen außer Landes dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit vor Ort und helfen Sie mit einer Spende.

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